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„Vom natioHarbeutfdjien Juden"
sich erschließt. Wer nach dieser Richtung hm zu zweifeln vorgibt,
erweist dem Judentum einen recht schlechten Dienst und den Anti¬
semiten einen vortrefflichen.
Und wer den Anschein erregt, daß solches Bekenntnis des
Centralvereins zwar vorliegen möge, aber augenscheinlich bedeu¬
tungslos sei, da es ja noch immer Antisemiten gebe — der ist um
seine politische Naivität zu beneiden oder vielleicht ist seine Naivität
auch zu beklagen. Er sieht nicht, daß der Antisemitismus eine Waffe
der Reaktion ist, die diese nicht ableaen kann, ohne sich selbst
preiszugeben; es ist seine letzte, seine wirkungsvollste Waffe, weil
sie geschmiedet ist aus jahrtausendalten, ererbten Vorurteilen, die
erst in Jahrzehnten und Jahrzehnten unter der Einwirkung einer
neuen Weltbelrachtung und neuer Weltverhältnisse gänzlich stumpf
werden wird. Und auch die nutzlosen Ausführungen von Herrn
Dr. N. werden diese Entwicklung nicht beschleunigen.
Endlich die Frage der Ostjuden! Was verlangt denn Herr
Br. N.i Er scheint nicht zu wissen, daß die deutschen Grenzen gegen
Osten gesperrt sind, und zwar seit sehr langer Zeit, und er scheint
nicht zu wissen, daß gegen diese Sperre der Grenzen niemals sei¬
tens des Centralvereins ein Einspruch bei der Regierung erhoben
worden ist. Würde er über die Verhandlungen zwischen der Re¬
gierung und dem Eentralverein sich unterrichtet haben, so könnte
er aus diesen Tatsachen einen Vorwurf nicht ableiten.
So bleibt noch übrig, sieh darüber zu verständigen, wie jene
O-stjuden oder auch östlichen Einwanderer behandelt werden sollen,
die sich aus der Zeit vor der Grenzsperre in Deutschland befanden.
Da ist zu unterscheiden. Sollen jene cmsgewiesen werden, die lange
vor dem Kriege in Deutschland sich unter Zustimmung der Polizei
und der oberen Behörden befunden haben? Sollen jene ausge¬
wiesen werden, die Hmdenburg und Ludendorsf aus Oberost, aus
Litauen, zum Teil gewaltsam oder doch mit sanftem Zwange nach
Deutschland transportieren ließen, um besonders in unseren Mu¬
nitionsfabriken die Verteidigung Deutschlands zu fördern und zu
stärken? Auch im Völkerleben ist der Anstand nicht nur anständig,
sondern auch klug; vor allem für ein Volk, das fast entwaffnet ist,
wie das deutsche, und dessen letzte Waffe die Pflege menschlich-vor¬
nehmer Gesinnung überall in der Welt sein muß: natürlich um ihrer
selbst willen, dann aber auch als allerletzten Schub des eigenen Daseins.
Es sieht — vom antisemitischen Standpunkt betrachtet
— sehr patriotisch aus, zu empfehlen: Heraus mit den 'Ostjuden,
die bereits hier sind in Deutschland; und solche Forderung ist doch
nur politisch gänzlich kurzsichtig. Deutschland ist heute aus die
Sympathie der anständigen Menschen überall in der Welt zu seinem
Schutze angewiesen. Die antisemitische Roheit, Schutzlose zu ver¬
treiben, wird die Sympathie für Deutschland nicht erhöhen. Und
wohin mit ihnen? Und welche Kurzsichtigkeit ist solche Ausweisung
—- von aller Humanitär abgesehen — aus politischen Gründen?
Wir wissen nicht, wie viele Deutsche — Christen und Juden —
infolge des Krieges auszuwandern gezwungen sein werden. Wir
wissen aber, oder wenigstens jene wissen es, deren Beziehungen zum