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Im deutschen Reich
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Nerven feierte, Wohl den bedeutendsten und nachhaltigsten Einfluß
auf mich geübt; und wenn wir auf die heutige Medizin blicken, so
braucht an ihre dem Judentum entstammenden hervorraaendeu.Ver¬
treter kann: erinnert zu werden, ihre Namen schweben ohnedies
auch allen Lippen . .
Da dem Juden der Zugang zum Lehramt überaus erschwert
wurde, ist es auffällig, wie groß die Zahl der Forscher gewesen
ist, die ohne Amt und Würde oft jahrelang der spröden Wissen¬
schaft dienten, ohne Aussicht auf Anerkennung und Lohn. Es liegt
fraglos in der Eigenart des Juden, dem Wesen der Dinge nach¬
zugehen, die Rätsel der Natur zu ergründen und mit aualptifchern
Geiste den Ablauf der Geschehnisse zu erschließen. Der Begründer
derwissenschaftlichenexperimentellenPathologiewarLudwig Traube,
der Arzt, der am Krankenbett die Leiden mit aller Menschenliebe
gesehen hatte und nun mittels Versuchen an Tieren das Gesetz¬
mäßige in der Natur zu erforschen lehrte. Traube gelang es, den
Zusammenhang zwischen Herz- und Nierenkrankheiien zu erfassen,
die grundlegenden Arbeiten über das Fieber zu liefern und die
SSirnmg des Herzmittels Digitalis auszuproben. So bedeutsam
war Traube, daß man ihr: als ersten Zivillehrer au die bis dahin'
reine Militäranstalt der Eharite berief.
Die Klarheit naturwissenschaftlichen Erkeunens und Denkens
gibt sich noch mehr in dem jeder praktisch auswertbaren Medizin
abholden Leipziger Pathologen Cohnheim, dem größten der
Virchowschen Schüler. (Als dem.Meister ein Denkmal im Kreise
seiner Jünger geschaffen werden sollte, gelang es, ihn auszuschalten.
Aber aus der Geschichte ist sein Name nicht zu streichen.) Cohu-
heims klassische Untersuchungen haben das Rätsel der Entzündung
gelöst. Er hat die feinsten Vorgänge, an denen die weißen Blut¬
körperchen in erster Linie beteiligt sind, so klar ersaßt, daß seine
pathologischen Untersuchungen noch heute die bedeutsamste Unter-',
läge für alle Erklärungen abgeben. Auch für die Entstehung der
Geschwülste hat Eohnheim die erste großzügige und richtige Beob¬
achtung gegeben. Er konnte Nachweisen, daß Umlagerrmg und
Versprengung gewisser Keime zur Wucherung und Entartung führen
können. Eohnheim war nicht so universell und so glücklich in der
Medizin wie Virchow; aber was er arbeitete, war vielleicht tief¬
gründiger, scharssümiger und noch exakter. Ein universeller frucht¬
barer Geist, an dessen vielseitige Entdeckungstätigkeit noch heute
allerlei Gebilde, die seinen Namen tragen, erinnern, war der
Heidelberger Anatom Henle. Er hat die Schleifen im Nierenbau
(und damit deren Mechanismus) gefunden, die Lagerung der Seh--
zellen und den Ablauf des Sehens bestimmt, die feinsten Zellen
im Darm (Zylinderepithelien) und damit die Aufnahme der Nahrungs¬
stoffe erklärt, die Haarwurzelscheiden rmkroskopifch gegliedert. Gustav
Jakob Heule hatte allerdings, um seine Tätigkeit an einem öffent¬
lichen Institut ausüben 31t können, die Taufe genommen. Bei der
Beurteilung der Frage, inwieweit.das jüdische Element in der
Wissenschaft Schöpferisches leisten kann, ist auf seine Anführung
nicht zu verzichten.