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Eiteraturblatt des Orients.
Berichte, Studien und Keitiken
für
jüdische Geschichte und Literatur.
JVi R. Leipzig, den 4. Januar 1840»
B i b I i u t h e ca Sussexiuna (Handschriftenmalevei; morgenländische Historienmalerei; Arabesken der Mache sorim , die
Juden in Sana.) — L u z z a t t o, üb. die Hebr. Verskunst. — de Sola: üb. Efraimo Luzzalto. — Lebensskizzen üb. Salomo
Löwisohn und Juda Jeitteles. — Literarische ^totizen und Berichte. — Lit. Ankündigungen. —
BiMlotheca §itss<exlasia.
Der prachtvoll ausgestattete descripiive Catalogue
der kostbaren Handschriften und Druckwerke, die sich in
der Bibliothek des Herzogs von Sussex im Kensington-
Palace zu London befinden, herausgegeben von dem
Bibliothekar Thomas Joseph Pettigrev (London,
Vc>!. I. Part. 1. 1827) gehört wohl unter die Werke,
die nur in wenigen Exemplaren zu uns herübergekom¬
men sind. Für den Liebhaber der orientalischen, insbe¬
sondere^ der jüdischen Literatur würde die Anschaffung
desselben auch nicht im geringsten lohnend sein; denn die
jüdischen Handschriften sind so ungeschickt geordnet (rolied
//iss .. square mss. und spanish mss.) und so fach-
unkundig und ungenügend beschrieben, daß man oft nur
ahnen, oft nicht einmal ahnen kann, was sie enthalten.
Dennoch gewahrt auch diese mangelhafte Beschreibung
einige Ausbeute, und vermag mindestens die Aufmerk¬
samkeit des Forschers auf einige noch unbekannte Schätze
einer umfassenden Literatur zu lenken, die erst in neuerer
Zeit einen Theil des dem gesummten orientalischen Spra¬
chen- und Schriftenthum zugewandten Interesses in An-
spruch nimmt. Sehr dankenswert!) und namentlich in¬
teressant für die, welche die Kunstgeschichte der Völker
bis zu ihren ersten Rudimenten verfolgen und aus den
Schriftzügen, Zeichnungen und Malereien die Charaktere
der Zeiten und Völker, nach einer nicht unbegründeten
Physiognomik, herauslefen, sind die fünf prächtigen
Initialen des Pentateuch, die aus einem reich pikturirten
Codex des A. T., in spanischem Charakter auf feines
weißes Pergament geschrieben (verkauft laut Contrakt
1469), abgebildet sind. Die mittelalterliche Handschriften¬
malerei der Juden und Araber^), die zum Theil so wohl
bei diesen als. bei jenen auf einer Nachgiebigkeit gegen
die Zeiteinflüsse auf Kosten des religiösen Gesetzes beruht,
ist ein bei weitem noch nicht genug beachteter Stoff für
die Kunstgeschichte des Mittelalters. ■
1) In den Verzierungen durch Gemälde und Zeichnun¬
gen sind die Handschriften persischen Ursprungs reicher
als die arabischen und türkischen Ursprungs, und dies
darum, weil die Schiiten, bei ihrer Nichtanerkenntniß der
nachmuhammedischen Sunna, auch im Betreff des Verbo¬
tes ikonischer Darstellung nachgiebiger und freisinniger sind,
als die Sunniten oder Traditionarier, welche denNomo-
kanon der Sunna , den Talmud des Islam, für die secun-
däre religiöse Erkenntnißquelle halten. Zu den ersteren ge¬
hören sämmtliche Altperser; daher sind persische Eodd:, na¬
mentlich der Dichterwerke, häufig mit Vignetten, den höchst
interessanten Erzeugnissen morgenländischer Historienmalerei,
geschmückt. Dir königl. Bibl. zu Dresden besitzt ein hand¬
schriftliches Exemplar des Subchat el-ab rar (Rosenkranz
der Frommen) von G'umi {Ca/al. Flencheri Cod. 62.),
in welchem außer den Portraits Abrahams, Mose's rc. Mu¬
tz ammed abgebildet ist, reitend auf dem sphinxgestalteten
Borak, bekleidet mit einem grünen langen Gewände; über
sein Gesicht bis zu den Schultern herab wallt ein weißes
Tuch, und seinen Kopf umgiebt eine Flammenmütze, wie
ein Nimbus, das Symbol der höchsten Heiligkeit. Eine
andere auf, der Rathsbibl. zu Leipzig befindliche Handschrift
(Cod. Kein*. 27b), welche den Gulistan (Rosengarten)
und Beharistan (Frühlingsgarten), zugleich auf dem
Rande des ersteren den Boston in sich faßt, ist mit drei
sinnig componirten und lebhaft colorirten Bildern geziert,
von denen das eine den Ringkampf eines ältern Athleten
mit einem jüngern, das andere den Dichter Sadi an der
Thüre des Tempels zu Kaschgar sitzend darstellt. Auf dem
dritten, zum Behüristan gehörig, sieht man den in Reise¬
anzug anlangenden und mit drei Dichtern zusammentref¬
fenden Firdausi. Ich verweise auf die Beschreibung die¬
ses Mscr. in dem von Prof. Fleischer verabfaßten ge¬
haltreichen Theile des Catalogs der Codd. Bibi. Senat,
Lips. Findet man in sunnitischen Handschriften auch nur
sehr selten Historienmalereien, wie in den schiitischen, so sind
doch graphische Künsteleien und chimärische Thierverzicrun-
gen in 'denselben sehr häufig. Einzig in seiner Art ist das
Schemailname, ein türkischer Cod. der Dresdner Bibl.
{Cttial Flencheri' Cod. 2T£.) , welches zwölf Gemälde
türkischer Sultane (von Othman I. bis Murad Hl) ent¬
hält, die theils mit Hülfe eines Malers, Namens Othman^
herbeigeschafft, theils den von europäischen Malern verfer¬
tigten Bildnissen der Sultane im kaiserlichen Serail ent¬
lehnt sind. Treffliche Notizen über diesen Gegenstand giebt
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