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anzuwenden wage. Der Beleidiger wurde vor seinen
Oberpriester geschleppt, der ihm eine tüchtige Tracht
Stockschläge für die zugefügte Beleidigung zuerkannte,
trotz aller seiner Gegenvorstellung, Laß sie unabsichtlich
gewesen sei. Es ist eine gemeine Rede unter den
Muslimen hier zu Lande: „Der und der haßt mich mit
dem Hasse der Juden." Wir dürfen uns also nicht
wundern, wenn die Juden von den Muslimen weit wehr
verabscheut werden, als die Christen. Es ist nicht- lange
her, daß sie in den Straßen Kairo's oft gewaltsam ge¬
stoßen, und zuweilen lediglich-deshalb geschlagen zu. wer¬
den pflegten, weil sie einem Muslim zur rechten Hand-
vorbeistrichen. Gegenwärtig sind sie weniger bedrückt;
jedoch dürfen. ßs- noch immer nicht ein anzügliches Wort
aus-fprechen, selbst wenn sie von dem gemeinsten Araber
oder Türken ungerechter Weise verunglimpft oder geschla¬
gen werden; denn vielmals ist ein Jude dem Tode über¬
geben worden auf die falsche und boshafte Anklage hin,
unehrerbietige Worte gegen den Koran oder den Pro¬
pheten geäußert zu haben. Es ist sehr gewöhnlich zu
hören., Vast- ein Araber seinen abgeplagten Esel schimpft
und:,, nachdem er ihm mancherlei, schmähliche Beinamen
beigelegt hat, die Bestie einen Juden nennt.. Ein Jude
wird oft geopfert,, einen. Muslim zu retten, wie in fol¬
gendem Falle sich zutrug. — 1 Ein türkischer Soldat, der
bei. Gelegenheit, einiges Geld wechselte, erhielt von dem
SsniccrfÜ (Geldwechsler), einige türkische, Adlije's
genannte Münzen, jede zu 16 Piastern gerechnet. Diese
gab er einem: Kramer zur Bezahlung für einige gehan¬
delte' Waaremhin,, aber letzterer wollte die Adllj e nicht
anders) als-zu 15 Piaster annehmen, indem er ihm er¬
zählte-,.- der Basha hake die Verordnung erlassen, daß
diese Münze nicht langer für 16 P. passiren solle. Der
Soldat nahm die Adlije's zurück zu dem Ssairafi,
und? forderte, daß er zu-jeder noch einen Piaster zulegen
solle;, er erhielt aber, abschlägige Antwort. Deshalb be¬
klagte: er sich beim Basha selber, welcher, aufs höchste
entrüstet, daß seine Verordnung mißgeachtet würde, den
Ssairafi holen ließ. Der Mann bekannte, daß er sich
einer Entgegenhandlung: schuldig gemacht habe, suchte es
aber dadurch- zu bemänteln', daß er behauptete, fast jeder
Geldwechsler in der Stadt habe dasselbe gethan, und
er nähme Adlije's zu dem nämlichen Werthe an. Der
Basha indeß, ihm mißtrauend, oder es für nothwendig
erachtend, ein öffentliches Strafexempel. aufzustellen, gab
ein Signal mit seiner . Hand, dadurch andeutend , daß
man den Delinquenten enthaupten solle.- Der Hofdol¬
metsch, von Mitleid für dem unglücklichen-Mann bewegt,
bat den Basha, sein Leben zu verschonen. Dieser Mann,
sagte er, hat nicht mehr gethan, als alle Geldwechsler
der Stadt; ich selber- empfing erst gestern Adlije's zu
ebendemselben Werthe. Von' wem, rief der Bascha aus?
Vom einem. Juden, er.wiederte, der. Dolmetsch, mit dem
ich schon viele Jahre lang, im Geschäftsverbindung, stehe.
Der Jude wurde, gebracht und zum Strange verurtheilt,
während der Muslim begnadigt wurde. Der Dolmetsch
in der größten Bestürzung, intercedirte ernstlich für das
Leben des- Juden, aber der Basha war unerbittlich; es
war nothwendig, ein Exempel zu statuiren, und man
meinte besser zu thun, vielmehr einem Juden, als einem
schuldigeren Muslim das Leben zu nehmen. Ich sah
den bejammemswertheN Mann hängen an dem Fenster
eines öffentlichen Springbrunnens, der einen Theil ei¬
ner in der Hauptstraße der Stadt gelegenen Moschee
bildet.^) Man schlang ein Ende des Stranges über
eine der Querstangen des gegitterten Fensters, und zog
ihn so in die Höhe, und als er dicht an das Fenster
geschnürt dahing, war er in einem geringen Grade in
den Stand gesetzt, sich dadurch zu halten, daß er die
Füße gegen die unteren Gitterstaugen stemmte, wodurch
sein Leiden auf eine schreckliche Weise in die Länge ge¬
zogen wurde. Seine Verwandten boten große Geld¬
summen für seine Begnadigung, aber die einzige Gunst¬
bezeugung, die sie erkaufen konnten, war die, daß sein
Gesicht gegen das Fenster gekehrt wurde, so daß ec von
den Vorübergehenden nicht gesehen werden konnte. Er
war ein bei Allen, die ihn kannten,- sehr geachteter
Mann (die Muslimen natürlich ausgenommen), und
hinterließ eine Familie, in sehr hülflosem Zustande ; aber
der Dolmetsch, der wider seine Absicht die Ursache seines
Todes wurde, gab eine Beisteuer zu ihrer Unterstützung.
Die Juden in Egypten führen im Allgemeinen ein sehr
geruhiges Leben, indeß finden sie außer Leuten ihrer Re¬
ligion nur Wenige, die mir ihnen gemeinschaftliche Sache
machen wollen. Ihre Kost ist äußerst nahrhaft ; jedoch wer¬
den sie gemeinlich als ein mäßiges Volk betrachtet. Die
Wohlhabenderen unter- ihnen kleiden sich zu Hause, recht
hübsch, aber sie legen-eine schlechte, selbst schäbige Klei¬
dung an, bevor sie aus'gchen; und- obgleich ihre Hauser
von außen ein gemeines und schmutziges ^lussehen. haben,
so enthalten doch viele derselben schöne und wohlattsge«
stattete Zimmer. In. dem Hause sind sie nicht so streng,
als die meisten, andern Orientalen^ in Verbergung ihrer.
Weiber vor. Fremden, oder wenigstens vor ihren Volks--
genossen und vor. Franken; es geschieht oft, daß ein
Gast aus Europa- in ein Gemach eingeführt wird, wo
die Frauen der Juden unverfchleiert sitzen, und daß ihm
von diesen Frauen aufgewartet wird. Dieselbe. Sitte
waltet noch bei vielen der spanischen, in Kairo wohnen¬
den Christen vor.- Man sagt, daß nicht, selten Jntriguen
mit den Jüdinnen, gespielt werden; aber man findet,
keine erklärten Buhlerimun unter ihnen. Die Lage der
niedrigeren Kolksklaffen ist sehr elend; viele von ihnen-
3) Es ist. wunderlich, bemerkt Laue, daß die Muslimen
einen Juden gegen ein Fenster einer Moschee hängen, da sie
ihn als eine so unreine Kreatur betrachten, daß sein Wlut ihr
Schwert besudeln würde. Aus diesem Grunde wird me-ein
Jude in Egypten enthaupttt.