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haben keine anderen Subsistenzmittel, als die ihnen von
den Oberen der Synagoge ettheilten Almosen. Habsucht
ist ganz besonders ein Charakterzug der Juden in Egypten,
mehr als der in andern Landern, wo sie weniger bedrückt
sind. Sie vermeiden auf daS sorgsamste, mit Benutzung
aller ihnen zu Gebote stehenden Mittel, den Verdacht,
im Besitze großen Reichthums zu sein. Aus diesem
Grunde kommt es, daß sie öffentlich eine so lumpige
Figur machen, und das äußerliche Aussehen ihrer Häuser
vernachlässigen. Sie sind im Allgemeinen streng m
Ausübung ihrer Religionssatzungen, und obgleich listig
in Handelsgeschäften, sind sie doch ehrlich in Erfüllung
ihrer Eontrakte. Viele der egyptischen Juden sind
Ssarraf's^) (Banquiers oder Geldverleiher); andere
sind Ssairafi's, und als Männer von strenger Recht¬
lichkeit geschätzt. Einige sind Gold- und Silberschmiede;
andere treiben den Handel von Kleinkrämern oder Obst¬
händlern u. s. w. Wenige der Wohlhabenderen sind
Engroisten.^ Außer diesem Theil 1l. S. 343 —348
gegebenen'Berichte finden wir in dem trefflichen Wecke
des geistreichen und gelehrten Britten noch folgende No¬
tizen: Die egyptischen Juden sprechen,, wie die muslimi¬
schen Egypter, Kopten und Syrer, mit wenigen Ausnah¬
men, keine andere Sprache als nur die ar a b i sch e, welches
auch die allgemein angenommene Sprache der hier an¬
sässigen Fremden ist. Die Nubier sprechen unter einan¬
der ihre eignen Mundarten (I, 26). Der koptische
Patriarch, das Haupt seiner Kirche, entscheidet geringere
Rechtshändel unter seinem Volke in der Hauptstadt, und
der untere Klerus hat dieselbe Berechtigung an andern
Orten, jedoch kann an den Kadhi appellirt werden.
Ein von einem Kopten beleidigter Muslim kann sein
Recht bei dem Patriarchen oder bei dem Kadhi suchen;
ein Kopte hingegen, welcher Rechtshülfe gegen einen
Muslim sucht, muß sich an den Kadhi wenden. Die
Juden befinden sich in ganz ähnlicher Lage (j, 151). —
Wir hören, daß Lane sein mit höchster Akribie, abge¬
faßtes Werk durch eine abermalige Reise nach Egypten
dem Ideale der Treue und Vollständigkeit noch näher
führen wolle; möchte er auch die Zustande und Sitten
der jüdischen Bevölkerung, die er bis jetzt nur aus ober¬
flächlicher Berührung kennen gelernt zu haben scheint,
in einer gründlichen Schilderung seinem malerischen Werke
einverleiben.
© AlexadLren. In keiner Stadt des Orients
begegnet der Reisende einer solchen Anzahl fränkischer
oder europäisch gekleideter Juden als hier, namentlich
seit der selbstständigen Herrschaft Mehemed Ali's, und
leicht könnte ein oberflächlicher Rcisebeschreiber die Meinung
4) Dieses Wort ist in die englische Sprache übergegangen:
Shrott's, best von den Geldwechslern zu Calcmta, wie
such das englische N a b o b aus Indien stammt (das arabisch
pl. NuvYivab, der Statthalter, Unter- oder Mcerichter).
aussprechen, daß alle diese äußerlich Europaisirten nur
Einwanderer aus dem Occident seien. Dies ist aber nicht
der Fall; es sind im Gegentheil seit der Selbstständig¬
keit Egyptens mehr Juden als sonst früher ausgewan¬
dert; die Häufigkeit der fränkischen Tracht bei dm Ju¬
den ist leider nur eine Folge der grenzenlosen Tyrannei
des egyptischen Pascha. Die Europäer werden bekannt¬
lich, da sie unmittelbar unter dem Schutze der europäi¬
schen Consuln stehen, von der heimischen Tyrannei ver¬
schont, und die Juden, bis jetzt oft der härtesten. Ty¬
rannei ausgefttzt, scheueren weder Mühe noch Geld, um
solche Nachweise der europäischen Abkunft irgend wie
zu erhalten, welche ihnen denn ein kräftiges Mittel
gegen Bedrückungen waren. Die Consuln christlicher
Staaten verhalsen theils aus Menschlichkeit und Liebe,
theils aus Eigennutz zu solchen Scheinen, vorzüglich schon
deshalb, weil ihr Anhang dadurch vermehrt wurde. Diese
durch die Tyrannei Hervorgerufene List, deren sich die
wohlhabenden und reichen Juden bedienten, brachte in
einigen Jahren eine Lücke in das Erpressungssystem, so
daß der Pascha verordnen mußte, daß alle Neueuropäer
nur dann als solche betrachtet werden sollten, wenn sie
mit der Legitimation ihres fränkischen Ursprunges auch
das fränkische Eostüm anlegten, weil er sie sonst dem
christlichen Schutze entziehen werde. Die meisten legten
natürlich die europäische Tracht an; denn sie wollten
sich lieber dieser für sie freilich sehr unbequemen Klei¬
dung bedienen, als der schändlichsten Bedrückung und
Erpressung ausgesetzt zu fein. So hat die Tyrannei
eine große Anzahl egyprischec Juden europaisict, deren
Kinder jetzt schon Schrift und Sprache drc Europäer
erlernen, und gegen ihren Willen die meisten Juden da¬
selbst lder Civilisation näher gebracht.
Italien.
Italien ist das Land der Gleichgültigkeit
gegen jeden geistigen Fortschritt, und vorzüglich in den
jüdischen Gemeinden daselbst ist von dem früheren geisti¬
gen Leben keine Spur mehr übrig. In früherer Zeit
war es nächst Spanien, spater nächst Holland, das Land
der jüdischen Wissenschaft, der Hochschulen, der ausgebrei-
testm Gelehrsamkeit, jetzt sonnt es sich höchstens in den
geborgten Strahlen germanischer Bildung und das ist
schon für dasselbe ein Gewinn, wenn es in dm Strudel
der germanischen Geistcsbewegung unwillkührlich hineim
gezogen wird. Die Städte Italiens, die zunächst unsere
Beachtung verdienen, sind Livorno, Mailand- Ve¬
rona, Mamtua, Modena, Padua, Parma, Ve¬
nedig, Nom und Triest, und gern geben wir dem
Leser eine geordnete Reihe von Skizzen, so weit einhei¬
mische Correspondenzen und Zeitblätter es uns bieten,
um die Kraft des modernen Geistes der deutschen Juden
in seinem Einflüße aus Nachbarländer nachzuweisen.
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