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Zeled Sekunim. Lebensskizze Ahron Chorin's. Seine Schriften.
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O'Äj?) ich, oder Kind des hohen Alters u. s. w.
(Fortsetzung.)
Ich sah wohl ein, daß ich durch Unterfertigung des Com-
promisses nur mir selbst meinen Untergang bereite; doch mich
ängstigte der Gedanke, daß ich im Falle der Weigerung den
Kredit bei meinen Religionsgenossen verlieren könnte Es wird
heißen, dachte ich, daß ich mich von den Vorschriften der Re¬
ligion lossagte; daß mein Werk die Feuerprobe nicht bestehen
könnte, und so wäre mein Streben für Beförderung ihres
Wohls vergebens.
Lange kämpfte ich mit mir selbst, welchen von beiden
Uebeln ich als dem Mindern den Vorzug geben sollte , als
plötzlich ein Strahl der Hoffnung mein Herz durchdrang. Meine
unbefugten Richter, nicht fähig, ein ordentliches Dokument zu
schreiben, reichten mir einen Bogen Papier, und drangen dar--
auf, da es schon spät in der Nacht war, das Compromiß selbst
aufzusetzen und zu unterfertigen,- welches sodann auch von
meinen Gegnern geschehen sollte, um sodann den folgenden
Morgen ans Werk gehen zu können, und den Frieden herbei-
äusühren.
Ich konnte es mit Zuversicht voraussetzen, daß diese
Männer, unbekannt mit Allem, was außer dem Bereiche des
Talmuds liegt, auch nicht wissen werden, daß ein Compromiß
in Alba ungültig sei. — Ich nahm daher den mir überreichten
Bogen Papier, schrieb darauf das Wort „Compromiß"
und meine Namensfertigung, reichte ihn meinen Gegnern, wel¬
che sich gleich unterfertigten, und so wurde ich für diesen Tag
von dieser mir peinlichen Sitzung befreit. Am andern Tage,
um den Vorgang imposanter zu machen, wurde die Sitzung
dieses Tribunals, welchem auch einige von den Vorstehern der
dortigen Gemeinde beiwohnten, im Gemeindehause,, was an
die Synagoge stößt, gehalten.
Der große Raum des Vorhofes war mit Gassenbuben
gefüllt, die mich schon beim Eintritt mit den ihnen eigenen
Lästerungen und lärmenden Hohn begrüßten. Auf meinem bei
dem Eintritte in den Saal gemachten Gruß, erfolgte keine Er¬
wiederung. Eine feierliche, Grauen erregende Stille herrschte
einige Minuten. Der Altofner Rabbi war abwesend, und der
Aszader Rabbi hatte den Vorsitz.
Dieser unterbrach endlich mit einer drohenden Stimme die
Stille, indem er mir zurief: Im Rathe dieses heiligen Ge¬
richtes wurde einstimmig und unabänderlich beschlossen , daß in
wie ferne du nicht die Irrthümer, die du im Rosch Amana
ausgesprochen, widerrufst, dir zum Zeichen deiner Entehrung
der Bart abgeschnitten werden soll. Und wirklich stand schon
jemand mit einer Scheere in der Hand bereit, nur dm Befehl
abwartend, dieses Enturtheil zu vollstrecken. Keine Vorstellung,
keine Bitte: man soll mir die Stelle im Rosch Amana nur
bezeichnen, wo ich mich gegen die Grundsätze der Religion ver¬
gangen habe, fruchtete etwas. Er hielt mir das von mir
unterschriebene Compromiß vor das Gesicht, mit den Worten:
„Hier ist Grund genug." Zugleich winkte er dem
Manne zu, welcher dazu bestellt war, mir den Bart abzu¬
schneiden, welcher schon Miene machte, sich mir zu nahen.
Um der öffentlichen Brandmarkung zu entgehen, schrieb
ich einen Aufsatz des Inhalts: Ich bereue das Buch Rosch
Amana herausgegeben zu haben; sodann wurde mir.ge¬
schieden, daß ich entlassen sei, und das Urtheil rücksr'chtlich
meiner künftigen Existenz,, mir seiner Zeit zugestellt werden
würde. **
Die Sensation, welche die schnell verbreitete Kundmachung
dieses Ereignisses unter meinen Freunden und Feinden machte,
läßt sich kaum beschreiben. So sehr sich letztere des vermeint¬
lichen Sieges freuten, so unbegreiflich war es jenen, wie ich
so unvorsichtig handeln konnte, mich in einem Netze fangen zu
lassen. Viele derselben, auch mein alter Vater, seligen An¬
denkens, meine ganze Familie waren besorgt, wie ich diese
so ergreifende Gemüthsbewegung ertragen würde. In diesem
schrecklich auf Herz und Gemüth einwirkenden Zustande'-empfand
ich die Kraft des schuldlosen Bewußtseins, die Macht des Ver¬
trauens auf das Obsiegen der Wahrheit. Nicht nur, daß diese
mich stärkte, mit stiller Ergebung, mit Geduld die Leiden zu
ertragen; sie stärkte mich, meinen Vater, meine Familie, tmb
meine Freunde zu trösten, ihnen Muth einzuflößen, daß sie eben
aus die unüberwindliche Macht der Wahrheit vertrauten, und
sich beruhigten.
In einem Rekurs an die hochlöbl. königl. Statthalters,
bewies ich durch legalisirte Belege:
1) Daß der oberwähnte, am 8. August 1805 ausgestellte
Aufsatz hinsichtlich des in Frage stehenden Werkes Rosch
Amana, wirklich vom Alt - Ofner Rabbi aufgesetzt,
und auf seine Anordnung von seinem Schreiben zu dem
Behufe rein überschrieben wurde, daß ihm der Alt-Of¬
ner Rabbi in der dazu bestimmten Sitzung eigenhändig
unterfertigen werde.
2) Daß das Compromiß in der Nacht vom 1. auf den 2.
September in Alba unterfertigt worden sei.
Diesem zu Folge erließ die hochlöbl.' königl. Statthalterei
den Befehl, daß die vom Alt-Ofner Babbi gefällte Sentenz
Null und nichtig sey; zugleich, daß mir vom löbi. Araber Co-
mitate, wegen der von meinem Widersacher am 8. September
1804 zugefügten öffentlichen Beleidigung, hinlängliche Satis-
faction rücksichtlich der dießfalls verursachten Kosten, Schaden¬
ersatz zuerkannt werde.
Die Untersuchung, zur Ermeffung der Expensen und der
Satisfaction verzog sich bis den 2. Mai 1807, wo ich, mein
Gegner und die Vorsteher der Gemeinde von der hiezu vom
Comitat bestimmten löblichen Commission, zur Vernehmung
des diesfälligen Gerichtsspruches berufen worden.
Ich erbat mir bei dieser Gelegenheit die Erlaubnis, an
meinen Gegner eine Ermahnungsrede zu halten. Ich stellte
ihm das Sträfliche seines Benehmens, die schädlichen Folgen
der Zwietracht, und die schreckliche Wendung, die dieses Er¬
eigniß hätte nehmen können, auf die sanfteste Art vor. Der
gute Mann, der nur von einigen Nabbinen verleitet wurde,
und nun sein Vergehen bereuete, wurde ergriffen. Kaum be¬
merkte ich die Thrane, die in seinem Auge zitterte, die Reue
die sich in seinen Zügen malte, als ich ihm zurief: Nun höre
Gottes Worte. So spricht der allgütige Vater! Wie, verlange
ich denn des Sünders Untergang? wahrlich nein. Das ist
mein Verlangen: Er bekehre sich und lebe glücklich. Gott
siehet deine Neue und verzeihet dir, auch ich verzeihe dir und
verzichte auf Satisfaction und Expensen. Dann wendete ich
mich an die gegenwärtige Commission mit der Bitte: Auch
Euer Hochgeboren bitte ich um Verzeihung für den reuigen
Bruder, und es wird uns auch einst unser Allvater in Gnaden
aufnehmen! — So endigte dieses Erergniß.
Aufgefordert' von einer ansehnlichen Gemeinde in Deutsch¬
land, gab ich (Dessau 1818) die hebräische Abhandlung, beti¬
telt: DEMI (Wahrheits-Eifer) heraus, worin ich mit
einleuchtenden überzeugenden Gründen aus der heiligen Schrift
und dem Talmude bewies: wie es nicht nur erlaubt, sondern
Pflicht sey, die Gebetsformeln von unwürdigen Zusätzen, von
jenen Geburten einer Esyttlob vergangenen finstern barbarischen
Zeit zu reinigen, und bie Gebete nach Umständen in der Lan¬
dessprache zu verrichten.