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Literaturblatt des Orients.
Berichte, Studien und Kritiken
für
jüdische Geschichte und Literatur.
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Leipzig, den 23. Mai
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Die Biuristen. Andeutungen zu einer Charakteristik derselben. — Ueber das Princip der jüdischen Ehe von I. A. Frankel.
Die eheliche Verbindung nach den Grundsätzen des Talmud beleuchtet. — Literarische Analekten. Todesjahr delMedigo's, von I. M.
Landau. Chajim Gallipapa, eine literargeschichtliche Notiz von Dr. M. Sachs. — Die kabbalistische Philosophie, aus den Quellen
beleuchtet von Dr. Freystadt, angezekgt und beurtheilt. — Literarische Ankündigungen. —
Die Bittersten.
Andeutungen zu einer Charakteristik derselben.
Mit Moses Mendelssohn beginnt in der jüdischen
Culturgeschichte eine neue Epoche. Man hat mit vollem
Rechte Moses Mendelssohn mit Musa Maimuni in Pa¬
rallele gestellt. Beide Männer übten einen gewaltigen Ein¬
fluß auf das jüdische Volk, der sich nicht allein aus alle
Wohnländer der Juden, sondern sogar über mehrere Zeit¬
alter erstreckte, und über alle Facher des Wissens und
alle Verhältnisse des synagogalen Lebens verbreitete. —
Betrachten wir den Einfluß, den Mendelssohn aus das
jüdische Volk übte, genauer, so ergiebt sich, daß es ein
geistig bildender, obgleich auch zuweilen verderblicher war.
Er war geistig bildend, indem Mendelssohn statt des jüdisch¬
deutschen Jargons die hochdeutsche Schriftsprache zum
Organ der jüdischen Literatur machte, indem er die End:
schast eines einseitigen talmudistischen Scholasticismus
und einer transceirdentalen kabbalistischen Mystik herbei¬
führte; indem er den geistigen Verkehr des jüdischen
Volkes mit der christlichen Welt anknüpfte und in eigner
Person förderte; indem er den jüdischen Studien eine
den christlichen parallellaufende und mit ihnen wetteifernde
Richtung gab und auf dem Gebiete der Wissenschaft eine
freiere, unbefangnere, hellere Forschung und Darlegung
derselben in einer verständlicheren, logisch klareren und
ästhetisch geschmackvolleren Form anregte. Derselbe Ein¬
fluß war aber, von einer andern Seite betrachtet, ver¬
derblich. Mendelssohn schied aufs strengste zwischen Ge¬
setz und Glauben. Das ecstere, eingeschlossen das tra-
ditionale, galt ihm für schlechthin verbindlich, selbst da,
wo seine letzten Gründe unerkennbar seien; hingegen die
erkenntnißlichen Lehren der Offenbarung können und
müssen (so meinte und that er) der freiesten, unbefan¬
gensten und parteilosesten Prüfung unterworfen werden.
Mendelssohn beobachtete das Eeremonialgesetz, gehalten
durch eine innere ererbte Scheu, befangen in den Fesseln
der Gewohnheit, und stellte übrigens die Philosophie
oder Vernunfterkenntniß über die Offenbarung. Er (egte
täglich seine Tefilin an nach althergebrachter Weise, und
philosophirte auch täglich über die Gesetze des A. T., über
die Dogmen der Synagoge nach neuhergebrachter Wotf-
Lessingisch-Reimarus'scher Philosophie. Es ist ein Wi¬
derspruch in Mendelssohn, der durch Vergleichung seiner
deutschen und hebräischen Schriften leicht erkennbar ist;
dieser Widerspruch mußte sich aber nach und nach auf-
lösen und zu einer allseitigen Opposition gegen die posi¬
tive sowohl praktisch-gesetzliche als theoretisch-dogmatische
Offenbarungslehre werden. Diesen Uebergang von so¬
genannter Denkglaubigkeit zu dem crassesten Rationalis¬
mus, und zugleich sowohl den wohlthätigen als verderb¬
lichen Einfluß Mendelssohns stellen auch die schriftstelleri¬
schen Arbeiten der Biuristen dar. Ich gedenke ebenhier
auf die reiche Literatur der Biurim oder alttestamentlichen
Eommentare aufmerksam zu machen, die seit Mendelssohn
in hebräischer Sprache erschienen sind, die außer ihrer Wich¬
tigkeit für die Culturgeschichte des jüdischen Volkes eine
nicht unergiebige Fundgrube für Bibeldolmetschung und
grammatisch-historische Bibelerklarung werden könnten,
durch Männer, die im Besitz der geistlichen Diagnose
oder Unterscheidungsgaben sind.
Moses Mendelssohn selbst eröffnete die Reihe der
Biuristen. Seine Uebersetzung der Psalmen, die sich
eng an die luthecsche anschließt, und wo sie abweicht,
(Heils auf jüdische Tradition, vorzüglich Raschi, (Heils
auf philosophische Meinung sich gründet, ist hinlänglich
bekannt. Weniger bekannt ist der Biur zu den Psal¬
men, der, nebst der Uebersetzung, erweitert und mit Pro-
legomenen über Poesie, heilige Poesie und heilige Musik
vermehrt von Ivel Löwe, Prof, an der Wilhelmschule
zu Breslau, 1791 zu Berlin erschien; sein Biur zu
dem Buche Kohelet (1770), der die Tendenz hat, die
Stellung des Buches unrer den Büchern der Offenbarung
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