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Die Biuriflen. Andeutungen zu einer Charakteristik derselben.
zu rechtfertigen und jeden Verdacht des Epikuraismus
zu beseitigen. Sein vorzüglichstes exegetisches Werk aber
ist Netibot Ha-Schalom, erschienen 1787, welches er in
Verbindung mit Naftali 933 eff c t p, Salomo Dubno
und Herz H o md e.r>g 'herausgab. Es enthalt den Pen¬
tateuch mit der aramaischen Paraphrase des Onkelos,
einer deutschen freien, aber dennoch auf Tradition begrün¬
deten Uebersetzung, mit ausführlichen Einleitungen und rei¬
chen Commentaren, in 5 Banden. In den Prolegomenen,
die mit umfastender Gelehrsamkeit geschrieben sind, wird
mit überraschendem Eifer der göttliche Ursprung, die
Aukhentie, 'die Integrität des Pentateuch, die Urthüm-
lichkeit der hebräischen Sprache, mit Berücksichtigung der
widersprechenden neuen Forschungen erwiesen; die Ueber¬
setzungen des Pentateuch, die aramäischen und griechi¬
schen, werden ihrer Entstehung ihren charakteristischen Ei-
genthümlichkeiten nach geschichtlich betrachtet, die hebräische
Grammatik umrißlich dargestellt und der Plan des gan¬
zen Werkes nebst den Funktionen der Mitarbeiter eröff¬
net. Man kann dieses Werk als den Grundstein der
neuen exegetischen Bestrebungen innerhalb der Synagoge
betrachten. Obgleich es durchweg jüdische Rechtgläubigkeit
anstrebt, so erfuhr es doch wegen seines Contrastes mit
allen früheren Arbeiten dieser Art den heftigsten Wider¬
spruch, ja wurde an einigen Orten als häretisch ver¬
brannt. Es hat sich aber jetzt in der jüdischen Welt
einen solchen Eingang verschafft, daß es bis nach Afrika
und tief in die Levante verbreitet ist.
-Der Mendelssohnsche Pentateuch begründete so eine
neue Epoche der jüdischen Exegese. Die Erforschung des
grammatisch-historischen Sinnes wurde der Zweck der
neuen Schrifterklärung. Man erkannte in thesi die
Einseitigkeit der sagenhaft-traditionalen, der geheimniß-
kramerisch - kabbalistischen, der willkürlich - philosophischen
Methode, und schlug den Weg der Grammatik und der
Geschichte ein, indem man zugleich sich menschlicher
Weise in den Geist der heiligen Scribenten zu versetzen
suchte. Dadurch gewann diese neue Exegese viel empfeh¬
lende Vorzüge. Die deutschen Uebersetzungen (die man
ihres ungebundenen Charakters halber Targum e nannte)
sind größtentheils mit feinfühliger Kmntniß der hebräi¬
schen Sprache geschrieben, sie streben vorzüglich an, den
Pathos und die Emphasis der Schristsaprche, wenn
ich mich so ausdrücken darf, wiederzugeben, und be¬
kunden ein mehr denn oberflächliches Eindringen in den
Geist der -heiligen Sprache, vorzüglich der Partikeln,
welche die schwerste Partie derselben bilden. Sie sind
jedoch angeweht von dem Hauche eines vocurtheilen-
den Rationalismus, und tragen oft Begriffe der Philo¬
sophie, .welche derzeiten herrschte, in die Schrift über,
wie sie oft auch den biblischen Ausdruck durch moderne
Schnörkelzüge profaniren. So besonders Isaak Euch el,
der bekannte Biograph Moses Mendelssohns, in seiner
Uebersetzung der Sprüche, deren Charakter sogleich im
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ersten Verse sich kennzeichnet: „Sprüche Salomo's,
Sohn's David, Königes in Israel, zur Erkenntniß der
Weisheit und Sittenlehre, zur Ergrün düng der
Aussprüche der Vernunft/' Während durch Js.
Euchel die Sprüche ein neu-philosophisches Co-
lorit erhielten, gab David Friedländer der Schrift¬
sprache ein neu-belletristisches Colorit. Er verlor
sich mit einer sinnlichen Schwärmerei in die äußerlichen
Schönheiten der Schriftsprache, als des Ausdrucks rein
morgenländischer Poesie, und goß dieses unrein lodernde
Feuer in seine Uebersetzungen aus. Beide Uebersetzungs-
weisen haben jüngst ihr Extrem erreicht. Dr. Neben¬
stein hat das Hohelied, diese „Blume des Morgens,
umweht von dem Zauberhauch der Frühe," in eine
moderne sentimentale Erotopägnie übersetzt, als z. B.
Du hast mich entherzet,
Lrautchen und Brautchen,
Du hast mich entherzet,
Mit einem der Aeuglein,
Mit einem der Ringlein,
Des Halses l
Wie lieb ist dein Kosen mir,
Lrautchen und Brautchen!
Einer der neuesten Biuristen, S. H. Auerbach,
hat in das Buch Kohelet (ihm zufolge — Philosoph,
Philosophie) neu übersetzt, mit einem hebräischen Eommentar
versehen, Breslau 1837, welches nach seiner Meinung als
einheitliches Ganze die Feststellung einer sichern und aus¬
reichenden Lebensphilosophie ist, seine eigene Lebensphilo¬
sophie hineinübersetzt. „Wenn wir das Buch der Bücher,"
sagt Auerbach, „rein menschlich mit dem von Gott
verliehenen, natürlichen Verstand auffassen, so wird es
unser Herz befriedigen und uns manche weise Lehre
aus sich schöpfen lassen." Diese Parallele zwischen Da¬
vid und Salomo wird auf eine solche Weise .gezogen,
daß der Kohelet als die natürliche Frucht eines in
verweichlichter Hingebung phitosophirenden Königs erscheint.
Das Hohelied wird nebenbei ein Hymen Hymen aus
genannt, den Salomo seiner Geliebten sang, wahrend
David geistliche Lieder (Psalmen) dichtete. Wenn
unsere Rationalisten wüßten, daß ihre Exegese in der
neuern Synagoge so sorgsam gepflegt, so sinnig ausge¬
bildet und allseitig geübt und ausgeführt worden ist, sie
würden nicht, wie wir an Paulus, Hart mann und
Umbreit sahen, mit solcher Wuth den jüdischen Na¬
men verwünschen.
Nicht zu verkennen ist jedoch, daß sich gegen jene
freie oder vielmehr frivole Uebersetzungsweise eine reaktio¬
näre wörtliche gebildet hat. Die Psalmenüber¬
setzung des Dr. Michael Sachs bindet sich streng
an den hebräischen Text und zwingt lieber die deutsche
Sprache, als jenen. Die Uebersetzung des Pentateuch
in der bei M. Veit erschienenen Uebersetzung des A.T,
strebt eine gleiche Wörtlichkeit an, ohne jedoch der deut¬
schen Sprache in gleichem Grade die Form der hebrai-