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Ucker das Princip der jüdischen Ehe von I. Ä. Frankel aus Stolpen.
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der sogenannte Brauthimmel) aus mannigfache Weise hervor-
heben und besingen. Es war auch eine alte Sitte, daß der
junge Gatte nach vollzogener Ehe dem Schwiegervater für die
Virginität der Tochter ein gewisses Geschenk an Geld, oder,
was bei weitem wahrscheinlicher ist, an Kostbarkeiten gab,
welches Geschenk l0 ) Morgen gäbe genannt wurde (Gen.
34,12), weshalb der Verführer einer Jungfrau (Exod. 22, 16)
eigentlich so viel Strafe ihrem Barer bezahlen mußte, als
letzterer für die Virginität seiner Tochter von einem Schwieger-
sohne ungefähr erhalten hatte, niSinaN “iriKD Slpa^ Fpa.
Um aber eine bestimme Summe, gleich für Arme und Reiche,
zu haben, ward die Strafe auf fünfzig Sekel festgesetzt, Deut.
22, 29. War der Schwiegervater reich, so erließ er diese Mohär
gänzlich, besonders, wenn er einen armen Schwiegersohn bekam,
wie denn auch der reiche Naguel die Morgengabe dem armen
Tobias geschenkt haben muß, da letzterer sogar die von Gabuel
erhaltene Schuld seinem alten Vater zurückbrachte (Tob. 11,
18). Der König Saul, der ebenfalls von des armen Davids
Geschenken keinen sonderlichen Gebrauch machen konnte, ver¬
langte deshalb von ihm für die Virginität der königlichen
Tochter hundert erschlagene Feinde: 1- Sam. Cap. 18, V. 25.
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II.
Die eheliche Verbindung nach den Grundsätzen
des Talmuds beleuchtet.
Schon früher führten wir als einen Grund derjenigen Ge¬
lehrten an, welche die Ehe der Hebräer für einen Kauf hal¬
ten, daß nämlich dem Vater, oder nach dessen Tod der Mut¬
ter, den Brüdern oder den sonstigen Verwandten, das Recht
zustand, das Mädchen einem ihnen beliebigen Manne zu geben.
Prüfen wir jedoch dies Recht genauer, indem wir die im Tal¬
mud und in den Midraschim darauf sich beziehenden Stellen
lesen, so finden wir nicht nur die Meinung dieser Gelehrten
wiederlegt, sondern auch die unsrige bestätigt, daß die jüdische
Ehe auf Liebe und Treue sich gründe. — War das Mädchen
nämlich zwölf Jahre und sechs Monate alt, also eine rTttO
geworden, so konnte die Ehe nur geschlossen werden;
die Jungfrau wurde befragt, und nur mit ihrer Einwilligung
verheiratet, nicht aber vom Manne erkauft. Welcher Preis
konnte auch ihrem Willen trotzen? S. Kiduschin fol. 41. 44
u. s. w. Maimuni, Hilchot Jschot Cap. 3. rQil
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jnjriS xSx manpn» jnxa'. Wurde aber das unmän-
10) ist das arab. (Mitgift, oder das der
Braut vom Bräutigam gemachte^Geschcnk), nicht aber: „Kauf,"
wie etwa Gesenius meint.
dige, wenn auch einwilligende J ) Mädchen von der Mutter,
den Brüdern oder andern Verwandten vcrheirathet, so stand
es demselben bis zur Majoremn'tät frei, durch eine bloße Wei¬
gerung die ganze Ehe aufzuheben; die Ehe selbst also wurde
nicht früher legitim, als bis diese junge Frau, nachdem sie
mündig geworden, indirect, d. h. durch eine Nichtweigerung,
derselben ihre Beistimmung gab. S. Jebamot fol. 107 a.b., 108.
Maim. Hilchot Geruschin Cap. 11. — Der Vater hatte aller¬
dings nach alter, patriarchalischer Sitte die größte Gewalt
in der Familie, er war nach dem strengen Rechte der unum¬
schränkte Monarch, er konnte die noch unmündige Tochter
!“ÜE0p nach Belieben verheirathen, und die Ehe wurde als
legitim erklärt; aber nur nach dem strenggenommenen Rechte,
nachdem was Rechtens, nicht aber nach dem, was recht ist.
In seinem Hause war er Monarch, aber nur im abstracten
Sinne, nur dann, wenn von der Religion, auf die sich jedes
jüdische Gesetz stützt, selbst der Prozeß zwischen Mein und
Dein; wenn ferner von den Richtern oder Religionslehrern
abstrahirt wird, wie ein Statthalter, abgesehen von den ihm
vorgeschriebenen Gesetzen,und dem über ihn strengwachenden
König, Herrscher genannt werden kann. Es verfallen über¬
haupt die meisten Gelehrten bei Beurtheilung des biblischen,
besonders aber des talmudischen Rechts in den Fehler, daß sie
dasselbe, nach Art des Rechts anderer Völker, von der Reli¬
gion trennen; bei den Juden sind Jurisprudenz und Theologie,
nicht zwei verschiedene Wissenschaften, bilden nicht zwei abge¬
sonderte Facultäten, sondern stehen an und für sich in einem
so strengen Zusammenhänge, umschlingen sich gegenseitig so
fest, und greifen so in einander, daß wer Theologie studirtt
durch dieses Studium selbst die Jurisprudenz kennt, daß der
Rabbine also nicht nur Gottes- sondern auch Rechtsgelehrter
ist. — Wenn nun nach dem strengen Rechte, das wir das
juridische benennen, dem Vater die Macht verliehen war, über
das Schicksal seiner Tochter so eigenmächtig unb unumschränkt
zu verfügen, so ward von den Rabbinen ein anderes Gesetz,
das moralische, hinzugefügc, welches seiner Macht unüberwind¬
liche Schranken setzt. Ein solches findet sich Kiduschin, fol. 41.
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welcher Zusatz NLN 'äX ’jlSSQ nicht nur dem Willen der
Jungfrau eine gewisse Kraft verleihet, sondern auch ihre Zu¬
neigung, ihre Liebe voraussetzt. Wie kann demnach von einem
Kaufe von Seiten des Mannes die Rede sein, wenn ihr Wille,
ihre Liebe eine Bedingung der zu vollziehenden Ehe ist? Des
Mannes Liebe bedingt ein andrer Ausspruch desselben Rabbi-
1) Denn hatte das Mädchen nicht eingewilligt, so bedurfte
es der vor zwei Zeugen auszusprechenden Weigerung nicht;
sondern es konnte ganz willkürlich den Mann verlassen. Jebamot
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