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35 Hirsch Chajas: Krit.Bemerk.üb.Largumimu»Midraschim. Einfluß desphys.Menschen. 36
(m hatten die Babylonier, nur führten sie bei ihnen j
den Namen von solchen Scheeltot aber haben
wir außer einzelnen zerstreuten (wie z. B. die Nnb'Niar
Sabbat 30 b) noch eine ganze Sammlung in ein Werk
gebracht, nämlich die Scheeltot des Achai Gaon,
und sogar palästinensische Midraschim wurden zuweilen
durch babylonische Gelehrte mit solchen Scheeltot berei¬
chert, wie z. B. zu Anfänge des Tanchuma. —
Tanchuma ist ein alter Midrasch und nach Jesaja
Berlin findet man ihn schon in der Scheeltot benutzt.
Raschi citirt ihn oft, ebenso Maimuni (More II. 12.;
Dorr, zu Drb; dhd Wurzel 8) und bei Raschi Chulin
106 a (bei der Hagada DW^nn D'ö) finde ich Tanchuma
zwar benutzt, aber nicht erwähnt. Das Debarim
Rabba, welches Raschi zu Gn. 29, 33 citirt, woraus
der Jalkut so viel gezogen, Zst nicht unser Debarim Rabba,
sondern gehört vermuthlich auch zu den verlornen Mi¬
draschim. Eher ließe sich aus dem Citat bei Nachmani
(Gn. p. Teze), welches wirklich sich in Tanchuma zu
dieser Stelle wiederfindet, schließen, daß jener mit Tan-
chuwa eine Quelle hatte. Die Pesikta Rabbati wird bei
Raschi fünf mal citirt (z. 33. Megilla 4 a , Raschi zu
Echa und zu 5?osea c. 3) und Tosefot hat (Ende' Me¬
gilla) weitläufig genug dacgethan, daß unsere Hastara's
nach der Pesikta so geordnet sind. Mein Lehrer, Sal-
mon Margaliot, hat den Beweis geführt, daß selbst der
' Verfasser der Scheeltot, der doch zu den Saboraim ge¬
hörte, schon aus der Pesikta geschöpft habe. Denn in
den Scheeltot (par. Bereschrt) kommt in Bezug auf einen
Beweis für den Sabbat von dem Sambation-Strome
die Antwort an den Rabbi Akiba vor: ^ mn nrun DJ
OpD ZNN ‘■pDND, eine Antwort, die an der Quelle
(Sanhedrin 65) nicht vorkommt und nur in der Pesikta
einen Anklang hat. Indessen möchte ich letzteres nicht
ganz behaupten, da die Scheeltot es eben so gut aus
BereschitRaböa (par. Bereschit) entnommen haben konnten,
nur in neuhebcaischen Worten umgesetzt, wie es oft der
Tanchuma chut, wenn er Hagada's und Erzählung aus
Talmud Jeruschalmi oder aus der Rabbot entnimmt.
Bergt, die Geschichte Hadrians mit dem Felgenpflanzer
in Midrasch Rabba zu Kedoschim mit Tanchuma daselbst;
die Geschichte von dem Aramäer Abin j. Horajot mit
Tanchuma (Tissa).— PKkei d'Rabbi Elieser sind schon
in einer frühem Zeit redigirt, denn Raschi citirt sie an
vielen Stellen, und ebenso Maimuni. — Das Midrasch
Tehilim finden wir zwar fünfmal bei Raschi erwähnt,
aber bei Maimuni nie. Midrasch Samuel nennt Raschi
bmw rrm
(Schluß folgt,)
Der Einfluß des physischen Menschen auf den histo¬
rischen Menschen; eine Betrachtung zur Wür¬
digung der jüdischen Gegenwart.
(Fortsetzung.)
Diesem Ideale des Lebens hat sich, das Judenthum,
von dem wir jetzt in specie sprechen, in der Blüthenzeit seines
Staatslebens von einer Seite her genährt, indem es die phy¬
sischen Kräfte der menschlichen Natur ausgebildet, indem es
die eiserne, bezwingende Kraft des makkabaischen Armes und
Sinnes aus sich erzeugt hat. Das spatere Judenthum-, von
seiner Wiege an dem Talmud und Rabbinenthum zur Pflege
und Hut überantwortet, strebte demselben Ideal von einer-
andern Seite zu, indem es vorzugsweise geistige Kräfte ent¬
band, die sich von den Fesseln der sinnlich weltlichen Lebens¬
substanz, von dem physischen Muß der in der Endlichkeit be¬
fangenen,^ Menschennatur zu befreien und zu lösen trachtete
durch die Entsagung und durch das Schauen, zuerst im
Glauben, dann auch in der Kabbala. Dieser Geist hat die
Naturgewaltigkeit des jüdischen Volkes durchdrungen und be¬
zwungen; die Geschichte der Juden im Mittelalter macht uns
zu Zeugen dieses Kampsens und Durchdringens, und zeigt uns
das Resultat dieses großen Lebensprozesses in den. festen Ge¬
staltungen des jüdisch - kirchlichen Lebens , in den Schöpfungen
der Geom'm, hauptsächlich aber in den Persönlichkeiten und
Charakteren, die von den Talmudlehrern bis auf Maimonides,
Albo und noch später hinaus in den größten und in den kleinsten
Wirkungskreisen den historischen Schauplatz erfüllen. Wie aber
der Geist in seiner stets unabhängigeren Entwickelung aus
den mittelalterlich gothischen Dornen und Schlössern entwichen
ist, daß ihre Pfeiler und Wölbungen in Trümmer sinken,
während ein jüngeres Geschlecht seine gedrängten, unscheinbaren
Wohnungen und Denkmäler ringsherum aufrichtet, so sind auch
jene großen jüdischen Persönlichkeiten, deren geistige Gewalt
' in einer frischen Naturkraft wurzelte, untergegangen, und wir¬
schen ihres Gleichen nicht wieder erstehen. Seitdem vollends
das 16. Jahrhundert an jenem strengen Bau des Mittelalters
von allen Seiten Hände angelegt, seine Thürme und Sinnen
niedergerissen, und das 18. Jahrhundert über ihre Trümmer
neue Richtungen und Wege für geistiges Schaffen und verstän¬
diges'Untersuchen eröffnet hat, sind auch in Israel die
neuesten Seiten von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahr zu Jahr,
immer reicher an geistiger Bewegung geworden. Auch die
Juden haben sich gewöhnt, der Intelligenz, als der höchsten
Macht in allen Kreisen und Gestaltungen des. menschlichen
Lebens zu huldigen; auch unter ihnen haben sich die Wissen¬
schaft und die Literatur zu einer gewissen Mächtigkeit und
Breite entwickelt, und wenn sie nicht wirklich den vordersten
Platz auf der Bühne des jüdischen Volkslebens einnehmen, so
tönt doch mindestens ihre Stimme aller andern vor. Der
Unterricht in mancherlei Kenntnissen, oder mindestens in den
Fertigkeiten, worin man am leichtesten Kenntnisse gewinnt,