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glauben,. Hr. Dr., S. habe es mit seiner Abhandlung
seiner Rede und ihren Entschuldigungen auf lauter —
Ueberrasch ungen abgesehen. Der nun vorgeführte
uns am speciellsten interessirende Gegenstand blieb hinter
keinen der andern zurück. Der Lehrer in diesem Fache,
(zugleich Aufseher der Pensionäre) Hr. M. Lewy, hier
studirender Rabbinats kandida t aus Altona^), ver¬
steht es, die auf dem Felde der neuesten wissenschast-
lichen Exegese und Kritik einseitig herrschende Analyse,
mit der in unfern Chadacim traditionellen Synthese in
einer ersprießlichen Methode zu vereinen, so daß die
Schüler sowol ihren Text zu übersetzen etymologisch und
syntaktisch zu zerlegen, als auch Worte und Satze ins
Hebräische zu übertragen und mit deutlicher Quadrat¬
schrist an die Tafel zu schreiben vermögen. In der bi¬
blischen Geschichte ward uns in der freilich karg
zugemefsenen Zeit eine genügende Kenntniß des gesamm-
ten Umfangs derselben und einzelne Perioden insbeson¬
dere bei den Schülern der obern Klassen nachgewiesen.
'Es that uns sehr leid, daß in diesem Kursus nichts von
der nach biblischen Geschichte der Juden vorgetragen
worden. Der Vorsteher versicherte, daß dieses abwech¬
selnd statt finde. — Wir nehmen hier Gelegenheit auf.
den Mangel eines für a lle Klassen ausreichenden Lehr¬
buchs aufmerksam zu machen.. Wir glauben nicht zu
übertreiben, wenn wir behaupten, daß nicht wenige israe¬
litische Jünglinge und Jungfrauen über das heutige Ju¬
denthum ein schiefes Urtheil haben, und am Ende dem-'
selben entfremdet werden, weil sie nie lernen, wie es aus
dem alten geworden, und darum eben dasselbe sei.
Dies müßte eine nachbiblische Geschichte der Juden und
noch mehr des Judenthums lehren. Dagegen haben
wir eine Masse von jüdischen Geschichtsbüchern, die jenen
Theil gar nicht oder nur als Anhang enthalten. Am
geratensten wäre es, diesen Theil eben ganz beson¬
ders zur Aufgabe einer Schrift zu machen. — Das be¬
sprochene Examen erfreute sich eines nicht zu zahlreichen
Besuches, wie es die berührte Beschaffenheit unsrer
Hauptstadt mit sich bringt, und obwohl wir manche Ho-
norationen der,Gemeinde unter Andern den Rabbinaes-
assessor, dessen Sohn freilich die Schule besucht, ja sogar
Personen andern Glaubens unter den Gasten bemerkten,
so vermißten wir doch manchen Jüngern und Aeltern,
dem, seiner künftigen oder gegenwärtigen Stellung nach
solche Vorgänge nicht gleichgiltig und unberührt lassen
sollten. Ich komme aber hier unvermerkt wieder aus
das alte Lied, mit welchem ich meinen Bericht begonnen-
aber hierdurch auch auf den Wunsch, daß der Vorsteher
dieser uns werch gewordenen Anstalt (mit der eine Pen¬
sion verbunden ist), sich einer stets steigenden Theilnahme
3) Derselbe, dessen exegetische Arbeit so eben unser Litera-
turblatt enthält. Red.
des hiesigen und auswärtigen Pubikums so lange erfreuen
möge, bis der am Schluß seiner Abhandlung dem hiesi¬
gen Gemeindevorstande ans Her; gelegte, von jedem
wahren Freunde des Judenthums getheilte Aufruf zur
Eentralisation des Unterrichts wese ns die
erwünschte Beachtung und Realisation erlangt, welche
etwaige Umgestaltung der Verhältnisse gewiß auch Hr.
Dr. Stern nicht nachtheilig berühren wird. 1.
Leipzig, 25. April. Die Leipziger A. Z. bringt
unter heutigem Datum folgenden Artikel, überschrieben:
Die Gothaer Bank und ihre Mitglieder mo-
saische n Glaubens. Er lautet: Indem man nach¬
stehend letzte, bisher nur in berliner Blättern ge¬
führten zahlreichen Verhandlungen über den obigen Ge¬
genstand eine weitere Verbreitung gibt, findet man nö-
thig, einige Worte zur Erläuterung vorauzuschicken.
Im Januar d. I. beklagte sich ein Anonymus in
der Voßischen Zeitung, daß die Gothaer Bank einem
allgemein geachteten Manne deshalb die Aufnahme ver¬
weigerte, weil er ein Jude sei, und Leute solches Glau¬
bens nur in Orten ausgenommen würden, wo sich Agen¬
turen befänden. Die Gothaer ,Bank ließ daraus erklä¬
ren, daß sie Niemanden der Religion halber ausschließe,
daß ihr jener'Vorfall ganz unbekannt sei, die Art, wie
die gedachte Zurückweisung geschehen sein solle, aber im
höchsten Grade von ihr gemisbilligt werde. Die letzte
Folge davon war, daß der Färber W. nicht allein den
Namen des Agenten nannte, sondern auch beweisen zu
können versicherte, daß die Gothaer Bank dem Letztem
die Police übersendet, und dabei wörtlich bemerkt habe:
„Sollte der Herr N« N. ein Jude sein, so
schicken Sie uns sofort die Police zurück."
Die Bank schwieg nun, wahrscheinlich in der Hoffnung,
daß die Sache bald vergessen werden würde, jedoch ließ
sie melden, die Dividende des letzten Jahres betrage 63
Procent. Dje erwähnten Klagen gegen die Gothaer-
Bank waren mit großer Heftigkeit geführt worden. Mit¬
ten hinein stellte sich ein Dritter, der einen andern An¬
laß zur Klage.nahm, über den obigen aber Folgendes
bemerkte: „Vor einigen Tagen wurde t diesen Blättern
erzählt rc. (folgt das Factum). Man sprach Befrem¬
den darüber aus, indessen nach der Verfassung der Go¬
thaer Bank, §, 16, ist sie nicht verpflichtet, den Grund
einer Zurückweisung anzugeben. Daraus folgt, daß sie
auch über den Werth irgend eines angegebenen Grundes
Niemandem Rechenschaft schuldig ist, -ausgenommen den
Mitgliedern der' Bank selbst. Sache der Freunde des
Abgewieftnm, welche zugleich Mitglieder der Bank sind,
dürfte es also sein, zu seinen Gunsten, oder zur Erörte¬
rung eines ihnen anstößigen Princips emzuwicken." Die
Ruhe dieses guten Raths machte ihn den Klagenden ver¬
dächtig. Sie erblickten in dem andern, gleichzeitig vor¬
gebrachten Gegenstand einen alcibiadischen Hundeschweif,
nur geeignet, die Aufmerksamkeit von ihrer Anklage ab-