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Die Stimmen der Men über die Pijutim, von De. Amam mitgetheilt. - 349
sen. Hören wir daher vor allen-Dingen, was die ältesten
angesehensten, glaubwürdigsten Rabbinen als
gesetzmäßige Entscheidung darüber ausgesprochen. —
II.
An euch, ihr Nabtinen und Führer der Gemeinden',
an euch, denen im Grunde hier nichts Neues gesagt,
sondern nur das Alte und Wahre in Erinnerung
gebracht wird; an euch, die ihr es ernst meint mit
eurem Amte, und die ihr das heilige Palladium unsres
ehemaligen Gottesdienstes erhalten, und vor dm daher
brausenden Wogen der Zeit, welche die Grundfesten zu
erschüttern drohen, retten wollet, an euch ergeht daher
jetzt die dringende Aufforderung, kräftig allem Unsuge
ein heiliger Stätte zu steuern, und eben deßhalb alle
überflüssigen Zusätze von den vorgeschriebenen Gebeten zu
entfernen. Die Zeit ist reif, die Spreu vom Korne
zu sondern, dem Haltbaren durch Scheidung desselben
vom Unhaltbaren einen höheren und bleibender» Werth
zu vindiciren/„ Noch ist ein kleiner Rest übrig, der
Gott vortrauend die Synagoge besucht, aber auch der
wird, was Gott verhüte, schwinden, wenn ihr nicht Hand
anlegt. Wie wenig auch vielleicht dieser Rest selbst sich
dieses Bedürfnisses bewußt ist, er wird -auch dereinst da¬
für leben, denn eine Ahnung davon tragt er dunkel in
seinem Innern. Wohl kann ich mir denken, daß es
unter euch, ihr Rabbinen, manchen giebt, der trotz
aller schlagenden Beweise, trotz der gebieterischen Not¬
wendigkeit, einmal von der Ueberzeugung nicht lassen
kann, >— die eine Eigentümlichkeit seiner geistigen Bil¬
dung in ihm befestigt hat, — daß er nichts, was ein¬
mal im Laufe der Zeiten, wenn auch mit Unrecht, bei
den Gemeinden -eingeführt worden, abandern dürfe. Aber
wer einer solchen Ueberzeugung lebt, der taugt nicht zum
Rabbinen, der muß sich tu seinem Gewissen gedrungen
fühlen, sein A^mt niederzulegen, da er doch täglich, stünd¬
lich, wo -er nur mit seinen Gememdegliedern m Be¬
rührung kommt, wenn nicht geradezu seiner Ueberzeugung
entgegen handeln, 'doch wenigstens so Zu sagen durch -die
Finger sehen muß. — Wohl geht Eintracht und Friede
über Alles, und um ihrer willen dürfte es gewiß rath-
sam fein, sobald 'manWefahr lauft, sie zu verlieren, jede
Abänderung, wie fehr sie auch das Recht für sich hat,
fahren zu lassen. Aber, man ruft: „Frieden! Frieden !
und ist doch kein Frieden.-" Nennet doch nicht die Gra¬
besstille -eines Gottesackers Frieden, 'die scheinbare Ruhe,
die dem vulkanischen , Ausbruche vorangeht, glückliche
Stille, nennt nicht Eintracht, was offenbar Auslösung
zur Folge hat. Innere und höhere Einheit ist am
wenigsten da, 'wo kein Widerspruch ist, so wenig wie
Leben dort wo keine Bewegung. Nur scheinbar wlder-
'2) Wer den Baum beschneidet, zeigt, daß er den Werth
des 'Stammes kennt.
strebende Kräfte bedingen alles Schaffen, binden und ver¬
einigen, wo es an ihnen mangelt, da'ist Moder und Wer-
wesung. .. Das wissen die, welche es auf den Ruin ihres
Glaubens absehen, recht gut, und darum lassen sie die
Gemeinden gängeln, 'und schützen den Frieden vor, den
sie erhalten wollen. Ich meine hier nicht die Rabbi¬
nen, welche hübsch ihre BesoldunL einziehen, und Alles
übrigens drunter und drüber gehen lassen, sondern die
außer derselben den Gemeinden vorstehend). Denn wo
wirklich eine ganze- Gemeinde oder auch nur Z- dersel¬
ben, Junge und Alre, alles beim Alten gelassen haben
wollen, da wäre es thöricht, energisch dagegen anzustre¬
ben. Aber so wenig cs jetzt in Deutschland eine solche
Gemeinde -giebt, so müßt ihr Rabbinen überdies, um
der Zukunft willen, — ja schon der Vielen, die Gren¬
zen' einer erlaubten Reform überschreitenden, Beispiele
wegen — durch das Wort, die euch anvertrauten See¬
len für die notwendigen Abänderungen empfänglich ma¬
chen 3 4 ). Doch ihr seid in Allem mit dem Obigen ein¬
verstanden, aber ihr fürchtet die Einzelnen, die sich ge¬
waltig wider euch auflehneu werden, namentlich die
Idioten, die links von rechts nicht zu unterscheiden wis¬
sen, die werden Alles aufdieten eure Schritte, euch selbst
zu verdächtigen; ihr habet vielleicht einige auch sehr
wohlwollende Freunde, eben weil ihr kein Stäubchen hin¬
weg zu hauchen unternehmet, fein Alles im alten Ge¬
leise lasset, — die, die würden sich von euch abwenden;
oder es ist euch daran gelegen, — und koste es, was cs
wolle — euch einen orthodoxen Geruch zu verschaffen,
— obgleich ihr keinen Bart tragt — (und dazu ver¬
helfe ja mehr die Scheinotthodoxie als die echte). —
Es ist euch also nicht um den wahren Frieden in der
Gemeinde zu thun, sondern um euren Frieden. Eure
Ruhe wollt ihr nicht gestört, euer zeitliches Einkom¬
men nicht geschmälert sehen. Ihr habet euer Amt über¬
nommen um der Annehmlichkeiten willen, die damit ver¬
bunden, was es euch aber anferlegt, sobald ein Kampf
dazu erfordert wird, der euch eben von der wahren Tha-
tigkeit in eurem Berufe überzeugen sollte, das sind ihr
nicht gemittet zu thun, da ist es wohl vergebens langer
3) So weiß der Verfasser von einer Gemeinde, in der
kaum fünf koschere Haushaltungen sind, und vielleicht außer dem
Rabbi auch nicht ein Einziger sich an den Religionsgesetzm
hält, und außer zur jeweiligen Predigt kaum jvjß am ro&y
in der Synagoge ist, daß man allda, um des Friedens willen,
sich keine Aenderung erlauben wollte. — Von einem bedeuten¬
deren Orte weiß der 'Vers., daß der aus deistischcn wir
wollen nicht sagen aus einigen atheistischen — Mitgliedern
zusammengesetzte Vorstand jeder Umgestaltung im Wege ist,
weil er hofft, daß der Gottesdienst in der gegenwärtigen Ge¬
stalt sich wohl eben allmahlig auflösen werde.
4) Ich kann nämlich unmöglich glauben, daß Jemand von
euch dem Satze bciftimmt, den jüngst ein Redner drucken ließ:
„vielleicht-ein Spaß machen^. Meine Feder wider-
'strebt die Blasphemie vollständig nachzuschreiben.