Page
557
558
Der Charakter Esau's von H. Hochheimer in München.
lehr vorteilhaftes; bei vielen wenigstens ist der Ehrentitel
mit dem Namen Esau's unzertrennlich uns mehr ep.ithetou
jiecessarium als ornans geworden. Dem gebildeten Israeliten
kömmt nie der Gedanke, Esau geradezu einen j/fcrj zu nennen,
doch ist die Mehrzahl immerhin geneigt seinen Character sich
makelvoller zu denken, als es bei näherer Beleuchtung sein
dürfte, was um so natürlicher, da eine kleine, wohl verzeihliche
Parteilichkeit für Jakob, als unfern Stammvater, mit ins
Spiel kömmt, dessen Persönlichkeit natürlich aus dem Gegen¬
sätze in desto helleres und vortheilhafteres Licht tritt; was auch
die wahrscheinliche Ursache sein mag, daß die Commentatoren
der h. Schrift Esau mit weniger günstigen Augen betrachten.
Der Zweck dieser Characterskizze sei cs also, die Licht- und
Schattenseiten im Charakter Esau's hervorzuheben, um zu er¬
kennen, ob vielleicht die crsteren den letzteren das Gleichgewicht
hatten, oder sie wohl gar überwiegen.
Schon durch die genauere Auseinandersetzung der Um¬
stande, welche die Geburt dieser Zwillingsbrüder begleiteten,
deutet die heil. Schrift auf ihre Gemüthsart hin; noch mehr
lernen wir diese aber kennen aus den Neigungen, die sich früh
entwickelten und die uns die Schrift so schön in Gegensätzen schil¬
dert: (1 B. 25, 27) rjpyij rw KW TK JTP KW Wy VP?
O'biW DL" DH KW* Aus dem Prädicate Orl, das dem Ja¬
kob beigelegt ist, geht meines Erachtens keineswegs hervor, daß
als Gegegensatz Esau ein MD gewesen, denn DD will hier
wohl nur sagen, daß Jakob die Zurückgezogenheit liebte, daß
-er sich mehr im häuslichen Leben gefiel, wie es auch durch das
hergefügte tD'^W DK/' erklärt wird; dem jagdkundigen (y^i
TSJ (Sfau aber war es zu enge in der kleinen stillen Hütte,
«er, dem die Natur gleich bei seiner Geburt mit einem, für
Waldluft abgehärteten Körper begabt nYi£0)j er hielt
es nicht aus am heimischen Heerde, ihn trieb es hinaus ins
Freie, einzugehen den Kampf mir den Bewohnern den Wäl¬
der. Es war aber nicht die Lust allein, das Wild zu erlegen,
was ihn hinaus trieb aus's Feld, nein, ein Galt würde an
Esau's Schädel nicht blos Jagdsinn, er würde auch das Organ
kindlicher Liebe an denselben entdeckt haben. Ja es war auch
Liebe zu seinen greisen Vater, die ihm den öden Wald der
sichern Wohnung verziehen hieß, darum liebte ihn aber auch
Isaak wieder: Tä - O. Der Midrasch und mehrere Com¬
mentatoren legen diese Worte so aus, als ob Esau seinen Vater
(durch Worte) betrogen hätte, wahrscheinlich brachte sie die un¬
gewöhnliche Conftruction zu dieser Erklärung, doch spricht sich
der Vers in der Folge ganz deutlich aus, wo Isaak seinen Sohn
Esau beauftragt, ihm Jagdbeute zu bringen (11, 3).,
Der auf den besprochenen folgende Vers berichtet uns
eine Handlung Esau's — den Verkauf seiner Erstgeburt für
ein Gericht d'KHJJ " die freilich von großen Leichtsinn zeigt
und sich nicht einmal durch die Ermattung und Erschöpfung,
die er sich aus der Jagd geholt, entschuldigen läßt, obwohl er
nur für geringen — höhern, zeitlichen Äortheil — den größern
Antheil an der Väterlichen Verlaffenschaft — aufgiebt. Esau
mag den Leichtsinn seines Tausches selbst gefühlt haben, indem
er ihn (Vers 32 durch die Worte zu beschönigen sucht: ich
gehe zum Tode, was soll mir die Erstgeburt? Der Vers
nimmt nun eine Zeitlang Abschied von Esau, um ihn uns wie¬
der als Ehemann vorzuführen (26, 34). Wohl mag er kundig
gewesen sein, zu verfolgen die Spur des schnellen Rehes oder
Hündin, aber in der Psychologie des Weibes scheint er trotz
seiner vierzig Jahre nicht sehr weit gebracht zu haben. Seine
Wahl war schlecht, denn seine Frauen „machten dem Isaak
und der Rebekka viel Herzeleid" (35), nach weil sie dem
Götzendienste ergeben waren.-— Wir müssen jetzt der Geschichte
ein wenig voran eilen und auf die Verbindung Esau's mit der Tochter
Jsmaels (28,8) sehen. Die Uebersetzung dieser Stelle, nach Men-
delfohn, lautet: „Als nun Esau gewahr worden, daß Isaak den
Jakob gesegnet und nach Paden-Aram sich von daher eine Frau zu
nehmen geheißen, nämlich indem er ihn segnete, verbot er ihm
zugleich und sprach, nimm keine Frau von den Töchtern Ka¬
naans, und das Jakob seinem Vater uud seiner Mutter ge¬
horcht und nach Paden-Aram gereist sei, da merkte Esau, daß
die Töchter Kanaans in den Augen seines Vaters mißfällig
sind, daher ging Esau zu Jsmael und nahm über seine bis¬
herigen Frauen die Machloth Tochter Jsmael's, des Sohnes
Abcaham's, Schwester des Nebajot sich zur Ehefrau (cap. 28
v. Vers 6 — 10)". Diese Stelle ist diejenige, welche nach der
gewöhnlichen Auslegung das nachteiligste Licht auf Esau's
Charakter wirft; erklärt die Stelle)^ ^ so: Esau habe
seine Frauen nicht nur nicht vertrieben, sondern noch eine dazu-
genommen (nuitwin nx tnj x^t? inytsn nptn rj>Din).
Nach der Erklärung des pjfcn erfüllte Esau zwar darin den
Willen seines Vaters, daß er Mne Frau aus dessen Familie
wählte, doch konnte er es nicht^^r sich und seine Leidenschaft
gewinnen, seine bösen Frauen zu vertreiben. — Nach der ersten
Erklärung wäre Esau wirkliich der vollendetste Bösewicht ge¬
wesen, der diese Erweiterung seines Harems nur aus Trotz ge¬
gen seine Eltern unternahm. Hätte es aber in Esau's Plane
gelegell, seinen Eltern Kummer zu bereiten, hätte er dann
nicht statt einer Tochter Jsmael's noch eine Kanaaniterm ge-
heirachet? Die zweite Erklärung zeigt uns Esau doch insofern
als folgsamer Sohn, als er sich mit einer Jsmaelitin verband,
vernehmend den Wunsch, den der Vater Jakob äußerte, doch
immer noch klebt der Makel an ihm, daß er seine, den Eltern
so mißfälligen Frauen nicht vertrieb. — Aber wie wäre es,
wenn wir das Wörtchen hy hier in einer Bedeutung brauchten,
in der es so oft vorkommc, nämlich in der Bedeutung: we¬
gen z., B. (Ier. 2, 35) “pDn und dann besonders in
in Verbindung mit den Wörtern: p/ DDH und dann
wäre der Sinn der: Esau nahm die'Tochrer Jsmael's wegen
seiner Frauen, d. h. wegen ihrer Gottlosigkeit vertrieb er sie
und nahm dafür die Tochter Jsmael's. Aber auch davon abgesehen,
stehen die Pflichten gegen die Ettern den Gattenpflichten nach,
nach dem Vers (1 B. 2, 3.) nNl PDN riN KW DTJP p hy
intWD pD7 1DN Auch Mendelsohn übersetzt mit über,
was doch sehr häufig synonym mit wegen ist. Doch wollen
wir diese Verteidigung als Meinung nur, nicht als Behaup¬
tung hingestellt wissen, so wie wir es uns überhaupt nicht zur
Aufgabe gesetzt haben, Esau's Character rem zu sprechen, wo¬
für er uns auch in seiner cmgebornen Rauhheit wenig Dank
wissen würde, sondern wie schon am Eingänge bemerkt wurde,
seine Licht- und Schattenseiten gegeneinander zu halten, um
ihn allenfalls nur von dem Prädicate zu reinigen, was
wir um so leichter ausführen zu können glauben, wenn wir den
Faden der Erzählung da wieder aufnehmen, wo er uns ent¬
gangen.
Der greise Isaak befiehlt seinem Sohne Esau (27,1. u. ff.)
auf die Jagd zu gehen und ihm Wildpret zu bringen, um des
väterlichen Segens theilhaftig zu werden. Das hört Mutter
Rebbekka, die natürlich den sanften Jakob mehr liebt, als den
rauhen Esau; sie bestehlt daher ihrem gelieüeen Sohn durch
List den väterlichen Segen sich zuzueignen, der Anfangs sich
sträubende Jakob unterliegt endlich der Beredsamkeit der drin¬
genden mütterlichen Zunge und empfangt den Segen des Va-
terr. Da kömmt Esau, beladen mit Jagdbeute, in der väter¬
lichen Wotmung an, aber zu fpat, der Segen ist vergeben.
Was thut der rauhe Sohn der Wälder? er wüthet, schnaubt