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Licht- unfe Schattenbilder
aus der
jüdischen Geschichte der Gegenwart.
Die Juden tm Kirchenstaat und in
Toscana.
Vom Verfasser der ,,Römischen Briefe."
Erster Brief.
Unter den ersten Päpsten, welche in Rom weltliche Macht
mit der geistlichen zu verbinden begannen, wenn auch nur in
einem sehr beschränkten Kreise und im Genüsse einer über die
Verwaltung der kirchlichen Güter kaum hinausgehenden Auto¬
rität, waren die Verhältnisse der Bekenner des mosaischen
Glaubens keineswegs ungünstig, noch gedrückt. In diesen
Zeiten, wo die Auflösung des alrrömischen Reichsverbundes im
Abendlande noch lange nicht vollendet war, und die römischen
Gesetze fortwährende, wenn auch geschmälerte Geltung behaup¬
teten, waren die Juden Grundeigentümer, zum Theil mit
bedeutendem Besitz, und zu Gregors des Großen Zeiten (590
bis 604) finden wir sie unter den Pächtern der Ländereien
der Kirche. Der Papst hinderte, daß ihnen Beleidigung oder
Gewalt zugefügt ward, und wenn den Convertiten niedrigere
Pachtzinse gestellt wurden, als den in ihrem angestammten
Glauben Verharrenden, so kann man dies den besonder» Ver¬
hältnissen wohl zu gute halten. Die Gesetzbestimmungen des
theodosianischen Codex, welche die Heirathen der Juden mit
Christen auch von Seiten der bürgerlichen Gewalt, untersagten,
und erstern nicht erlaubten, christliche Diener zu haben, wurden
aufrecht erhalten, letztere jedoch mit ungleich geringerer Strenge
als die erste. Wenig beachtet wurden auch die Vorschriften
einiger Concilien des sechsten und .siebenten Jahrhunderts,
welche den Juden ein besonderes Unterscheidungszeichen gaben
und ihnen den zu vertrauten Umgang mit Christen untersagten.
Ihre Nationalgesetze, ihre religiösen und bürgerlichen Gebräuche,
ihre Synagogen und Schulen wurden ihnen gelassen, und nie
bildeten sie einen Theil der Natron, in deren Lande sie wohn¬
ten: dieß schloß aber nicht aus, daß sie sämmtlich unterthan
waren, so wie denn die Autorität ihrer eigenen Magistrate und
Gesetze aufhörte, sobald es sich um Beziehungen zu.den Ge¬
walthabern im Lande, oder auch zu Christen im Allgemeinen
handelte.
Wie das Mittelalter in seinem Charakter und seinen In¬
stitutionen sich mehr und entschiedener entwickelte und das
germanische Element die Oberhand erhielt, modisicirte sich
auch die Stellung der Juden, und wenn einerseits unter ihnen
Studien und Wissenschaften aufzublühen begannen, nahmen
andererseits die immer sich erneuenden heftigen Verfolgungen
ihren Anfang, die namentlich vom eilsten Jahrhundert an ihre
Existenz zu einer höchst precaren und gefahrvollen machten.
Die Neichthümer, welche sie durch Gewandtheit, Tätigkeit,
Ausdauer, Entsagung und Entbehrungen aller Art, zum Theil
wohl auch durch unerlaubte Mittel erwarben, gaben in den
meisten Fallen (außer wenn, wie bei den Kreüzzügen der Fall
war, religiöser Fanatismus anregte) die Hauptveranlassung zu
diesen Verfolgungen, wahrend sie hinwiederum auch der Grund
waren, weßhalb man der Juden nie entbehren konnte, und sie
auch nach scheinbarer Vernichtung immer wieder auflebten.
Die Gesetzgebung in Betreff derselben änderte sich mittlerweile
von jener Zeit an entschieden Zu ihrem Nachtheil, und wenn
auch die Concilien, namentlich das Lateranische von 1179, ihre
angefochtene persönliche Freiheit und ihren Besitz schützten, so
blieb doch die Bestimmung, wodurch sie jedweder bürgerlichen
Ehre, und insbesondere jeder Jurisdiction, wobei Christen in
Betracht kamen, unfähig erklärt wurden, und in manchen Län¬
dern wurde ihnen die Befugniß, Grundbesitz zu haben, ent¬
schieden abgesprochen, wie sie sich denn auch die Erlaubniß, im
Lande zu bleiben, durch willkürlich gemehrte Abgaben gleichsam
immer wieder von Neuem kaufen mußten. Es verdient übri¬
gens bemerkt zu werden, daß in der Mehrzahl der italienischen
Staaten, nämlich in denen der Republik Venedig, in den
Markgrafschaften und nachmaligen Herzogthümern Mantua
und Ferrara, in der Grafschaft und spatern Herzogrhum Urbino,
. im Zlorentinischen und im Kirchenstaat die Verhältnisse der
Israeliten längere Zeit bei weitem günstiger waren als in
andern Landern, besonders in Toscana.
Im Jahr 1430 war unter den Florentinern, diesen Wechs¬
lern pur excelence, die ganz Europa mit ihren Banken ge¬
füllt, die die meisten Souveräne mit Geld versahen, der Un¬
fug des Wuchers auf einen solchen Grad gestiegen, daß
die Republik zu einem verzweifelt scheinenden Mittel griff.
Die Befugniß des Verleihens auf Pfänder ward ausdrücklich
und ausschließlich den Juden übertragen, weil man in ihre
Ehrlichkeit mehr Vertrauen fetzte als in die der Christen. Sie
sollen monatlich vier Denan von der Lira nehmen, welches un¬
gefähr 1| Procent für den Monat macht. Der Beschluß ging
aber nicht ohne starke Opposition in der Signorie, dem ober¬
sten Regiernngscollegium, durch, und namentlich war der Ven-
ner der Justiz, Nicolü Rittafe, lange Zeit dagegen, bis er
endlich, wie man behauptete, durch Geld sich beschwichtigen
ließ. So ging die Sache über fünfzig Jahre lang, \ unb nicht
blos in Florenz, sondern in allen toscanischen Ortschaften von
irgend einer Bedeutung hatten die Juden Leihhäuser. Dann
kam die Aufregung der Gemüther, welche die zweite Vertrei¬
bung der Medici und den zeitweiligen Sturz der Oligarchie
veranlaßte, und bei der immer stärker werdenden Einwirkung
der reformatorischen Partei Savonarolas brach eine neue Ju¬
denverfolgung aus. Die Bücher der öffentlichen Verwaltung
ergaben, daß, vorausgesetzt, man'habe sich mit den erlaubten
Zinsen begnügt, in Florenz allein innerhalb jener Zeit die Ju¬
den die Summe von 49 Millionen, 792,556 Goldgulden (Ze-
chinen), sieben 65rosst, sieben Dcnari gewonnen hatten. So
groß war der Geldumsatz in jener Stadt. Das Volk tumul-
tuirte und nöthigte am 13. August 1495 die Signorie auf der
Tribüne vor dem Regiemngspalafte zu erscheinen und durch
ein Dekret: die £ erfülle d’Iddio inimica setta Ebvaica
aus dem Dominium zu verweisen. Das Dekret begann mit
den Worten: Deatus qui intelligit super egcnum et
päuperum: in die mala liberabit eum Dominus.
Im Jahr 1569 machte Papst Pius V. durch eine neue
Bulle die strengste Befolgung der erwähnten Vorschriften z"r
Pflicht. Vor seinem Pontificat wie während desselben ein eif¬
riger Ketzerrichter, war von ihm am allerwenigsten Nachsicht
in diesem Punkt zu erwarten, und auswärtige Fürsten hielten
für gut, sich seinen Forderungen zu fügen. So sab man denn
bald an vielen Orten Judenquartiere entstehen. In Italien
waren sie nicht neu, denn in Venedig z. B. hatte man schon