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früher diesem Volke eine besondere Insel angewiesen, und von
dorther verbreitete sich der Name Ghetto, der bald allgemein
wurde.
Der römische Ghetto liegt in Rione St. Angelo,
dicht an der Wer, deren Ueberschwemmuiigen er häufig aus-
gesetzt ist. Mehrere Lhore führen zu ihm, zwei auf der Piazza
Sca Maria del pkanro, über deren einem man das Wappen
des Papstes neben dem des Cardmalvikars sieht, dessen Juris¬
diction der Ghetto unterworfen ist, wovon später die Rede
sein wird. Ein anderes Thor ist auf der Piazza belle Larra-
rughe, wo der allerliebste Brunnen steht, den eine ganz unbe¬
gründete Tradition dem Raffael zuschreibt. Ein viertes und
fünftes befindet sich in der Nähe der Brücke Quattro Capi,
welche zu der Liber-Insel führt, hinter dem in den Ruinen
des Marcellustheaters gebauten Palast, der ehemals den Sa-
velli gehörte und nach der«n Aussterbm an die Orsini kam.
Len letztgenannten Thorm gegenüber sieht man eine Kirche,
welche an der Fa^ade das Bild des Gekreuzigten mit hebräi¬
scher Inschrift trägt. Es ist ein dichtbewohntes, rühriges,
aber keineswegs schönes Stadtviertel, von dem der Ghetto
einen Lheil ausmachr. Enge, krumme Straßen mit unwohn-
lichen Häusern durchkreuzen sich in allen Richtungen. Von der
alten Pracht, die hier einmal herrschte, ist kaum eine Spur
übrig geblieben. Die kläglichen Reste des kolossalen Porticas
der Octavia sind von Schmutz und üblem Geruch umgeben, indem
hier der Fischmarkc gehalten wird; mitten unter ihnen steht
die jetzt völlig modern ist'icke Kirche S. Angiolo in P^scheria,
die namentlich darum merkwürdig ist, weil in und vor ihr
Cola di Rienzos Versuch, die altrömische Republik herzu stellen,
am Vsingstseste des Jahres 1347 begann. Von Rauch ge¬
schwärzt sind die Lravectinquadecn des noch stehenden Lheiles
der äußern Arkadenreihe des Marcellustheaters; in seiner in=
nern Area, wo der Schutt einen nicht unbedeutenden Hügel
gebildet hat, sicht man nur neue Bauten. Auf der andern
Seite des Ghetto, nach dem Ponte Sisto zu, liegt auf einem
Hügel, der durch die Ruinen des Theaters des Balbus gebildet
worden ist, der Palast der Cenci, ein großes, unregelmäßiges,
sehr verwahrlostes Gebäude, ohne architektonische Schönheit,
aber nicht ohne Charakter und in einzelnen Lheilen noch km
Uebergang von mittelalterlicher Formen zu den modernen zei¬
gend. Dicht an den Palast angebaut ist die kleine, dem h.
Thomas gewidmete Kirche, welche Cristoforo Centi begannen
und sein Sohn Froncesco , der berüchtigte und schuldbedeckte
Varer der unglücklichen Beatrice, der Inschrift gemäß im Ju¬
beljahre 1575 vollendete und ausschmückte, *) das einzige Gute,
wie die gleichzeitige Chronik sagt, das er in seinem Leben ge- ,
*) Da es sich um eine durch ihr grauenvolles Schicksal so
bekannt gewordene Familie handelt, setze ich die -beiden, an der
Kirche zu lesenden Inschriften hierher:
Praneiscus Cincius Christophori Mus et eceJesrae
patrönus templum Lnoc rebus ad divinum cuitum et
ornatum necessariis ad perpetuam rei memoriam ex-
ornari ac perfid curavit anno jubilei MDLXXV.
Ecclesia paroehialis D. Thomae apost. die. de iure
patronatus kam. Christoph. Cincii,
Ich begreife nicht, wie Shelley in den Anmerkungen zu seiner
die Geschichte der Beatrice behandelnden Tragödie hat sagen
können,- er habe das Kirchlein überall gesucht, aber nicht ge¬
funden.
than, aber nur in der Absicht, alle seine Kinder dort begraben
zu sehen. Hinter dem Palaste Cmci und zum Theil an der
Ringmauer des Ghetto, ist ein großer, freier Platz an der Ti¬
ber, von wo man eine schöne Aussicht auf die Ufer des Stroms
genießen könnte, wenn man durch die aus den nahen Gerbereien
herstromendcn Düste nicht alsbald verscheucht würde. So ist
die Umgebung von Ghetto beschaffen.
(Fortsetzung folgt.)
Persorralchronrk rmd MLseellerr.
Anerkennung. Der treffliche Prediger Dr. G. Sa¬
lomo n hat von einigen der vornehmsten jüdischen Mitglieder
der Gemeinde in Dresden zum Abschiede einen sehr geschmack¬
vollen silbernen Becher erhalten, und dies ist gewiß nicht nur ein
schöner Beweis, wie wahr die Mittheilnngen im Oriente über
die Aufnahme und Wirkung der Predigt dieses ausgezeichneten
Redners war, sondern auch, welcher treffliche wahre religiöse
Geist in dieser gut organisirten Gemeinde herrscht.
*
* *
Sch riften und Brochüren bei Gelegenheit
der jetzigen Reformbewegungen im jüdischen
Cultus in Frankreich. Schon seit zehn Jahren drängte
die demokratische Verfassung der Synagoge in Frankreich zu
Reformen im jüdischen Cultus, und das israelitische Cmtral-
Consistorium .in Paris sah sich gezwungen, wenn es nicht
ganz seine Bedeutung verlieren wollte, die Initiative Zu Re-
formvorschlagen zu ergreifen. Es erschienen in dieser Bezie¬
hung: ,,Projet d’ordonnance conteuant l’organisatkm du
! culte israelite u , als Manuscript vom Central-Consistorium in
j Paris gedruckt und an die Provinzial - Consistorien von Paris
aus versandt. Ja36,Paragraphen wird darin eine neueOrgani-
! sation der Verwaltung und in 34 die religiöse Reform be¬
stimmt. Gegen dieses „Projet“ erschienen drei Gegenschrif¬
ten : 1) Protestatio n de la part de M, Je Grand-Habbin
de Metz; 2) Protestation de Ja part de M. le Grand-
Rabbiii de Nancy; 3) Protestation de la part de M. Je
Grand-Kabbin de Marseiile. Die drei Gegenschriften sind
ebenfalls nur als Manuscript gedruckt. A. P. Z.
* * *
Breslau, 1. Septbr. Heute fand in Gegenwart der
höchsten Behörden die solenne Einweihung und llebergabe des
großen, prächtigen Fränkelschen Hospitals an die jüdische
Krankenverpfleg ungsanstalt statt. Der Kaufmann Jonas
Frankel, ein Mann, dessen Name von tausend Bedürftigen
mit Seegen genannt wird, hat dieses Gebäude errichtet und
hinterher noch bis zur Gesawmtverwendung eines Capitals von
100,000 Thlr. dotirt. Es ist vortrefflich angelegt, enthält zu¬
gleich das jüdische Waisenhaus und hat auch durch den Stif¬
ter, dessen Namen es aus Grund einer Cabinetsordre vom 20.
Mai 1840 führt, die vollständigste innere Einrichtung erhalten.
Zur Einweihungsfeier hat der Arzt des Instituts, der als me-
dicinifcher Schriftsteller rühmlich bekannte Dr. Grätzer, die
Geschichte der israelitischen Krankenverpflegungsanstalt und
Beerdigungsgesellschaft zu Breslau herausgegeben , welche als
ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Juden in Breslau
überhaupt angesehen werden frum.
Verlag von <S* L. Fritzfche.
Druck von I. H. Nagel.