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zine beftnicn. Diese werden von den Bewohnern Roms aus
allen Klassen häufig besucht, indem man hier in Leinen-, Baum¬
wollen- und Wollenzeugen und Maaren jeder Art gewöhnlich
größere Auswahl findet als in andern Magazinen der Stadt.
Damit soll ja nicht gesagt werden, daß sie etwa einer andern
Hauptstadt Ehre machen würden. Aber Rom hat das benei-
denswerthe Privilegium, schlechte Buden und hohe Preise zu
vereinigen.
Auf der Piazza delle scuole ist die größere Synagoge,
neben welcher es noch zwei Bethäuser gibt; sie ist ein moder¬
nes Gebäude und nicht ohne Geschmack, wenn auch durch eine
unvortheilhaste Lage beeinträchtigt. Eine Art Vorbau, in
einem viersäuligen geschloffenen Porticus bestehend, macht keine
üble Wirkung. Die Fontaine, welche ihr Wasser von der
Aqua Pao-la bezieht, ließ Papst Paul V. im Jahre 1614 er¬
richten. An ihr sieht man neben dem Adler des Borghest'schen
Wappens den si'ebenarmigen Leuchter des Tempels von Jeru¬
salem. Sonst wüßte ich über den römischen Ghetto, in wel¬
chem die Bevölkerung so gedrängt ist, daß man sich wundern
muß, daß dort überhaupt Jemand gesund bleibt, nichts zu
sagen. Seltsamerweise ist dieser Theit der Stadt von anstecken¬
den Krankheiten weniger heimgesucht worden, als man be¬
fürchten möchte, und sowohl während der Pest des Jahres
1656, als zur Zeit der Verheerungen durch die Cholera im
Jahre 1837 ist die Zahl der Opfer verhältnißmäßig gering
gewesen.
Zweiter Brief.
In Florenz wohnten Anfangs die Juden in einer Straße,
in dem auf dem linken Flußufer gelegenen Viertel (Oltrarno),
die man noch Via de 5 Giudei nennt; dann lebten sie.in der
Stadt zerstreut, bis in Folge der schon erwähnten Bulle Cos-
mus 1. den Ghetto einrichten ließ. Die dazu ausersehene
Stelle war ziemlich im Mittelpunkt der eigentlichen Stadt,
nahe beim alten Markte, wohin die Florentiner Antiquare Fo¬
rum und Capitol der Römerstadt zu verlegen pflegen, und wo
in den srühern mittelalterlichen Jahrhunderten die vornehmsten
Consulargeschlechter ihre Wohnungen und Thürme hatten, von
denen man noch die Ueberrefte sieht. Jetzt aber ist der Mer-
cato vecchio, welchen Cosmus 1. durch eine von Vasari im
Jahre 1568 erbaute Halle zu verschönern sich bestrebte, mit
Fleisch- und Fischbanken gefüllt, und von seinem Anfänge bei
dem herrlichen Strozzischen Palaste an bis zu seinem Ende
am Domplatze, gleich jenem römischen Porticus der Dctavia
so wenig reinlich und einladend, daß man, wenn nicht etwa
von antiquarischem Forschergeist getrieben, vielleicht nur an den
Lagen des Johannisfestes sich versucht fühlt, ihn zu besuchen,
weil der Corso mitten hindurchführt. Der Ort, wohin die
israelitische Einwohnerschaft verpflanzt ward, hatte übrigens
damals noch seinen Namen von den Häusern der Feminine
mondäne, welche früher dort geduldet waren. Auch der flo-
rentinische Ghetto hat Thore, die ihn von der christlichen Stadt
abschließen. Aus Erkenntlichkeit gegen den Großherzog, der sie
von einer mehr des Charakters als des Betrages wegen drük-
kenden Abgabe befreit hatte, ließen die Juden auf ihrer Piazza
dessen Büste mit einer hebräischen Inschrift aufstellen, welche
besagte: Cosmus 1., Herzoge von Toscana, unserem Be¬
schützer. Aber dem Medizeer behagte diese Demonstration nicht;
er ließ die Büste wegnehmen und dafür über dem Thore sein
und seines Sohnes Franz Wappen nebst dem kaiserlichen seiner
Schwiegertochter anbringen, mit folgenden charakteristischen
Worten:
Cosmus Med. Mag*. Etruriae Dux
Et »Sereniss. Princeps Franc, suminae in omnes
Pietatis ergo hoc in loco Hebraeos a Christianorum
Caetu segregatos voluerunt non autem ejectos ut
Levissimo Christi iugo cervices durissimas
Bonorum exemplo domandas facile
Et ipsi possint
A. D. MDLXXI.
Die Thore des Ghetto wurden Nachts geschloffen, den heimli¬
chen Umgang von Juden mit Christen zu hindern, welchen die
päbstlkchen Bullen besonders strenge verboten. Uebrigens wa¬
ren die Israeliten in der Ausübung ihrer Religion ungehin¬
dert, und es stand ihnen frei, wie andere Corporationen ihre
Statuten und Verordnungen für innere Angelegenheiten zu ha¬
ben, und die Steuern, mit denen sie belastet waren, selbst un¬
ter den einzelnen Familien und Individuen zu vertheilen. —-
In Siena wurde gleichfalls ein Ghetto eingerichtet: in andern
toskanischen Orten zu wohnen, war den Juden nicht ferner
gestattet, und alle srühern partiellen Verträge mit der Re¬
gierung, deren mehrere stattgefunden hatten, wurden ein- für
allemal widerrufen und abgeschafft.
Sein Eldorado aber fand das Volk Israel in Livorno.
Von der Republik hatten die Medici Livorno als ein unbedeu¬
tendes Oertchen mit einer Festung und einem mittelmäßigen
Hafen überkommen. Das von ihnen zur Hebung dieses Oert-
chens befolgte System mußte der Ansiedelung jener gewerbtha-
Ligen Fremdlinge besonders günstig sein. Nachdem Cosmus 1.,
in der Absicht, Ausländer nach Livorno zu ziehen, den Ansied¬
lern überhaupt manche. Privilegien ertheilt hatte, worunter der
berühmt gewordene Erlaß von 1548, welcher verordnete, daß
Personen, die sich in Livorno und Pisa bürgerlich niederließen,
wegen anderwärts gemachter Schulden dort nicht verfolgt wer¬
den konnten (eine Maßregel, welche alles Lumpengesindel nach
Livorno zog); ertheilte sein Sohn und zweiter Nachfolger,
Ferdinand 1., im Jahr 1593 einen Jnduld, wodurch den Be-
kennern jeglichen Glaubens, Türken, Mohren, Persern, Juden
und wie sie sonst heißen mochten, die in erwähnten Städten
ihren Wohnort zu nehmen geneigt sein sollten, ungehinderte
Religionsübung verheißen würde» Was der Großherzog ver¬
sprach, hielt er treulich, und während er Livorno auf alle Weise
zu heben suchte durch großartige Bauten, mittelst deren er eine
neue Stadt schuf, die mit breiten Straßen, stattlichen öffent¬
lichen Bauten, erweitertem und gesichertem Hafen und Laza-
rerh, mit neuer Festung und schiffbaren Kanälen und Gräben
prangt, strömten von allen Seiten Spekulanten hinzu, welche
die seltenen, hier mit freigebiger Hand ihnen gebotenen Vor-
theile richtig ermaßen« Von der nun beginnenden Blüthe des
Livorncser Handels weiter zu reden, ist hier nicht der Ort, da
nur die Verhältnisse der Israeliten in Betracht gezogen wer¬
den sollten. Diese glaubten in Ferdinand von Medici ihren
Messias gefunden zu haben. Freilich wurde ihnen nirgendwo
gleich große Begünstigung zu Theil.
Anfangs machte die israelitische Corporation zu Livorno
mit der Pisaner ein Ganzes aus, und in letzterer Stadt war bis
zur Regierung Großherzog Ferdinands 11. (1621—1670) der
Sitz ihres confessi'onellen Magistrats, aus fünf Personen be¬
stehend, die man Masa ri nannte und welchen über Gemeinde¬
angelegenheiten die Entscheidung zustand. Wollte ein Fremder
in die Corporation ausgenommen werden, so mußte er sich der
Ballotage unterwerfen; war sie günstig ausgefallen, so wurde
sein Name in ein auf dem Zollamte offenliegendes Büch einge¬
tragen, und von dem Augenblicke an konnte er weder Schulden
halber, noch wegen früher begangener Verbrechen zur Vercmr-