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wvrtung -gezogen werden. Die Immunität ging so weit, daß
selbst die Inquisition m Men von offenkundiger Apostasie keine
Gewalt hatte. Der unendLichen Mißbräuche wegen fand indeß
die großherzoglkche Regierung nachmals sich veranlaßt, jene
Bewilligung in so weit einzuschranken, daß begangene Verbre¬
chen ganz ausgeschlossen wurden und von den Schulden solche,
die wahrend der jüngstvergangenen drei Monate gemacht wor¬
den waren — eine Restriktion, gegen welche die Israeliten im¬
mer, aber vergebens, Einspruch thaten, und die um so not¬
wendiger war, als alle Schurken benachbarter Staaten von
dem durch die Li vorn in« (wie das Privilegium hieß ge¬
währten Schutz Vorrheil zogen. Es konnte auch wohl nicht
in der Absicht der Regierung liegen, aus bloßer Rücksicht für
die Vermehrung der Bevölkerung dem Kredit des Lworneser
Handels zu schaden, indem sie die Stadt fortwährend zu einem
Asyl des Abschaums anderer Länder machte. Es war den Ju¬
den gestattet, gleich, den Christen , jeder Gattung des Handels
und Verkehrs sich zu widmen, und sowohl innerhalb der Gren¬
zen des Großherzogthums wie auswärts wurde ihnen gleicher
Schutz wie den Landeskindern zugcsagt. Ihre Hrndlungsbücher,
sofern sie die von den Gesetzen verordnte Form hatten, galten
vor dem Gericht eben so wie die der Christen, und ihr Zeug-
niß wurde in gleicher Weise angenommen. Bon der Ver¬
pflichtung, das Abzeichen zu tragen, waren sie befreit, ebenfalls
von den besondere Abgaben, die auf ihren Glaubensgenossen in
Florenz und Siena lasteten und von allen Quälereien des Fis¬
kus. Sie konnten den Doktorgrad in der Arznei- und Wund¬
arzneikunst erlangen, und sowohl unter den Ihrigen als unter
Christen die Heilkunde ausüben. Die Beschränkung in Betreff
christlicher Dienstboten wurde gleichfalls aufgehoben. Sie wur¬
den zu Kontrakten aller Art befähigt, konnten Grundeigenthmn
erwerben und testamentarisch verfügen, und. erlegten dieselben
Gerichtsgebühren, wie alle andern. So waren sie in vielen
Dingen christlichen Nationen gleichgestellt.
Das Judenviertel in Livorno bestand und besteht nicht in
einem von der übrigen Stadt abgesperrten Quartier, sondern
in dem ganzen südlichen Theile der Stadt, die man jetzt, nach¬
dem seit 1835 die Vorstädte von der neuen Ringmauer um¬
schlossen worden sind, die innere nennen kann. Dieser Theil
ist. nicht gerade der schönste, aber doch in jeder Hinsicht an¬
ständig und geräumig. Hier wohnten sie Anfangs Alle, nach¬
mals aber wurde diese Verpflichtung ihnen erlassen, und sie
konnten sich ankaufen oder einmiethen, wo sie nur wollten, nur
nicht in der Via Ferdinand«, der schönen Hauptstraße der
Stadt. Allmahlig wurde ihnen selbst dieß gestattet, die mei¬
sten blieben indeß in der bezeichneten Stadtgegend. Hier ist
auch ihre große Synagoge; an Umfang und Schönheit steht
sie nur der zu Amsterdam nach, und während die Fagade
nichts Ausgezeichnetes hat, gewährt das Innere mit den ho¬
hen gewölbten Räumen und den mit Balustraden versehenen
umlaufenden Galerien der Emporkirche einen in.seiner Art
imposanten Anblick. Neben dieser Synagoge haben sie noch
zwei kleinere und verschiedene Bethäuser. Daß der mosaische
Kulms in Livorno ohne Beschränkung geduldet ist, braucht
kaum gesagt zu werden. Diese Freiheit, so wie die Befugniß
zu Anlegung von Schulen bildet eine der Hcruptbestimmungen
der Feidiuandischen Gesetzgebung, welche die Juden auch vor
zelotischen Bekehrungselfer schützte. Niemand durfte israeliti¬
sche Kinder unter dreizehn Jahren ohne Erlaubniß der Eltern
taufen, . wenn solche Kinder nicht in dringender Lebensgefahr j
sich befanden. Den Vätern wurde speziell gestattet, ihre Km- !
Verlag von {S. 4 Fritzsche.
der, wenn sie christliche Katechumenen waren, ungestört zu be¬
suchen, und die Bestimmungen päpstlicher Bullen, welche ver¬
ordnten, daß der hebräische Vater dem zum Christenthum be¬
kehrten Sohn das Pflichtcheil seines Erbes vor der Zeit zu-
komm-'N lassen müsse, erlangten in Toscana nie gesetzliche
Kraft.
(Fortsetzung folgt.)
Personalchrourk und Miseellen.
Sir Isaak Lyon Go 1 dsrnith ist der erste Jude, der
zu der Ehre der Baron etschaft gelangte. Er war stets ein
eifriger und zuverlässiger Liberaler.
Zur Geschichte des Handels im Mittelalter.
Der kenntnißreiche Buchhändler und Antiquar A. Asher in
Berlin arbeitet jetzt an dem 3. Bande der bekannten Itine-
raiy und will in demselben, nach Benjamin von T. Notizen,
eine Geschichte des Handels im Mittelalter liefern, von welcher
wir uns auch wichtige Aufschlüsse für eine unserer belebtesten
Zeitfragen versprechen dürfen.
* * *
Ein Monument Mendelssohns. Während in
Berlin der greise Sohn des jüdischen Philosophen, Herr Jo¬
seph Mendelssohn, eine große Ausgabe der Mendels-
sohn'schen Werke bei Brockhaus veranstaltet, die an Umfang
und Reichthum alle bisherigen Ausgaben weit überragen soll,
macht Herr Cahen in Paris, der Redakteur des Archive*
Lsraelites de France, einen Aufruf an die Israeliten Deutsch¬
lands und Frankreichs bekannt, dem unsterblichen Verfasser des
Phädon ein Monument zu setzen, da er der Schöpfer des mo¬
dernen Judenthums und Begründer einer wohlchatigen Aufklä¬
rung unter den Israeliten ist.
Französisch - jüdische Journalistik. Frankreich
steht in Bezug auf jüd.-specielle Journalistik Deutschland nach,
und die Versuche, um solche dort in's Leben zu rufen, haben
sogar mehr als ein blos bibliographisches Interesse. In Pa-
ris wurde im Jahre 1817 eine jüdische periodische Schrift be¬
gründet, welche den Titel führte: LMsraelite fra-ngais. ein
Vorbild der jetzt dort erscheinenden: Archive* Jsraelites de
France. Diese Zeitschrift hatte drei Redactorerr, A. v. Co-
logna, Groß-Rabblner und Präsidenten der Israeliten in
Paris, Sarchi, einen ausgezeichnetes Orientalisten, und Mi¬
chel Berr, einen (hörigen Schriftsteller aus Nancy. Aus
Mangel an Theilnahme konnten nur zwei Jahrgänge erscheh
um. Im Jahre 1837 hat ein jüdischer Gelehrter Bloch in
Stcaßburg eine Zeitschrift herauszugeben begonnen, welche den
Titel: „La Regeneration“ führte, die sich aber ebenfalls
nur zwei Jahre halten konnte. Eine bessere Aufnahme hat
oafür Herr Cahen in Paris gefunden, der seit 1840 die Mo¬
natsschrift: Archive* lsraelites herausgibt. A. P. Z.
Druck von I. H. M a $ t i.