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keineswegs mit brauchbaren, accreditirten Waffen geg en die
Juden, söndern er spricht als Zelot , in blinder Aufwallung, -
ohne die geordnete und geregelte Schule der Fechtkunst zu ge¬
brauchen noch zu kennen. Herr Witt kennt durchaus das
Terrain nicht, auf welchem er sich bewegt; statt auf festem
Boden, auf dem Lande zu bleiben, geht er auf's Eis und fallt,
wie ein Kind, welches ohne Kenntniß der Natur der Sache
sich blindlings und besinnungslos auf das Wagestück einließ.
Herr Witt ist ein gewöhnlicher Ludenhasser, wie. es deren
wohl zur Zeit der fanatischen Verfolgung gab, die aber jetzt
glücklicher Weise, Dank sei .es der. Cultur und Vorsehung,
ausgestorben sind bis aus Herrn Witt. Er nur ist übrig
geblieben, hat von der Entwicklung und Läuterung der Begriffe,
von den frühern Wettkämpfern und ihren Ansichten über die
Judensache nichts vernommen, um jetzt nach seiner gehaltlosen
Weise im fanatischen Zelotismus aus dem stillen ächt bürger¬
lichen Altona hervorzubrechen. Ich will Herrn Witt keine
bedeutende Motive unterlegen, ich traue ihm nicht einmal zu ,
daß er mit seinem löschpapiernen Broschürchen beabsichtigt hat,
einiges Aufsehen zu erregen oder wohl gar eine neue Partei
von Juden - Zeloten zu werben. Nein, offen gestanden und
ehrlich gesagt, solchen tiefen Plan und so viel welthistorische
Absicht will ich Herrn Witt gar im Geringsten nicht unter¬
legen. Weil aber selbst 'so winzige Blätter ihre Schicksale
haben und sie ungeachtet ihrer Unbedeutendheit, sowohl der
äußern Form als des geistigen Gehaltes' nach, dennoch .auf
irgend eine Weise hie und da in das Publikum übergehen
könnten, ich sage könnte'n: so will ich Herrn Witt eine
hülsreiche Hand hinstrecken und ihn dem Publikum in seiner
Größe als.Judenhaffer, oder wie der. Titel, durch den un¬
vergeßlichen Börne'als klassisch emgeführt, sich sehr gut
macht', als Judenfresser darzustellen suchen.' Was Herr Witt
nebenbei gegen die Doctoren Ste inh eim und G utzkow un¬
ternimmt, werden diese ehrenwerthen Männer selbst, so sie es
der Mühe werrh halten, zu pariren wissen. Also, Herr Witt
predigt Judenhaß. er zelotirt gegen jede staatliche Emancipa-
tion der Juden; wir wollen uns die Mühe nehmen, aus diesem
Zelotiömus — obwohl, wer wild- eifert, allemal Unrecht hat —
die beigebrachten Gründe, es können ihrer ja nur wenige sein,
herauszulesen. Vielleicht geschieht damit noch Diesem oder Je¬
nem ein kleiner Dienst, der es auch, sowohl durch die Länge
der Disputationen als durch die Trägheit der Mächte in sei¬
nem schwachen Gedankensysteme bestimmt oder veranlaßt, für
nicht angemessen und vielmehr bedenklich halten möchte, die
Juden in christlichen Landen als volle Staatsbürger, so weit
es ihr Gesetz und unsere Religion erlaubt, zuzulaffen- Ich
wiederhole es, Herr Witt kann.sich vielleicht ein mdirectes
Verdienst-erwerben, und was ich jetzt gegen seinen gallichten
Zelotismus schreibe, geschieht in staatlicher wie intellettueller
Hinsicht durchaus zu seinem Bestni. Ich will Herrn Wi tt,
Advokaten in Altona, . mit Leib und Seele einen Namen zu
machen suchen. Die Ehre ist immer angenehm, auch wenn
man nichts dazu gethan hat. Beiläufig muß ich noch bemer¬
ken, daß ich nicht gegen die Intoleranz als solche, sonderst
allein gegen Ungerechtigkeit,.Verkehrtheit und Unsinn die Feder
ergreife. Wenn man das Motto auf dem Titel des besagten
Schriftchens lie,st, so fühlt man sich fast veranlaßt, Herrn
Witt für einen Genossen von Wolf gang Menzel- zu hal¬
ten/ welcher das Christenthum schon oft in Gefahr wähnte,
Helm und Tartsche ergriff, seine alte Rosinante bestieg und
wie der . ehrsame Junker Windmühlen für Ungeheuer ansah.
Vertag von C. L. Uritzsche.
Herr Witt ruft nämlich aus: „Ihr lieben Christen seid mun¬
ter und wach!" Gegen wen sollen sie wach sein? Nun, aller¬
dings gegen die Juden. Was wollen denn diese? Wollen sie
etwa das Christenthum stürzen? Das fällt ihnen nicht ein.
Wollen sie das Land erobern und uns hinausjagen? Ach, da¬
gegen sind wir ja wohl mannstark genug!— Aha, da fallt
mir ein, es ist in der persönlichen Entgegnung, „Einsprache,"
vom Wolf im Schaafskleide, von Winkelzügen u. dal. die
Rede — also dagegen ist wohl die erschreckende Warnung ge¬
richtet. Nun, da hätte er weniger kindische Furcht zu äußern
gebraucht. Ein jeder Leser wird doch eben so gut seinen Ver¬
stand haben wie Herr Witt. — Fangen wir nun da an,
wo der Vers, die Judensache auf seine Weise („auf unsere
Weise") beleuchtet. Eine Weise ist es denn freilich, aber wie
man wohl sagt, sie ist auch darnach. Herr Witt halt seine
Sach§ schon für halb gewonnen, er glaubt seinen Feind mit
einem einzigen Hiebe, der leider der einer flachen Klinge oder
gar eines Kindersäbels ist, aus dem Felde geschlagen zu haben,
wenn er das wunderbare Axiom aufstellt: „Alle Anstrengungen
und Kunstgriffe der jüdischen Vorfechter, ihren Ansichten Ein¬
gang bei uns zu verschaffen, werden durch die einzige Frage
vereitelt: was hat Norwegen für Schaden davon,
daß es keine Juden in sich aufnimmt? Die letzten
Worte sind auch im Original distmguirt gedruckt. Wahrlich,
auf den gescheuten Einfall ist noch Niemand gekommen , und
ich bin überzeugt, Herr Witt, der diesen Gedanken zuerst hat
an's Licht treten lassen, thut sich etwas darauf zu gute, sonst
hätte er ihn nichtmarkirt. Aber, lieber Herr Witt, wer
hat. denn schon das Grgentheil behauptet, daß Norwegen, um
zu existiren, durchaus der Juden bedarf? Und nun gar Scha¬
den davon, daß es sie nicht in sich ausnimmt. Schreiben Sie
keine Theodicee, verehrter Herr, Sie möchten, mit der Aus¬
führung nicht gut zu Stande kommen. Doch' halten wir uns
nicht dabei auf, es ist zu kindisch. Aber cs heißt weiter:
„.Wenn die Söhne^J'sraels uns mit Sack und Pack verließen,
so würden' wir ohne sie fertig werdeh.^ Allerdings — und
das wäre auch nicht gut, obwohl es vom Bettler bis zum
Könige und Kaiser doch nicht Jever zugeben würde; denn
leider hat hierunter schon mancher bekannt: Ich kann nicht
ohne dich fertig werden! Allein lassen wir auch das, und fra¬
gen lieber, wie Herr Witt zu all diesen sonderbaren Sätzen
kommt, von denen im Grunde keiner zur Sache gehört, da
doch,,über Juden-Emancipation" gesprochen werden
sollte. Man. sieht, er kennt gar sein Terrain nicht, er ärgerst -
sich nur, daß die Juden uns nicht, verlassen, „sie haben ihr.
Canaan schon bei uns- gefunden, sie können nicht-ohne uns
fertig werden." Wie es um diese einseitigen, unbedachten Er-
pectorationen des Verfassers stellt, habe ich schon angedeutet,
und wie ich mir bewußt bin, mit einem „leider," nämlich in
Hinsicht des Fertigwerdens. Aber warum gehen sie-nicht?
Sehen Sie,. Herr Witt, weil sie. das Jndigenatrecht erwor¬
ben haben, weil sie mit uns in, demselben Lande geboren, sind ,
weil sie auf die Scholle Erde eben so viel Anspruch haben als
wir. Sonst hätten die Amerikaner auch das Recht, uns aus
ihrem Lande wegzujagen, weil wir nicht zu ihrer Ratze ge¬
hören"» ' ~
(Beschluß, folgt.)
Druck von Z. H. ge l.