Seite
Meratnrbtatt -es Orients.
Berichte, Studien und Kritiken
für
jüdische Geschichte und Literatur.
M 1 .
Leipzig, den 3. Januar
1843 .
Lebensbilder-Saal. Immanuel. Biographische und literarhistorische Skizze von M. Sider in Berlin. Abriß der jüb.
Kulturgeschichte im Mittelalter. — Dogmatische Literatur. Der göttliche Ursprung des mündlichen Gesetzes oder der Tradi¬
tion von Venisch, äuge', v. Ink. — Lit. Nachrichten und Miscetten. Ueber eine Stelle ün Maharil von Dr. B. Beer/ EU
Bachur's Epitaph. Die Punica des Plautus. — Literarische Ankündigungen.
Lebensbilder - Saal.
Immanuel.
Biographische und literarhistorische Skizze
von
M. Sider in Bert kn.
Auf den Wellen und Wogen eines weiten, unabsehbaren
Stromes schwimmt ein kleines Masserbläschen dahin. Auf
seiner Hellen Oberfläche wechseln Farben und Bilder, in dem
engen Rahmen kommen und schwinden Figuren aller Art:
große erhabene Erscheinungen, und kaum bemerkbare Gestal¬
ten: bald Helles Licht, bald tiefe FinsternißIn dem kleinen
Tropfen spiegelt sich der ganze Strom, was er trägt, was
ihn umgibt. — So erblickt der Geschichtsforscher in dem Le¬
ben und Schicksal des jüdischen Völkchens mitten unter
den Nationen ein Spiegelbild der Zeit- und Weltge¬
schichte, und sucht hier die Farben, Töne und Umrisse zu
den Erscheinungen, deren Ursprung ihm dort unbekannt
geblieben.
Und dasselbe gilt auch von dem geistigen Leben des In-
dividuums. Nur in dem Lichte seiner Zeitgeschichte,
in der Perspektive seiner Weltumgebung wird es wahrhaft
begriffen • und gewürdigt.
Aber das Gewebe der Geschichte, insbesondere der Ge¬
schichte des Geistes, ist gar seltsam verschlungen; seine verschie¬
dene Fäden winden sich oft ineinander und gar weit zurück,
daß es schwer wird, ohne an einer Stelle den Knoten zu zer¬
hauen, einen paffenden Anfangspunkt aufzusinden.
Darum unternehmen wir es nicht ohne Zagen, hier in
einigen Umrissen das Leben und schriftstellerische Wirken eines
berühmten jüdischen Gelehrten und Dichters zu zeichnen, der
ans dem 13. ins 14. Jahrhundert hineinragr, also einem Zeit¬
abschnitte der jüdischen Kulturgeschichte angehört, dessen an¬
schauliche und lebendige Darstellung eine weitausholende Ent¬
wicklung verschiedener, gerade um diese Zeit sich durchdrin¬
gender, Erscheinungen der jüdischen Literatur, in ihrem Ver¬
hältnis; zur Weltstellung des Judentums und seiner Beken¬
ner an den Stätten ihres Waltens, insbesondere eine bis zu
diesem Zeitpunkt geschichtlich durchgeführte Charakteristik dev
jüdischen Poesie, als Focus aller Strahlen des Geistes und
Gennithes — bedingt. . .
Aber der billige Leser, der auf ein vollendetes Bild ver¬
zichtet, wird den folgenden Versuch einer skizzirten Zeichnung
mit Nachsicht und Freundlichkeit ausnehmend.
§. 1 .
Stets hatte die Richtung des jüdischen Geistes an der
weltgeschichtlichen Sendung des Iudenthums die innerste,
nimmer ruhende Triebfeder nach einem bestimmten Ziele hin.
Aber das Maaß seiner Bewegung, der Gegenstand, an dem
sich seine Thätigkeit auf den verschiedenen Entwicklungsstufen
kund gab, richtete sich jeweilig nach dem äußern Schicksal
der jüdischen Glaubensgenossenschaft unter den Bekennern
einer andern Lehre, nach dem Lichte, das ihm, aus der
jedesmaligen Bildung seiner Schirmherrn oder Unterdrücker
leuchtete oder dämmerte. Mo freie Wissenschaft und
Kunst unter dem Schirm allgemeiner Glaubensduldung sich
entfaltete, da nahm der jüdische Geist an dem allgemeinen
Fortschritt thatkrästig Theil, und sein Antheil blieb nicht der
geringere. Da strahlte die Helle Fackel wahrer Aufklärung
1) Umstände veranlassen uns, von den, in unserer „Lite¬
rarischen Rundschau" (Orient 1841 Litbl. No. 16. 17. ff.
o. 243) versprochenen „3 Skizzen zur Geschichte der hebr.
Poesie" hiermit nur die dritte ausführlich, die andern beiden,
in eine allgemeine Einleitung verwandelt, mitzutheilen.
1