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srrblatt des Orients.
Berichte, Studien und Kritiken
für
Mische Geschichte und Literatur.
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Leipzig, den 1. August
Die Menschenopfer der alten Hebräer. Eine geschichtliche Untersuchung v. Ghillany. Beurtheilt tf. R. Kirchheim. —
N e uh e br ans ch e Poesie. Notiz über die äußeren Formen der Pijutim. Drei-, vier-, fünf-, sechs- u. siebenzeilige Strophen.
Von L. Dukes. (Forts.) — Briese über eine Encyklopadie der Wissenschaft des Judenthums. (Forts.) — Lit. Nachrichten und
Miscellen. — Lit. Ankündigungen.
H§ Pie Menschenopfer der alten Hebräer. EZ
Eine geschichtliche Untersuchung
von Dr. F. W. Ghillany, Professor und Stadt¬
bibliothekar in Nürnberg. Nürnberg, 1842. 8.
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Ies. 7, 13.
Als Israel, um den großen Zweck seiner Gottessendung
hier zum zweiten Male auszuführen, den Wanderstab ergriff
und gedrückt und gequält, verhönt und verspottet, wie ein
aus seinem Neste verjagtes Vöglein irre und unstät umher¬
flatterte, einen Ruhepunkt suchend, der ihm aber nirgends zu
Theil ward, da fand es Trost und Hoffnung in seinem
Glauben, und schöpfte neue Lebenskraft aus dem uner¬
schütterten Vertrauen auf den Gott seiner Väter. Moch¬
ten ihm auch Schwerter und Dolche, vom Fanatismus mit
sicherer Hand zu seinem Untergang oder Abfall gezückt, ent¬
gegenblitzen, seine Habe geraubt, seine Lieblinge hingeschlach-
tet, und rauchende Trümmer die Spuren seiner jüngsten
Größe bezeichnen, so gab ihm das Wort des Lebens, der
Glaube an seinen Gott, dm es im Busen hütete und
verwahrte, Lebensdauer und Lebenskraft. Und man fing
endlich an, diesen Glauben zu würdigen, seine würdevolle Ver¬
gangenheit zu ehren, und Israel ging einer bessern Zukunft
entgegen. Frische Keime und Blütchen entsproßten aus dem
mit Blut und Asche gedüngten Boden Israels, die, wenn
auch zuweilen vom kalten Frost eines fanatischen Gestöbers
gedrückt, vom milden Sonnenlichte der Humanität wieder er¬
wärmt, gleich allen heimatlichen Gewächsen zu lebenskräfti¬
gen Stämmen im europäischen Boden ausschossen.
‘ Da erhob sich aber eine schwarze Wolke im fernern
Dstcn und <\nc Katastrophe, von unreinen Elementen
hervorgerufen, gab den Verräthern an Wahrheit und Recht
Veranlassung, längst vergessene Ammenmührchen aus den fin¬
stern Gängen hekaetifcher Werkstätten ans Licht zu ziehen.
Und abermals erschien der Fanatismus, diesmal unter der
Hülle der Wissenschaft, bedeckt mit dem Staub todter Bü¬
cher, und suchte blutige Spuren an den heiligen Denkmälern
von Israels Vergangenheit aufzuweisen. Unter dem Schwarm
des blutigen Gefieders, das zerrend, und nagend an den reli¬
giösen Wahrheiten des Iudenthums, das reine Sonnenlicht
des Glaubens verfinsternd umhcrkreiste, zeichnete sich durch
eine besondere Gier des Zernagens und Zerreißens, Hr. Dr.
Ghillany aus. Die Fülle des eigenen Wewußseins, das
Höchste und Reinste, das allein Israel aus den Stürmen sei¬
nes vielbewegten Lebens hoch erhoben und rein erhielt, der
lebende Glaube, an den es sich festklammerte, wenn der Ab¬
grund der Zeiten es zu verschlingen drohte, Alles dies sott
ihm meuchlings entrissen werden § vor dem blutigen Mo-
lochgespettst soll es bang zurückweichen, das ein nürnber¬
ger Professor aus den verwesten Grüften des Heidenthums
heraufbeschwor. Der Gottesfunke, der von Israel ausging
und alle Völker der Erde mit dem reinen Lichte des Glau¬
bens entzündete, soll von den erbleichten Dünsten, die aus
der nürnberger Bibliothek aufsteigen, vesinstert werden. Und
um dieses Wunder zu bewirken, erschien im Jahre 1842 die
oben rubrizirte Schrift, ausgerüstet mit einer Fülle Mate¬
rials *), geschmünkt mit einem Reichthum archäologischer
1) Die gelehrten Notizen und das reiche Material lie¬
ferten dem Verfasser Spencer, R o s e n m ü l l e r, V a t ke
v. Bohlen, Währ, Gesenius, nameutlrch der nichtge¬
nannte Nork und Andere. Die Früchte ihres Fleipes und
ihrer Gelehrsamkeit verwendet aber der edle Vers, nur dazu,
Israels Heiligthümer zu besudeln und auf seinen reinen
Glauben eine blutige Dornenkrone zu setzen.
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