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493 Literaturgeschichte.
Ad 111 . Literaturgeschichte. 10 ) Hier müssen In¬
halt, Form und Zeitalter als Principien der Eintheilung ab¬
wechseln. Abgeschlossene Literaturkreise bilden:
■ 1) Bibel;
werden wollte, kein anderes linguistisches Mittel hatte, als
die hebräische Sprache, weil entweder er oder die Leser,
auf die er rechnete, keine andere Sprache verstanden oder ver¬
stehen wollten. Man schreibt heute, um den osteuropäischen
Juden Kenntnisse beizubringen, Lehrbücher der Weltgeschichte
rc. in hebr. Sprache, weil diese Juden keine andere Sprache
verstehen, oder es für eine Sünde halten, andere als hebräi¬
sche Bücher zu lesen. Gehören diese mehr in die jüdische Li¬
teratur, als andere von Juden geschriebene Werke? Nein,
wohl aber in die Geschichte der hebräischen Sprache. Und
wissen wir ja, daß zu allen Zeiten Juden auch in ihrer Lan¬
dessprache geschrieben. — In besondere Verlegenheit komm:
man bei des Hrn. Briefstellers Eintheilung mit den Werken
über jüdische Theologie, die nichthebräisch geschrieben
sind. Wer würde diese in die Kulturgeschichte verweisen?
Nicht einmal jüdischen Dichtern, die in profanen Sprachen
gedichtet, wie Ezechiel dem Tragöden, Trimberg dem Minne-
dichter; auch nicht jüdischen Philosophen, die ihre Werke in
nichthebräischer Sprache verfaßt, wie Philo, Spinoza, dem
Verfasser des Phadon, oder jüdischen Grammatikern, die in
nichthebräischer Sprache über Grammatik (sei es auch hebräi¬
sche) geschrieben, wie Chajug", Abulvalid und Neuere, würde
nach unserer Ueberzeugung, Hr. St. ihren Platz in der jüdi¬
schen Literaturgeschichte verringern. Und nun erst gar die
Verfasser des Chobat Ha-Lebabot, Kusari, More Nebuchim,
des Jerusalem! Daher sagt auch Hr. St. ausdrücklich unten
(Hauptfach 111. zu Ende): „Die nicht hebr. Literatur des
Juden gehört, insofern sie jüdische Theologie betrifft,
zu den Quellen der 1. Hauptabtheilung". Aber gehören denn
dahin die hebräisch geschriebenen Quellen nicht auch? Und ist
denn damit, daß — wie billig — bei Darstellung jeder Dis-
ciplin eine Uebersicht der Quellen gegeben wird, der Litera¬
turgeschichte vorgegriffen, oder hat diese nicht noch immer die
Verpflichtung, das Ihrige zu thun, und jeder jüdische Autor
und jedes Schriftwerk, das von Juden ausgega..gen, zu be¬
rücksichtigen? Wir erlauben uns daher, unsere Meinung dahin
. auszusprechen, daß als Kriterium dafür, ob ein Name in die
Kultur- oder Literaturgeschichte komme, seine schriftstel¬
lerische Thätigkeit aufzustellen sei. So kommen denn in
die Kulturgeschichte die Leistungen der Juden in Naturwis¬
senschaften, Mathematik, Musik, Malerei, Industrie, Handel,
Oekonomie, mit besonderer Hervorhebung dessen, was man
sonst als Alterthümer zu bezeichnen pflegt, des Ackerbaus,
Bergbaues, häuslichen Levens rc. der alten Hebräer, Beschrei¬
bung der Münzen, Maaße und Gewichte, die in biblischen und
talmudischen Schriften genannt werden. — Es findet indeß
diese Differenz mehr in der Theorie der jüdischen Wissenschaft,
als m der Praxis der encyklopädischen Darstellung derselben
statt. Der Umfang der Enzyklopädie wird nicht modificirt,
und ist es ja auch nach unserer Ansicht gar nicht zu wehren,
' daß ein und derselbe Gelehrte die entsprechenden Artikel aus
Kultur- und Literaturgeschichte bearbeite. Bei Begrenzung
und Zerfällung des Gebietes der jüdischen Wissenschaft glaub¬
ten wir indeß aus scharfe Scheidung dringen zu müssen.
10) Wir hätten vielleicht dieses Hauptfach als das letzte
hingestellt, weil es sich auf gleiche Weise auf alle übrigen
Fächer bezieht, in dem Verha'ltniß von Form und Inhalt
ihnen gegenüberstehend.
Unterabtheilungen. 494
2) Apokryphen;
3) Largumim;
4) Alexandriner (LXX, Philo) '*);
5) Talmud;
6) Midrasch. — Bei der Eintheilung der
7) übrigen neuh ebrä'ischen und rabbinischen
Literatur (Versuche dazu fl LB. des Orients 1841. Col.
227) tritt der Misstand ein, daß fast jedes Werk zugleich ein
theologisches, wie denn überhaupt systematische Auseinander¬
haltung des schriftstellerischen Gegenstandes in dieser Litera¬
tur weniger anzutreffen ist. Daher werden bei folgendem
Thema die meisten Autoren und Werke zugleich in viele Fä¬
cher gehören, andere ganz isolirt dastehen. Die Fächer (wel¬
che wieder in Unterabtheilungen zerfallen) wären:
A. Halacha (iy W, D’pDB, dWpitöD/ Wli,
Dwin).
B. Poesie.
a) religiöse (corD), welche mit den Gebeten über¬
haupt anzufangen hat, und daher auch als liturgische Li¬
teratur bezeichnet werden kann.
b) weltliche (Fabeln, Sprüche, erotische Gedichte, rhe¬
torische (Makamen) u. fl w.)
G. Philologie (Grammatik, Lexikographie, Exegese
nnta», DyipnD).
v. Mathematik (Astronomie sAstrologie^, Geogra¬
phie, Geometrie).
E. Naturwissensch asten, insbesondere Medicin.
E. Geschichte.
G. Literaturgeschichte (z. B. 3HDD von del Me-
digo, "t# von Sabbatai).
(Fortsetzung folgt.)
Literarische Nachrichte» «nd Miseelle».
Ein seltener Koran. (Nach dem Constitut. vom 8.
Juli.) Herr Gourdet, ein geborener Belgier, Bataillons-
chef in franz. Diensten, Bruder des Bürgermeisters in Neuf-
chateau in der Provinz Luxemburg, ist vor Kurzem nach drei¬
jährigem Aufenthalte in Afrika (Algier in seine Heimath
zum Besuche zurückgekehrt. — Er hat eine arabische Hand-
11) Philo ist von hierhinwegzuweiftn, s. unten Anm. 12.
Wenn Man will, kann man dieses Unterfach überhaupt als Ue-
bersetzungen bezeichnen, und es in drei Ab (Heilungen zrefall
lassen: a) griechische Übersetzungen, b) chaldäische Targumim,
c) andere Übersetzungen. In der Encyklopädie wurde der
Artikel „U.eb ersetzu ngen der heiligen Schrift" zu¬
erst auf die beiden besondern Artikel „griech. Uebersetz-
ungen" und „Targumim" verwiesen, dann aber die min¬
der wichtigen unter et', genannten behandeln mit besonderer,
aber nicht alleiniger Hervorhebung der von Juden verfaßten.