Seite
2
geworden: Ein neuer Geist ist in die jüdischen Gemeinden
Deutschlands eingekehrt, ein Geist belebender Selbsterkenntniß,
der unsere Stammesgenossen aus ihrem langjährigen Jn-
differentismus aufrüttelt und ihnen zeigt, welchen Weg sie
einzuschlagen haben, um das von den Vätern ererbte, aber
leider unbeachtet gelassene und darum — sagen wir es nur
offen heraus — in Vergessenheit gerathene Gut auf's Neue
zu erwerben, um es zu besitzen und den Nachkommen zu er¬
halten. Man kann über den Werth der einzelnen Vorträge,
die in den Vereinen gehalten werden, denken, wie man will,
aber zugeben muß man, daß sie erziehlich wirken und eine
nicht zu unterschätzende Werbekraft besitzen.
Der von vielen Seiten erhobene Vorwurf, daß durch
populäre Vorträge die Wissenschaft des Judenthums verflacht
werde, ist ebenso unberechtigt wie die Angst kleinlicher Ge-
müther, die nichtjüdische Welt könnte in der Begründung speziell
jüdischer Literaturvereine Absonderungsgelüste seitens der
Juden erblicken.
Gegen diese beiden Ansichten müssen wir uns entschieden
verwahren. Täuschen wir uns nur selbst nicht. Für die
große Masse unserer Glaubensgenossen können die Vorträge
nicht populär genug gehalten werden, und was das Bedenken
betrifft, man könnte uns Absonderungsgelüste zumuthen, so
erwidern wir: das Hemd steht uns näher als der Rock.
Wenn es gilt, für die Erhaltung unserer Lehre einzutreten,
das Interesse für die in unserem Schriftthum verborgenen
geistigen Schätze wachzurufen, dürfen wir uns durch kleinliche
Rücksichtnahme in unserer Wirksamkeit nicht stören lassen.
Durch die in unseren Literaturvereinen gehaltenen Vorträge
wird Allen, die es hören wollen, laut verkündet, daß die
Juden zu allen Zeiten an den kulturellen Bestrebungen der
Völker regen Antheil genommen und sich niemals von den