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sich den Luxus, auswärtige Redner kommen zu lassen, nicht
gestatten können, haben die Einrichtung von Leseabenden ge¬
troffen, an welchen auch die Damen aktiv Mitwirken. Ja,
in verschiedenen Vereinen traten sie sogar als Rednerinnen
auf, eine neue Erscheinung, die uns weniger überrascht als
erfreut, da man bis jetzt doch geneigt war, den jüdischen
Frauen einen großen Theil der Schuld an dem Niedergang
des Judenthums zuzuschreiben.
Auch die von uns gegebene Anregung, das Andenken
großer Männer durch eine besondere Feier zu ehren, ist in
vielen Vereinen auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Vortrags-
Saison ist im vorigen Jahre mit einer Feier zu Ehren
Samuel David Luzzatto's und in diesem mit einer solchen
zu Ehren Zacharias Frankens eröffnet worden.
In vielen Vereinen hat man, unserer Anregung folgend,
Vortrags-Cyklen veranstaltet, die, nach den uns zugegangenen
Berichten zu urtheilen, sich gut bewähren und eine dauernde,
nachahmenswerthe Einrichtung zu bleiben scheinen.
Durch die Herausgabe des Jahrbuches, das jetzt zum
fünften Male erscheint, ist eine gemeinschaftliche Publikation
von dauerndem Werthe geschaffen worden, die uns hoffen
läßt, daß es uns einmal doch gelingen wird, auch andere
nützliche Schriften, insbesondere belletristische, für einen ver-
hältnißmäßig billigen Preis Herstellen zu können. Dies
wäre aber nur dann zu verwirklichen, wenn alle Vereine,
was wir noch Immer hoffen, den Anschluß an den Verband
als eine Ehrenpflicht ansehen würden. Auf die oft an uns
gerichtete Frage: Was bietet uns der Verband? können wir
nur erwidern: Die Leistungen des Verbandes sind in erster
Reihe ideeller und erst in letzter Reihe materieller
Natur. Was der Verband bis jetzt geleistet Hai? Nun,
daß wir in Deutschland jetzt genau 150 Literatur-Vereine
haben, ist und wird immer bleiben die größte Leistung des
Verbandes. Nur eine geringe Zahl dieser Vereine ist ohne
unsere Mithilfe entstanden, und alle Vereine, ob sie dem
Verbände angehören oder nicht, dürften uns schwerlich das
Zeugniß verweigern, daß, so oft sie an uns cherangetreten
sind, fei es wegen Redner, wegen des Jahrbuches, wegen
Angabe von Quellenmaterial zu wissenschaftlichen Vorträgen