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:: PALASTINA ::
MONATSSCHRIFT FÜR DIE ERSCHLIESSUNG PALÄSTINAS.
VIII. JAHRGANG 1911 HEFT 11/12
Jahresrückschau.
In der kurzen Spanne eines Jahres kann in der Ent¬
wicklung der jungen palästinensischen Siedlung im Allgemeinen
nichts Durchgreifendes sich ereignen. Ja, es wäre mitunter
wünschenswert^ wenn weniger Fluktuierendes, Raschlebiges
und mehr auf Stabilität und Dauer Hinzielendes verzeichnet
werden könnte.
Das hängt in erster Linie von dem inneren Charakter
der Gründungen und Bestrebungen ab.
Aber auch die Gunst der Situationen, die äußere Siche¬
rung werdender Verhältnisse, die heute mehr in den reellen
Verhältnissen selbst als in politischen Formulierungen ange¬
strebt wird, muß ein wurzelfestes Wachstum möglich machen.
Nun ist ja der neuen Türkei selbst noch lange nicht
die Ruhe vergönnt, die ihr im Interesse eines Auswachsens
neuer Reformen zu wünschen wäre. Dennoch darf vielleicht
ihr Zustand trotz der schweren Erschütterungen der letzten
Monate nicht zu pessimistisch angesehen werden.
Was das Verhältnis der türkischen Regierungskreise zur
Palästinasiedlung betrifft, so kann immerhin bemerkt werden,
daß, wie dies der Vorschlag des Direktors Pawlos zur Hebung
der jüdischen Landwirtschaft und das große Zuvorkommen
der Regierung inbezug auf die Bewachungsfrage jüdischen
Besitzes in Palästina zeigt, wenigstens hier und dort be¬
gonnen wird, die Bedeutung der jüdischen Siedlung für die
Hebung eines in der Kultur arg vernachlässigten Landes
richtig einzuschätzen.
Wenn seitens der Regierung prinzipielle Widerstände
einer stärkeren jüdischen Konzentration in Palästina gar nicht
zurecht bestehen können, so muß andererseits klar sein, daß
das Verhältnis zu den Arabern durchaus als ein ernstes
Problem betrachtet werden muß. Es kann darum jede chau¬
vinistische Uebertreibung nach dieser Richtung hin in Anbe¬
tracht der großen Verantwortung, die auf jedem, namentlich
in Palästina geäußerten Worte liegt, nur ungünstig wirken.
Vor allem kann es nicht in der Tendenz der jüdischen Ent¬
wicklung liegen, die nationale Ronkurrenz in europäischem
Sinne auf Palästina zu übertragen, wo doch ganz andersartige
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