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mächtigen Bund zu schließen. Die panislamitische Bewegung gewährte den indi¬
schen Muselmanen eine gewisse Genugtuung als Ersatz für die weltliche Herr¬
schaft, die ihnen genommen wurde. Andererseits fürchtete England die positivea
Folgen dieser Bewegung nicht, da es wußte, daß ihr Wirklichkeitswertf
gleich Null sei. England wußte vom Anfang an, daß der Geist des rassen¬
mäßigen Nationalismus und die Sonderbestrebdngen der arabischen und
ägyptischen Fürsten den Plan Abdul Hamids zunichte machen werden: Die
Bewegung der nationalen Absonderung durch eine große panislamitische Be¬
wegung zu unterdrücken, an deren Spitze ottomanische Khalif en stehen würden.
Da aber die panislamitische Bewegung auch als eine geistige Macht bestand
und ihre Existenz eine natürliche war (eine mächtige Bewegung von hun-
derten Millionen Muselmännern, die alle durch eine christliche Herrschaft
unterdrückt wurden), war es England genjehm, daß ihre Bufidiesgjenossen, die
Muselmanen von Indien, die Hauptanführer dieser Bewegung seien, und des*
Einfluß Englands innerhalb der Muselmanen des westlichen Asiens stärkten»
Dies war die britische Politik in der muselmanischen Welt bis zum Welt¬
krieg. Die Führung dieser Politik hat sich an England während des Welt¬
krieges sehr gerächt, noch mehr aber am Schlüsse desselben. Die indischen
Muselmanen betrachteten sich als von England betrogen, welches ja gegen
die Türkei gekämpft hatte und zum Hauptfaktor für deren Auflösung ge¬
worden war. Während die Araber, durch England ermuntert, den ottomanischen
•Khalifen abwiesen als einen Feind der entstehenden nationalen arabischen Be¬
wegung, blieben die indischen Muselmanen als einzige diesem Khalifenhaus
treu. Und so sehen wir nach dem Kriege, daß die beiden Brüder Ali durch
den britischen Vizekönig ins Gefängnis geworfen werden. Die muselmanische
Empörung trieb sie in die Arme Ghandis, der Vorsitzender des indischen Kon¬
gresses war. welcher gegen die Verletzung ides ottomanischen Khalifats durch
England protestierte. Aber andere Faktoren ernüchterten die stürmenden
Brüder Ali und sie kehrten in den allumfassende/n Schoß Britanniens zurück.
Die Muselmanen selbst und in erster Linie dienationalen Türken
und die Araber waren es, welche mehr als die anderen die
anationale panislamitische Front sprengten. England half nur
hie und da mit und freute sich dabei. Die muselmanisch-britische Bilanz für
die ersten Jahre nach dem Kriege war positiv. Abgesehen vom entfernten Amerika
blieb England die beliebteste Großmacht innerhalb der muselmanischen Welt.
Inzwischen aber traten große Aenderungein ein. Die verschiedenen Bande,
welche die Dominions an die englischen Metropole knüpften, wurden nach
dem Kriege geschwächt (besonders in der Politik und der Wirtschaft). Und
Herrschaft über die Weltstraßen, zu Wasser und zu Lande, ist jetzt der
stärkste Faktor, der das Imperium zusammenhält. Im Verhältnis zu Australien
zum Beispiel, das uns im Zusammenhange mit unserem Thema interessiert
(der Weg zu diesem Erdteil von der Metropole London führt über musel-»
manische Gebiete), ist es die Etage der freien Verbindung, welche über dessen"
Zusammenhang mit England entscheidet. Und die muselmanischen Völker haberi
die wichtigsten Verbindungsstraßen Englands gegenwärtig inner Den Weg
nach Australien, zu den Inseln des Stillen Ozeans, zu Ostasien im allgemeinen
und nach Indien im besonderen. Und während England aus dem Weltkrieg,
hervorging, beraubt der Krone: die mächtigste Weltmacht in jeder Hinsicht
zu sein, erstanden ihm im Osten zwei gefährliche Feinde: Das Erwachen der