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JANUAR 1940
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Zusammenfassung der Kräfte
Jahrgang 1940 - Zwei Trauerfälle - Ein» nana Wirklichkeit -
Einheitsfront und Programm — Die Lage der deutschen Juden
Jerusalem, .1 Januar sehen Periode da« jüdische Volk einen Wog
Dieser Tag, an dem diese Zeilen geschrie-1 vor sich sieht; einen mühsamen und dornen-
ben werden, ist ein Tag der Erregung und | vollen, vielleicht auch nicht eingleisigen Weg,
Trauer für die Gemeinschaft der Juden aus aber einen Ansatz zu neuer Gestaltung.
Deutschland (und Tschechoslovakei) in Je-1 nachdem viele Ideale der letzten hundert Jah-
rusalem. Das Kalenderjahr 1940 hat für sie; re zusammengebrochen sind, nicht nur gerade
einen schlimmen Auftakt: Zwei Begräbnisse I bei uns Juden; es scheint uns, das« alles, was
an einem Tag. Zwei Menschen aus dem eng ! in Anlehnung an das Denken des Zeitalters
sten Kreise, der diesem Blatte nahesteht, sind j bei uns an „Assimilation" und „Nationalis
unmittelbar hintereinander gestorben. Mit mus" produziert wurde, revisionsbedürftig und
Bestürzung werden viele unserer Freunde in neu zu durchdenken ist, sowohl auf Grund der
der Welt die Nachricht aufnehmen, dass Hugo Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, als auch
Herrmann und Alfred Berger nicht aus dem Lebensgefüh! des neuen Jahrhun-
mehr da sind. Beide haben — in Mitteleuro-; derts heraus. Es rächt sich bitter, wenn wir
pa - ihr ganzes Leben in den Dienst des jü- gedankenlos alte Formen und Routine weiter-
dischen Volke« gestellt und haben zuletzt in schleppen. Wir sehen, wie Dinge, die uns
Jerusalem gelebt und gearbeitet, in Zusam-j einst gross und teuer waren, zu kleinlichem,
menhang mit den meisten der Gefährten, die horizontlosem Getriebe werden, das ausser
auch in Europa schon mit ihnen verbunden
waren. Nun steigen wir zweimal an einem
Tag den steilen Abhang zum ölberg hinauf,
zu dem eigenartigsten und grossartigsten Bo-
gräbnispiatz der Welt, um den Freunden das
den Beteiligten kaum mehr jemand innerlich
ergreift, das nicht erschüttert und mitreisst,
schwunglos und ideenlos zu werden droht.
Fluten wir uns, selbstzufrieden auszuruhen
auf Errungenschaften, die 30 Jahre oder
letzte Geleit zu geben. Die Landschaft liegt (mehr zurückliegen? Die Lage der Juden von
in traumhaftem Sonnenlicht; es ist eine Land¬
schaft von aufwühlender, unbeschreiblicher
Grösse ringsum, die das ewige Lied von Un¬
tergang und Auferstehung versinnbildlicht
wie^ain Ort in der Welt: die blauen Berge
Moabs und die mild glänzende Fläche des
Toten Meeres in der Ferne, davor die wilden
heute hat keinen Präzedenzfall und zwingt
zu neuen Erkenntnissen und Schlussfolgenin-
gen. Was lehrt uns der Zusammenbruch der
Emanzipation in Deutschland, was lehrt uns
das Versagen der Minderheitsrechte, was be¬
deutet die neue Wanderung und Zerstreuung
und schliesslich die Entwicklung Palästinas
Hügel der Wüste Judas, zu Füssen das ro-; Wir wollen vorurteilslos dies alles prüfen
mantische Kidrontal und der Berg Getsemane, j und bitten unsere Leser, uns zu
geheiligte Stätte für fast die Hälfte der j h e 1 f e n. Dabei müssen wir auf einen wich-
Menschheit, und drüben das alte Jerusalem! tigen Teil der Judenheit verzichten, denn in
in seinen Mauern, der grosse Tempelplatz mit j P a 1 ä s t i n a darf unsere Zeitung weder ver
breitet noch gelesen werden — dies ist die
Bedingung, unter der die jüdischen nationalen
Instanzen ihre Zustimmung zum Druck in Je¬
rusalem gegeben haben. Die in Palästina le¬
benden Juden haben hier ihre Presse in heb¬
räischer Sprache, und nichts soll geschehen,
was ein Präjudiz bilden könnte für jüdische
Zeitungen in Palastina in andern Sprachen.
In diesem Faktum der Nicht-Gemeinsamkeit
dem herrlichen Bau der Omarmoschee. VÖl
ker und Religionen begegnen einander hier.
An dem Abhang bis ganz hoch hinauf, er¬
streckt sich das Gräbenneer. Aller täglichen
Mühen Ärgernis schmilzt dahin vor diesem
Bück in die Ewigkeit.
*
Wir nehmen Abschied, und müssen zurück
in die Wirrnis des Tages. Wir alle tragen
unsern Kampf, und wir suchen den Sinn und! liegt ein wirkliches Problem (für unsere Zei-j
das erlösende Ziel. Der Boden, auf dem wirjtung, aber auch weit darüber hinaus) vor, das {
hier stehen, ist ein historischer und religiös! sich nicht verheimlichen lasst.
verklärter Boden, aber es ist auch eine Stätte Wir glauben, dass die jüdischen Aufgaben;
des Denkens und Plauens, des Werdens der|der nächsten Jahre allumfassende sind,
Gegenwart. Je mehr wir uns, in diesem Zen- ] und darum interessiert uns nicht nur das
trum des Judentums, mit allen fernen! undi Schicksal jüdischer Volksteile überall (und
versprengten Brüdern verbunden fühlen, um-! besonders der emigrierten Juden in allen,
so stärker empfinden wir alle Not und allesj Ländern), sondern auch ihr Denken und Wal-
Ringen, alles Unglück und alles ehrliche Stre-1 len, denn wir haben ja gelernt, dass unser
ben der Juden und Juden heuen in der Welt i aller Weg, wenn auch in verschiedenen För¬
mig Darum senden wir diese Zeitung, die j men und unter verschiedenen Himmelsstrichen
jetzt ihren zweiten Jahrgang eröffnet, hinaus f ein einheitlicher ist. Die noch Fernstehenden
in die Welt und warten auf Antwort und Re-; müssen in den Kreis der aktiv Mitwirkenden
sonanz. Wir wollen die Dinge nicht einseitig, treten, müssen die Gesamtverantwortung mit-
betrachten, wir wollen ohne Voreingenommen- empfinden. In dienern Sinne appellieren wir
heit dazu helfen, dass am Ende dieser kriti-lan unsere Leser und Freunde.
Es gilt jetzt, alle Kräfte zusarnmenzu-
? fassen. In dieser Hinsicht können wir dem
j neuen Führer der englischen Juden, Prof.
Ißrodetsky. seit 2 Wochen Präsident des
i Board of Deputlcs der britischen Juden, bei-
| stimmen, der in einer (wenn wir nicht irren.
! der ersten) Rede nach seiner Wahl die For-
[ derung einer geeinten Front fiirnlle künftigen
j ßrurferuw/en der Juden] rage vor intematio--
l nalen Instanzen aufstellte. Wie immer die
; Kriegsereignisse weitergehen. <<m wird ange-
I nommen, dass nach einiger Zeit ein inter-
i nationaler Kongress zusammentreten wird,
. wie es nach früheren Kriegen der letzten
j Jahrhunderte der Fall war. um alle schwe-
benden Fragen auf Grund der durch den Krieg
I neu entstandenen Machtverhältnisse zu regeln
i und in eine Form zu bringen. Wird dies so
kommttn. dann wird fraMtu« auch di« Juden
frage vor dieses Forum gebracht werden,
denn wenige Welt-Probleme sind inzwischen
so brennend geworden und haben sich in
solcher Dringlichkeit, enthüllt wie dieses. Da¬
bei werden die Juden m i t s p r e c h e n müs¬
sen, denn keine Neugestaltung indischen Le¬
ben* kann ohne ihre eigene verantwortliche
Mitwirkung gelingen. Darum int. auch für uns
selbst die Vorbereitung für diesen Mo¬
ment so wichtig und diese Arbeit dürfte nicht
vernachlässigt werden, auch nicht angesichts
der noch so dringlichen Verpflichtungen des
Tages und seiner Not. Es genügt aber nicht,
eine Einheitsfront zu fordern, sondern man
muss ein Programm haben, für das ein
einheitliches Eintreten erreichbar ist. Noch
bestehen auch innerhalb der Judenheit grosse
Meinungsverschiedenheiten gerade in wesent¬
lichen Punkten, schon weil wir ja die alten
Parteiungen mitschleppen, die zum Teil durch
die Wirklichkeit überholt sind. Das einheit¬
liche Auftreten wird nur erfolge^ wenn es
gelingt, vorher die Probleme zu klären und
zu einer allumfassenden Realpo¬
litik zu gelangen, die die Mehrheit für sich
gewinnt, weil sie tatsächlich die Volksinter¬
essen vertritt.
*
Wahrscheinlich kann man heute noch
gar kein konkretes Programm aufstellen,
denn niemand Weins, wie sich die Dinge kon¬
kret gestalten werden, bis der Krieg zu Ende
ist. Es hängt dies von seiner Dauer ab, aber
nicht nur davon. Wer weiss z.B. was bis
dahin aus der noch in Deutschland verblie¬
benen Judenheit geworden sein wird? Dies
ist ja ein wichtiger Punkt bei der Erörterung
jüdischer Zukunftsfragen. Die wichtigste aller
Fragen ist die nicht nur für die Judenfrage,
sondern weit darüber hinaus bestimmende
Frage, ob nach dem Krieg eine überstaatliche,
allen gemeinsame Rechtsordnung an¬
erkannt werden wird, oder ob das Prinzip der