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22. JANUAR 1040
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DER UNERTRÄGLICHE DRUCK
Nazi-Drohung gegen kleine Staaten — Der Antisemitismus ais Kriegsmittel
Südafrika als Beispiel — Roosevelts Bemühungen — Geistige Neuordnung
In den letzten Tagen wurde die Welt wie¬
der durch bedrohliehe Nachrichten in Span¬
nung gehalten. Eine ungeheure deutsche
Truppenmachl ist an den Grenzen von H o l -
i a n d und B e 1 g i e n konzentriert, und diese
beiden Uinder bereiten sich zur äussersten
Verteidigung im Falle eine Angiitis vor. Die
internationalen Beobachter schwanken, ob ea
sich um wirkliche Angriffsabsichten oder um
Bluff handelt. Wie immer dem sei, mitten
im Krieg zeigt sich in solchen Tagen, wie
unerträglich es für aile Welt ist, unter dem
beständigen Druck der Nazi-Drohungen zu
leben. Heute ist es Belgien und Holland,
morgen Skandinavien, übermorgen der Bal¬
kan. Alle kleineren Länder werden unter
Terror gesetzt und auf die äuaserste Nerven¬
probe gestellt. Einen der Hauptkampfmittel
ist dabei der Antisemitismus, dem die
Aufgabe zuiaiien soll, die Lander von innen
zu zermürben. Die von Deutschland diri¬
gierte antisemitische Welt-Agitation ist in
allen Ländern am Werk. Ja, Deutschland
macht von seiner militärischen Übermacht
gegenüber kleineren Ländern direkten Ge¬
brauch zu dem Zweck, sie zu einem antisemi¬
tischen Programm zu zwingen. Wer das bis¬
her nicht geglaubt hat, der findet die aus¬
drückliche Bestätigung in dem neuen Gelb¬
buch der französischen Regierung, aus dem
wir in der vorigen Nummer der „JWR" ein
charakteristisches Stück wiedergegeben ha¬
ben. Es handelt sich uro eine Darstellung,
deren Authentizität und Glaubwürdigkeit
niemand bezweifein kann, nämlich um einen
Brief des französischen Gesandten in Prag
vom 7. Februar 1939, also lange vor Kriegs-
beginn. Hitler und Ribbentrop selbst —- so
wird dort erzählt — haben dem tschechischen
Aussenminister Chvalkowaky gesagt, sie wür¬
den allen Nachbarländern, wie Rumänien,
Ungarn etc., die Forderung der radikalen
Ausraerzung der Juden stellen, da Deutsch¬
land sie soust nicht „als Freunde behandeln"
könne. Viele Ereignisse der leuten Zeit er¬
halten hier ihre Aufklärung. Zum ersten
Mai vielleicht wird durch ein offizielle« Do¬
kument hier auch das Rätael der italienischen
Rassenpolitik begreiflich, denn diese stammt
doch aus der Zeit, wo Italien mit Deutsch¬
land in besonders enger Freundschaft lebte,
und wer bisher nicht recht glauben konnte,
dass Deutschland eine relativ so bedeutungs¬
lose Sache wie die Stellung der numerisch ge¬
ringen und weitgehend assimilierten italieni¬
schen Juden zu einer Kernfrage erhoben ha¬
ben sollte, der muü.s jetzt eines Besseren be¬
lehrt werden durch die Bemerkung des fran¬
zösischen Gesandten, Cnvaikowsky sei „am
meisten verblüfft gewesen über die Bedeu¬
tung, die Hitler und Ribbentrop der Juden -
| frage zumessen weit über jede Proportion
I zur Wichtigkeit der anderen Fragen." Man
j wird auch erinnert an das groteske Intel -
jmezzo der Goga-Cuza-Regierung in Rumänien,
5 und was die Position Ungarns betrifft, so
jmuss man anerkennen, dass dieses Land schon
| durch seine geographische Lage in einer be-
j sonders delikaten Situation ist.
I Der Druck von Nazi-Deutschland, der
| über Europa lastet, ist von ausserordentlicher
| Schwere. Dazu kommt noch, dass in fast
j allen Ländern schon ohnedies Strömungen
| bestehen, die auf eine aktive antisemitische
i Politik hindrängen. Die Judenfrage ist ja,
I wie wir wissen, ein objektives Problem, vor
(dem auch die Juden nicht die Augen ver-
schliessen und dessen konstruktive Lösung
nur durch Mitwirkung der Juden erfolgen
kann. Der Miaabmuck dieses Problems zu po¬
litischen Zwecken aber stürzt die Welt in ein
Chaos. Es ist unvorstellbar, was in manchen
Teilen de» Nazi-Reiches in dieser Hinsicht
vorgeht, etwa im besetzten Polen oder auch
in gewissen Teilen der früheren Tschechoslo-
vakei, wo man Juden in der brutalsten Weise
beraubt und mittellos hin- und herjagt, ohne
Sinn und Ziel, aus krankhaftem Vernichtungs¬
trieb und der Grausamkeit der mit diktatori¬
scher Macht ausgestatteten höheren oder
niedrigeren Beamten. Es ist nicht zu ver¬
wundern, dass die Juden dort unter einer
permanenten Nervenanspannung leben,, die
die Menschen auch physisch ruiniert und jede
Planung für die Zukunft unmöglich macht,
Die deutsche Propaganda reicht aber weit
| über Europa hinaus. Sie ist besonders stark
[in Südafrika, wo sie »ich auf eine lokale
jGruppe stützt, die gleichfalls den Antisemi-
| tiamus für innerpolitische Zwecke mißbraucht.
; Der deutsche Kurzwellensender in Zeesen
sendet ununterbrochen aufreizende antisemi¬
tische Propaganda in afrikaaniaeher Sprache.
In einer Terminologie, die uns aus Nazi-
i Deutschland und besonders aus der Propa¬
ganda in Österreich bekannt ist, spricht man
dort von der ,.tyrannischen Herrschaft" der
; Regierung Smuts und über das von dieser
'Regierung „umerdrückte afrikanische Volk".
Man rechnet dabei mit einer völligen Ver-
J wirrung aller Begriffe bei den Hörern, die es
; hinnehmen sollen, wenn ausgerechnet Hitler-
Deutschland andere /Regierungen als „Ty¬
rannei" bezeichnet. In Südafrika selbst tot
die Haltung der grossen Oppositionspartei,
die sich nach dem Smrz der Regierung Hert-
zog gebildet hat, noch nicht geklärt. Noch
weiss man nicht, ob Generai Hertzog, der
■ zwar burischer Nationalist ist, aber im übri-
!gen an dem Prinzip der Gleichberechtigung
> festhält, obsiegen wird oder der extreme
Flügel der journalistischen Partei, der unter
Führung von Dr. Marian und Eric l,ow .stellt,
j von denen besonders der letztere H»ch in sei¬
nem Jargou nicht von dem deutschen Natio-
j nalsozialismus unterscheidet. Interessant ist
j die Erklärung, die kürzlich ein fjemuaxiyter
: Führer der nationalistischen Partei abgab.
! Er sagte, dass »eine Partei nicht auf dem
I Standpunkt der Rassentheorie steht und keine
j Verfolgungen wünsche, .sondern nur ije>jvn
\ jede, weitere jüdische Emu anderuny Stellung
I nimmt. Dies sei aber, so fügte er hinzu,
j auch „sin Interesse der bereits vorhandenen
jüdischen Bevölkerung", denn die Partei
wolle keine Verschärfung der Judenfrage in
Südafrika. Obwohl zu hoffen ist, das« die Re¬
gierung Smuts die Massen der südafrikani¬
schen Bevölkerung hinter sich bringt und
da»s der Ausgang de« Krieges die Nazi-Pro¬
paganda in Zukunft unmöglich macht, kann
man doch nicht daran vorübersehen, dass das
Judenproblem iti Südafrika heute viel schwie¬
riger liegt als vor kurzer Zeit. Verschiedene
Minister haben gegen den Antisemitismus
Stellung genommen und darauf hingewiesen,
dass es Mch dabei um ein analdndiachea (üft
! handelt, das den Staat unterwühlen soll. Es
I ist eine Ironie, dass gerade .solche Männer,
1 die sich als radikale Patrioten gebärden,
durch ihr Verhalten dem Einfluaa des Lan¬
desfeindes, mit dem sich das Land im Krieg
befindet, Vorschub leisten. An vielen Ein¬
zelheiten zeigt sich, dass der jetzige Krieg
nicht nur ein politischer Krieg zwischen Staa¬
ten ist, sondern zugleich gewisse Charakter¬
merkmale von Bürgerkriegen hat, nämlich
Weltansehauungs-Gegensätze, die die Klar¬
heit der Fronten häufig trüben. Dass hier¬
bei die Judenfrage eine so wichtige Rolle
spielt, ist ein Grund mehr dafür, warum nach
dem Kriege — und vielleicht schon während
des Krieges - die besten Köpfe aller zivili¬
sierten Völker sich urn ihre konstruktive Lö¬
sung bemühen müssen.
Der Präsident der Vereinigten Staaten,
Roosc. velt, der mehr als irgend einer der
Mächtigen dieser Welt um Wiederherstellung
des Friedens bemüht, ist. ist sich darüber
klar, dass der Friede nicht ein einfacher Aus¬
gleich der politischen Differenzen der Gegen¬
wart sein kann, sondern auf einer n e u e n
W e 1 t ordnun^ aulgebaut werden muss.
Diese Überzeugung hatte freilich auch sein
Vorgänger Wilson, und es ist ein melancholi¬
scher Gedanke, dass Wilsons Bemühungen
nicht zu dem erstrebten Ziel geführt haben,
.sondern, wie .sieh heute zeigt, sogar gewisse
schwere Fehler enthielten, die zu dem jetzi¬
gen Zerfall beigetragen haben, z. B. die Auf-