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ERHALTUNG UNSERER WERTE
Jerusalem. 26. Januar.
Es ist ein oft zitiertes Wort in diesen Ta¬
gen, das» man bei einem Vorgang wie diesem
Krieg zwar den Anfang kennt, aber nicht das
Ende. In steigendem Masse ist man sich
der noch möglichen Komplikationen bewusst,
und gerade in England sind von massgeben¬
der Seite in letzter Zeit Worte der Mahnung
an die allzu leichtfertigen Optimisten gefal¬
len, die die .Schwere der Aufgabe unter¬
all seinen Zerstörungen und unwiederhring-j glauben offenbar wenige. Ks geht also dar-'
liehen Verlusten zu einer wirklich befriedi-j uro. welcher der beiden in einem bestimmten
genden neuen Ordnung zu gelangen und da-I Moment von dem andern a'-'t»«//»/; ist. An¬
ise» Störenfriede auszuschalten, eine neue j fangs war sicherlich Hitler von Stalin ub-
Kriegsursache sein kann. j hangig und musste daher die Besetzung des
j halben Polen und die Unterwerfung der bal-
i:iw jiidfewhr« Programm. | tischen Länder (einschliesslich der Aussied-
Was können wir Juden in dieser Situation i'hing der Deutschen) zulassen; jetzt ab*-r ist
abgesehen davon, dann natürlich mehr als Kussland in das finnische Abenteuer ver-
" " i wickelt und muss daher Deutschland Konzes-
je jeder einzelne seinem Staate dient und fn [
schätzen. Auch in jüdischen Kreisen findet ! dessen Kampf unlösbar solidarisch verknüpft j »ionen machen, wie die Übergabe
man diese Optimisten, die oft so tun, als ob ist für ein jüdisches Programm auf-'"
der Zusammenbruch Hitler-Deutschlands un¬
mittelbar bevorstünde, statt zu verstehen, dass
diese Niederzwingung wahrscheinlich noch
ein langer mit grossen Opfern und Entbeh¬
rungen verbundener Prozess sein wird. l>ei
stellen? Was sollen wir in unseren jüdi-
•tchec Angelegenheiten tun? Wir glauben,
dass sich fürs erste nur eine einzige Maxime
aufstellen lässt: K rhaltu n g a 11er p o-
s i t i v e n i ü d i s c her) Werte u n d
dem man mit allen mögliehen Konstellationen P o s i t i o n e n. Soweit und solange es in
unserer Macht steht, soll deren Vernichtung
verhindert werden. Vieles haben wir in die-
und auch Wechseffällen rechnen muss (wo¬
bei natürlich auch von uns nicht verkannt
wird, dass bei einem diktatorischen System'sem Krieg, der für uns schon 7 Jahre (in die
ein schneller Kollaps leichter möglich ist als sen Tagen feiert Hitler sein 7-jähriges Re
bei einem demokratisch regierten, nicht durch i gierungsjubiläum! ) dauert, bereits verloren.
Einzel- Personen sondern durch den Volks- j Jahrhunderte alte judische Gemeinden sind
willen getragenen Staaten ). Niemand kann S zerstört. Gotteshäuser verbrannt, Menschen
heute reale Grundlagen für eine Konzeption ! getötet und gepeinigt, Hunderttausende grau-
des Zustande» „Nach dem Kriege'" haben, | sam ins Nichts vertrieben. Und seit Kriegs¬
und es gibt, im Moment kein anderes Ziel, als j beginn haben wir das polnische J u d e n
den Krieg zu gewinnen, die Welt vor der t'n-! t u m verloren, das nicht nur biologisch, son-
terwerfung unter die Hitler-Barbarei zu be-j dem auch geistig eine Kraftquelle unseres
wahren. Im Kriege ist alles in der Schwebe \ Volkes war. Die polnischen Juden haben
und alles neu zu gewinnen. Es geht um nicht I Furchtbares durchgemacht und sind heute
mehr und nicht weniger als die Existenz \ den Gewalthabern völlig schutzlos preisge¬
senkt. Alie Fragen sind dieser - Grund-Situa- j geben. Unübersehbare jüdische Kulturschätze
isind in Polen untergegangen. Andere jüdi-
jsehe Grupptn sind in Gefahr, fühlen Mich be-
I droht. Der militante Antisemitismus ist stän-
- , dig bereit, andere Länder mit Krieg zu über¬
ziehen, oder wenigstens deren „Freundschaft",
tion anzupassen.
Wie wird die Zukunft?
Was uns Juden betrifft, so geht es ge¬
wiss bei diesem Krieg um unsere E x i
Stenz, in weit höherern Mass als bei jedem die mit einer radikalen J udenausmerzung ver-j
anderen Volk. Wenn wir überhaupt von der bunden sein muss, zu erpressen. In dem von
Zukunft sprechen, so geschieht es nur unter uns bereits zitierten französischen Gelbbuch
■ der Annahme, dass die Mächte der Freiheit; wird deutlich der Beweis erbracht, wie das
siegen. Aber wie diese Zukunft aussehen T nationalsozialistische Deutsehland andere,
wird, welche Gestalt die Welt dann anne.h-: meist schwächere Lander zur Durchführung
men und von welchen Ideen sie beherrscht eines dem deutsehen ähnlichen antijüdischen
sein wird, auch was für einschneidende Ver- ; Programms zwingen will. Im Lichte der er-
änderungen und vielleicht Zerstörungen in- wähnten Erklärungen von Hitler und Rib
gnlizi-
sehen Petroleumgebietes nebst Zulassung
deutschen Militärs in Ostgalizien beweist
eine Massnahme, die natürlich auch noch an-
, dere Bedeutung im Zusammenhang mit der
! Balkanpolitik hal*n kann. Aber es ist nicht
| unverstandlich, wenn in dieser Zeit der unbe-
| grenzten Möglichkeiten der Gedanke auf-
| taucht, dass auch Kussland als Preis für die
deutsche Freundschaft und für eventuelle
weitreichende Wellaufteilungspläne (wie frü¬
her andere Länder, von denen man es auch
nicht erwartet hatte) eine Ausschaltung der
Juden zugestehen könnte. Wir. .nehmen, trotz¬
dem an, dass es sich hier um eine Fehldeu-
tunrj handelt, denn alle Voraussetzungen
sprechen zunächst gegen sie. Aber- allein das
Aufkommen solcher Gerüchte zeigt schon,
wie die Lage für die Juden geworden ist.
Erhaltet dl* Positionen!
Gegen Katastrophen wie die in Pnlc-n sind
wir machtlos, aber diejenigen jüdischen Grup¬
pen, die noch Lebensatern haben, müssen das,
u(Ui wir besitzen, mit. äusserster Entschlos¬
senheit verteidigen. Da sind vor allem die
geistigen und m oral i»r h e n W e r-
t e d e s J u d e n t u rn s, das sowie schon
vor Jahrtausenden sieh dem Versinken
der Welt in den Zustand des Dschungels ent-
gegenstemmt und eine Fundierung des
menschlichen Lebens auf einer geistigen Ord¬
nung und einer Anerkennung übermensch¬
licher ethischer Werte fordert, in Gemein¬
schaft mit all den Kulturvölkern, di«- da;™«.:! he
grundsätzliche Ziel haben. Wir hüten die
alte, uns von unseren Vätern überkommene
Weisheit, dass die Welt, nur bestehen kann,
zwischen noch geschehen sein werden das bent rop ist es beinahe verständlich, wenn ] wenn Recht und Ethik unabhiknaitf von der
alles sind dunkle Unbekannte. Was wir Ju- ein amerikanischer Journalist (Villard in der ' Hontierart des Einzelnen für alle in gleicher
len an individueller und kollektiver Sieher- i „Nation") auf die Idee kommt, dass auch j Weise gelten. Dies stets im Bewusstein zu
heit und an Freiheit, Menschenrecht und Ent- : Russland sich zur Einführung einer Art j haben, ist gewiss für kein menschliches We-
wicklungsmöglichkeit für uns erwarten kön-• „Nürnberger Gesetze" verpflichtet habe. Die-< sen und für kein Volk sehr leicht.
nen, wird sich erst zeigen, wenn der Krieg se Behauptung klingt zwar sehr unglaubhaft,
zu Ende geht und wenn man wissen wird, besonders angesichts der Tatsache, dass drei
welche Lander und Gebiete in die Kata-j Juden Mitglieder der russischen Handels¬
strophe einbezogen worden sind und w i e j mission in Deutschland waren und dort so-
lange die Zerstörung der Güter und der! gar mit allen Ehren empfangen wurden. Aber
Seelen gewährt hat . Viele sind ja auch der: da die Na'.ur dieses mysteriösen deutsch-
Ansicht, das* wir in ein Ii Halter von Krie- ; russischen Bündnisses nicht klar ist. kann
gen eingetreten sind, die mit wechselnden \ man alles vermuten. Wird doch immer wieder
Mächte-Kombinationen sieh durch Jahrzehnte die Frage aufgeworfen, welcher der beiden
erstrecken werden. Wir möchten so grau-: Diktatoren eigentlich den änderen an der
sige Prophezeiungen rieht wahr • haben, zu-f Nase herumführt (oder jeder den andern;;
gleich aber erkennen wir alle, dass schon die | an das Bestehen einer wirklichen Interessen-
Schwierigkeit, nach einem langen Krieg mit j gemeinschaft und dauernden Freundschaft
Aber wir haben auch die noch be¬
steh e n d e n j u d i s c h e n P o s i t i o -
nen zu wa Irren und zu verteidigen. Dies
gilt selbstverständlich für die Diaspora,
wo die feindlichen Mächte mit allen Mitteln
unsere Stellung zu unterwühlen versuchen
und wo wir heute mehr ais je auf der Wacht
sein müssen Denn nicht nur wo der Feind
selbst hinkommt, führt er seinen Kampf gegen
uns, auch durch Femwirkung aller Art sucht
er uns zu verleumden und zu verderben. Die
Nazi-Politik, einen Keil zwischen Verbündete
zu treiben, um jeden einzeln umso sicherer