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JUDISCÄ
JAHRGANG 11 / Nr. 1
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19. FEBRUAR 1940
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des Grauens
Wa* in Polen vorgehl
Die Berichte, die über die Lage der Juden
in Polen über die verschlossenen Grenzen
dringen und zun» Teil den offiziellen deutschen
Quellen selbst entstammen, geben da* Bild eine«
beispiellosen Martyriums. Innii« U«n
dieses Kriege», der wie jeder Krieg Uber viele
Tausende Leid und Opfer bringt, haben wir hier
ein Kapitel von besonderer Grau-
sigkeit vor uns, das auch durum wichtig ist,
weil es zeigt, mit welcher furchtbaren Geissei der
Menschheit wir es zu tun hüben. Denn hier int
nicht Krieg und offener Kampf, sondern zynische
Grausamkeit und Barbarei, die Ihren Heldenmut
an wehrlosen Opfern ausläset, gegen alle Begriffe
von Kriegsrecht oder sonstige menschliche oder
zivilisatorische Grundsätze.
Die Einzelheiten, die zu uns gelangen, hier
wiederzugeben, würde ganze Spalten füllen und
unser« jüdischen Leser, die ohnedies von dem jü¬
dischen Unglück unserer Tage niedergedrückt
sind, noch mehr zermürben. Aber wir dürfen nioht
aus Seibatschonung dio Augen vor dem was ge¬
schieht, verschUessen Während einig« Jüdische
Grufcsje«. - rrAa JtHmU fuMfejra: dswofc Zufall
— in Sicherheit und äusserer Kühe leben, werden
in einem weiten Gebiet Hunderttausende in der
unmenschlichsten Weise gepeinigt. Das sofern wir
nicht vergessen, und das werden wir nicht ver-
,,ltM»*BraliMMle" in laufenden Band
Die Juden in Polen sind praktisch vogel¬
frei. Das Nazi-Regime erkennt Ja überhaupt
keine Rechtsgrundsätze an, am wenigsten na¬
türlich in Feindesland. Es herrscht völlige Will¬
kür An manchen Orten sind die Militärbehörden
noch ein gewisser Schutz vor der Gestapo, aber
oft hat die Bevölkerung auch unter der Soldateska
genug zu leiden. Unter andern Umständen, d.h.
wenn nicht der Vergleichamasstab der Gestapo
und der Nazi-Banden da wäre, würde man wahr¬
scheinlich schon das Benehmen des Militärs als
haarsträubend bezeichnen, wie es ja auch schon
im vorigen Krieg gerade in diesen Gebieten war.
E i n Punkt verdient hervorgehoben zu werden,
weil er die ganze Verlogenheit des Nasi-turna am
deutlichsten zeigt. Die ganze Nazi-Religion ruht
bekanntlich auf der Rassentheorie, die in
Deutschland zu einem System von Gesetzen aus¬
gearbeitet wurde. Angeblich ist eine Berührung
mit Menschen anderer Rasse eine „Schändung der
deutschen Zhre", und man hat zJ3. Arier, die mit
jüdischen Mädchen gesehen wurden, bastraft
Nach dem was uns aus Polen berichtet wird, sieht
die arme .deutsche Ehre" traurig aus. Jüdische
Mädchen und Frauen sind ein beliebtes Jagdwild
von Offizieren und Soldaten. Oft werden jüdische
Mädchen auf der Strasse gefangen und zu Orgien
in Offiziers Wohnungen gebracht; ein besonders
widerlicher Bericht dieser Art liegt uns vor. Die
Nürnberger Gesetze sind anscheinend für diese
Bestien aufgehoben. Man müsste solches Ma¬
terial sammeln und in allen Zungen der Welt
veröffentlichen. Ob der Tag kommen wird, wo
auch das deutsche Volk sehen wird, wie man es
sogar mit den „heiligsten Grundsätzen" belogen
und betrogen hat? Die „Rassenschande" ist nicht
ihre sinzige Schande.
Im polnischen Städtchen Hrubiessow war
ein deutscher Mihtärkominandant, der ein
menschliche« Verhalten tu den Juden zeigte. Kr
wurde entfernt und durch einen „bewährten" er¬
setzt. Dieser Herr ii«»s «00 Männer zwischen 1«
und 6ü Jahren auf dem Marktplatz antreten und
gab ihnen den Befehl, zu laufen. Wer nicht rasch
genug lief, wurde kurzerhand erschossen. Man
berichtet, duss 83 Tote auf der Landstrasse ge¬
blieben sind. Einer christlichen Delegation, die
den Militärkommandanten um Gnade für die Ju-
| den bat, erwidert« dieser. Ich hoffe, das.« die
: Juden nach dieser Lektion auf den weitern
j Aufenthalt in Hrubieszow ohnedies verzichten
\ werden.
Man konnte noeh viel erzählen, von grundlosen
Erschliessungen, Vertreibungen. Verschickungen,
von erfrorenen und verhungerten Kindern, die
aus Eigenbahnguterwagen gezogen wurden, die
mit Menschenfracht irgendwo auf der Strock© im
schärfsten Frost stehen blieben, von Beraubungen
aller Art und zwar in Füllen, die in die vielen
tausende gehen. Man kann sich auch vorstellen
(oder besser gesagt: nicht vorstellen», wie Juden
in Warschau jetzt wohnen, da doch ganze Stras-
senzüge völlig zerstört sind und In den wenigen
Wohnungen jftl* *U«m zusammendrängt, was In
Warschau blieb und was aus der Provinz zuge¬
zogen ist.
Die Entjudung von Lodz
Am schlimmsten war das Los der Juden na¬
türlich dort, wo es I o k a 1 e N a z i s gab, die von
den deutschen Truppen „befreit" wurden, also vor
allem in Lodz, wo es 70.000 Deutsche (unter
800.000 Einwohnern) gegeben hat. Vorn ersten
Tage an wurde alles darauf angelegt, die Juden
aus Lodz entweder direkt auszutreiben, oder
„herauszuekeln". Lodz war die erste Stadt, wo
Juden die gelbe Armbinde, später einen gelben
Fleck an der Kleidung vorn und hinten tragen
mussten. Alle jüdischen Geschäfte wurde» unter
Nazi-Kommissare gestellt und allmählich enteig¬
net, die Wohnungen der reicheren Juden mussten
unter Zurucklaasung der Einrichtung, Bettwäsche
etc. geräumt werden. Die völlige Entju-
d u n g von Lodz soll nach dem deutschen Pro¬
gramm am 1. März vollendet sein. Di«
Leiden, die gerade die ärmere Bevölkerung bei
dieser Vertreibung im Winter zu erdulden hat,
sind kaum zu schildern. Natürlich ist auch nir¬
gends ein Platz, der sie aufnehmen könnte. In
Lodz selbst sind Verhaftungen und Folterungen
aller Art von Juden und Bedrängung sowie Schän¬
dung jüdischer Frauen an der Tagesordnung. Dies
ist die Methode, die Juden zur „freiwilligen Ab¬
wanderung zu bewegen. ;
Gestellte Filme
Kurz bevor die Synagoge in Lodz niederge¬
brannt wurde, befahl man der Jüdischen Gemein¬
de. 400 Juden mit Tallis in der Synagoge zu ver¬
sammeln und einen Gottesdienst mit Gesang Ab¬
zuhalten. Das ganze wurde gefilmt.
Nachher wurden die Juden in ein Restaurant ge¬
bracht, vor gedeckte Tische und mussten dort
tanzen. Auch das wurde gefilmt. Dann wurden
die Anwesenden zur Arbeit verschleppt. Der Film
aber wird in Polen der polnischen Bevölkerung
vorgeführt, um Ihr zu zeigen, wie gut es den Juden
geht und wie sie sich aber die Niederlage der
Polen freuen...!
Unglaublich, aber wahr.
Welches Strafgericht wird einmal di«M blinden
und verirrten Geschöpfe treffen, dl« heut« im
tJbermut Ihre Macht so missbrauchen!
Zwei Missionen
Ohne im Einzelnen zu wissen, was Präsi¬
dent Roosevelt veranlasst hat, den Unter¬
staats -SekreUir Summer W e I 1 e h nach Eu¬
ropa zu schicken, fragt man sich unwillkür¬
lich, welche A u h s i e. h t diese Mission nahen
kann. Kann ein schneller Friede kommen?
| Sicher ist, dass die Welt sich nach ihm sehnt
; und drtsti alle beten, da« gro.'cse Vernichtungs-
! werk einer Entfesselung von Massentod und
"\ Zerstörung in Kuropa möge vermieden wer-
j den. Aber wie kann die« erreicht, werden ?
i Niemanden kann man doch heute mehr einre¬
den, dass dieser Krieg wie jeder andere durch
i Friedensvereinbarungen beendet werden kann,
j Dies würde ja nur bedeuten, Hitler freie Hand
für seine Eroberungen und für die Festigung
seiner Position zu geben, die schliesslich alles
j untergraben muss, was man Zivilisation nennt.
| Noch zur Zeit der Konferenz von München
\ konnte man so tun, als könne es Vereinba-
I rungen geben, die die I^age stabilisieren.
I Nach den Enthüllungen des bfi tischen ItUm-
, buches, des franzÖ.viftchen Gelbbuche*, nach
i solchen Veröffentlichungen wie Rausch ninga
„Hitler speaks", ist die Maske endgiltig ge¬
lüftet; die Öffentlichkeit weiss jetzt, dann
(die Regierungen genau Bescheid wissen, mit
! wem sie es zu tun nahen. Was also lasst sich
i davon erhoffen, dass Welles in Berlin verhan¬
delt? Hitler hat offen genug gesagt . Ich
werde jeden Vertrag unterschreiben, der mir
im Augenblick nützlich scheint, aber ich den¬
ke nicht daran, ihn zu halten. Nützt, es et¬
wa», wenn er etwa versichert, von nun an
werde es anders sein ?
Viele meinen, die Mission von Welles sei
ein Schachzug der inneren Politik im Jahre
der Präsidentenwahl. Die breiten Massen
der amerikanischen Bevölkerung hassen uriid
verachten zwar den Hitlerismu«, aber sie hal¬
ten auch fest an ihrer Isolierungepolitik und
widerstreben leidenschaftlich der Hereinzie¬
hung Amerikas in den Krieg. Die Nazi-Pro¬
paganda in USA ist sehr aktiv und sehr ge¬
schickt, maskiert sich hinter allen möglichen
Namen, um die Kriegs-Abneigung der Ameri¬
kaner zu bestärken. Von uns aus gesehen,
steckt ein gutes Stück Naivität in dieser Hal¬
tung, die darauf baut, der Feind werde durch
andere geschlagen werden. Hätte Amerika
von vornherein seine Bereitschaft zum Ein¬
greifen kundgetan, dann wäre es sicher nie zu
diesem Krieg gekommen. Hitler liess sich in
das Abenteuer ein. weil er der Neutralitat
Amerikas sicher zu sein glaubte, ja er baute
auch auf die Kriegsabneigung Englands, die
man ihm schilderte. Es scheint, dass Roose¬
velt die Dinge tiefer sieht als die meisten
seiner Landsleute, und die Zusammenhänge
begreift, vor allem auch die Gefahr, die USA
droht. Die Absendung seines Emissärs kann
den Sinn haben, den Amerikanern zu zeigen,
dass er nichts unversucht gelassen hat, um
den Frieden zu erhalten.
Wahrend Welle« — übrigens den Juden
kein Fremder, hat er doch wiederholt zur