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JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU
25, Man 1940
Aus dem Reiche des Grauens
EMME DETAILS DER JUDENVERTHEIBUM
Der mglüch-jüdische Journalist A. M. Kaizcr, Oeneralsekretdr der englischen Hilfsorgani¬
sation „PoHsh-Jcvmh Refugce Fund", hat auf einer Heine nach Litauen und Ijcttland die Mög¬
lichkeit, gehabt, auf entliehen Material iittcr die Vorkommnis™ in Polen an Ort und Hielte sammeln
zu lassen. Die nachfolgenden Berichte stützen sieh auf diese Untersuchungen.- 11*4.
Aua virilen Städten wurden die Juden verjagt:
Osrtrow Mnzowiecki, Brzcziny. Gdynia, WlocUv
wek, W»>,row, Wyszkow, J5gtcrz, Torun, Lodz,
Mltiwa, Lipno, Niudelak, Nowy Dwor, Bierpc,
Sleradz, Suwalki, Pultusk. Plonsk, Prssanysz,
Poznan, Ruda Pabianicka, Piotrkow Trybunalski,
Oechanow, Rypin, Raciadz, Kolo, Kalis» usw.
.Hier kann nur ein Teil der Vorkommt)!**«
berichtet werden.
Am 1 November 1939, gleich nach Besetzung
der 8tadt Piotrkow Trybunalski durch die Nazi*,
mussten die Vertreter der jüdischen Kultuage-
meinde vor den Deutschen erscheinen. Sie er¬
hielten den Auftrag, eine Verlautbarung In deut¬
scher, polnischer und jiddischer Sprache druk-
ken und affichieren zu Jansen, in welcher bekannt
gegeben wird, dass die Kultusgemeinde eine Re¬
gistrierung von Personen, die nach Soviet«
Ru».siand auswandern wollen, durchführe.
Die Kultusgemcinde erhielt sogar den Text der
Verlautbarung, welche mit einem Appell schloss,
Juden sollen sich so viele als möglich melden,
umsomehr, da ihnen gestattet sein wird, ihr Ver¬
mögen und 25 Zloty Bargeld mitzunehmen. Fer¬
ner erhalten sie noch ein Freibillett.
Die Vertreter der Kultusgemeinde haben den
Auftrag, wie befohlen, ausgeführt. 800 Juden
registrierten sich Innerhalb von 6 Wochen. End¬
lich am 13. Dezember ging ein geschlossener
Passtagierzug von Piotrkow Trybunalski ab. Im
Zug waren 800 Juden. Alle Waggons waren plom¬
biert. Obwohl sich der Zug viele Tage und Näch¬
te schleppte und die Juden hungerten, schmach¬
teten und froren, ohne den Zug nur für eine
Welle verlassen zu dürfen, ertrugen sie doch die¬
ses Leid; sie glaubten daran, dass sie bald von
den Qualen befreit jenseits der Grenze sein wer¬
den. Aber am fünften Tag blieb der Zug im Feld
stehen und die Juden /wurden auf die schnee¬
verwehten Felder gejagt Während der Zug mit
sänitlicheir. Gepäck zurückfuhr, blieben die Ju¬
den ohne Kleider und Essen zurück. Mit Mühe
erreichten sie die nächst liegenden Dörfer und
erst hier erfuhren sie, das« sie sich im Lubliner
Reservat befinden...
In anderen Städten und Städtchen erhielten
die Juden den Befehl, den Ort innerhalb
von drei Tagen zu verlassen, andere da¬
gegen im Verlauf von drei Stunden, ja so¬
gar manche innerhalb von 10 Minuten. Das hängt
gewöhnlich von der Laune des Kommandanten
ab. So c. B. erhielten die jüdischen Einwohner der
Stadt Ruda Pabianicka, bei Lodz, folgenden Auf¬
trag von dem dortigen deutschen Kommandan¬
ten:
„Aufforderung an NN... und Familie, Y-Gasse
Hiermit werden Sie aufgefordert bi* zum
19.12 mittags 12 Uhr Ruda Pabianicka zu ver¬
lassen und sich nach dem Gouvernement zu
begeben. Möbel und Hausgeräte bleiben in
der Wohnung. Wertgegenstände, Sparkassen¬
bücher u. dgl. und die Wohnungsschlüssel mit
Vermeidung sind bei der örtlichen Gendarm¬
polizei abzuliefern. Mitgenommen werden
darf ausschliesslich Handgepäck und zl. 25 in
polnischem Geld. Wer diese Anordnung nicht
befolgt, setzt sich schwersten Bestrafungen
aus."
Die Wohnungen, welche die Juden in
beater Ordnung zurücklassen mussten, wurden
von den Nazis für die von den baltischen Staa¬
ten transferierten Deutschen, welchen man
„möblierte Wohnungen" versprochen hatte, be¬
stimmt. Diese Deutsche kamen, um all da» zu
erben, was jüdische Arbeit durch viele Jahre ge¬
schaffen hatte.
Viel schrecklicher gestaltete sich die Vertrei-
treibung der Juden aus Kali sch. Dort fand
die Evakuierung ohne „Verordnungen" statt
Juden wurden auf der Strasse aufgefangen und
1500 Menschen wurden zum Bahnhof getrieben,
in Lastwagen gepresst und 15 Tage dauerte die
Reise von hier nach Sandomierz. Während der
ganzen Fahrt durfte man weder den Zug verlassen
noch betreten. Menschen schmachteten nach
einem Tropfen Waaser und stillten ihren Durst
indem sie die vereisten Scheiben leckten. Einer
der Mitreisenden kroch aus dem Fenster heraus,
um ein Glas Wasser für seine alte, ohnmächtig*
Mutter zu holen, — aus diesem Grunde wurde
er von den Nazis an Ort und Stelle erschossen.
Kaum kamen die unglücklichen Juden in Sando¬
mierz an, so führte man sie bald nach Lochow.
Dort wurden sie auf die Felder gejagt und Gott
überlassen. Unter grossen Qualen kamen sie
dann nach Wegrow und Jadow an.
In Racias trieb man die ganze jüdische
Bevölkerung auf den Marktplatz. Die Frauen
wurden abgesondert und in die Synagoge getrie
ben. Das Gotteshaus war von Soldaten umstellt
und das Militär schoss über die Köpfe der
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Welt-Rundschau" !
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Frauen, um diese noch mehr zu erschrecken.
Die Frauen mussten ihr ganzes Geld und ihren
Schmuck abliefern. Drei Frauen, die sich um
drei Minuten verspäteten, die Verordnung zu er¬
füllen, wurden in der Synagoge ganz entkleidet
und man zwang sie nackt singend um die Nazis,
welche sich in *d$c Thora-Vorhänge einhüllten,
herumzutanzen. Als man danach die Frauen auf
den Markt zurückjagte, musalcn die Juden Spa¬
lier passieren und wurden hierbei unter den Klän¬
gen eines Militärorchesters mit Peitschen ge¬
schlagen So wurden sie zum Zug gebracht. Man
brachte sie Nowy Dwor.
Besonders grausam wurde die Vertreibung der
Juden au» Nasielski durchgeführt Von der
Stadt wurden sie auf ein Feld getrieben, wo sie
durch einen Sumpf durchgehen mussten. Diesen
Sumpf haben die Nazis speziell für vertriebene
Juden geschaffen. Hier befand sich ein lehmi¬
ger Boden und die Nazis trieben die in der Um¬
gebung wohnenden Bauern zusammen, und sie
mussten das lehmige Feld mit Wasser solange
übergiessen, bis ein tiefer Sumpf entstand. Wäh¬
rend Nazi-Soldaten die Juden mörderlich schlu¬
gen, mussten diese durch den Sumpf Auch
Mütter mit Säuglingen wurden dieser Qual aus¬
gesetzt. Niemand ist verschont worden. Noch
mehr: Die Kinder wurden den Eltern weggeris¬
sen und in verkehrte Richtung getrieben. Viele
Juden fanden dabei den Tod.
Ein« ähnliche Hölle machten die Juden aus
Pultusk mit Plötzlich, ohne Warnung trieb
man die Juden aus Pultusk von den Häusern hin¬
aus. Diese, gemeinsam mit ihren Frauen und
Kindern, wurden auf ein Feld gejagt Dort bil¬
deten die Nazi-Soldnten Spalier, durch welchen
die Juden durch mussten, wobei sie in grausam¬
ster Weise geschlagen wurden. So hat man 3000
jüdische Familien aus der Stadt getrieben. Nur
ein jüdischer Schmied durfte in der Stadt blei¬
ben, damit er die Hufeisen für die Nazi-Pferde
schmiede. Naeh Vollendung seiner Arbeit wurde
er erschossen. Die aus Pultusk vertriebenen Ju¬
den retteten sich nach Wyszkow. Aber auch
hier fanden sie kein« Ruhe. Die Nazis zündeten
Wyszkow an und die Flüchtlinge aus Pultusk
wanderten 5 Tage nach Wegrow, wo sie sich bis
heute aufhalten.
PERSÖNLICHES
Der Kaufmann M. Jonas in Haifa wird am
9. April 1940 siebzig Jahre alt. Als Vorstands¬
mitglied der Israel. Gemeinde Kiel — mehr alt
30 Jahre — und zuletzt als erster Vorsteher hat
er In schwerer Zeit sich für alle* Jüdische in der
Gemeinde eingesetzt, alle Institutionen mit der
grössten Sorgfalt und Liebe gepflegt und erhal¬
ten und zum Besten jtsde* Einzelnen und der
Gemeinde gewirkt. Seine zahlreichen Freunde
werden es sich gewiss nicht nehmen lassen, ihm
an diesem Tage ihre Dankbarkeit zu bekunden.
Rabb. Dr. A. Posner (Jerusalem).
Wie uns aus Bern gemeldet wird, tritt Pre¬
diger und Kantor Josef Messinger am 1. Mai
in den Ruhestand. Messinger war 6 Jahre in
Berlin (Laeaingatrasse), 6 Jahre in Zürich und
dann 26 Jahre in Bern tätig und hat eich allge¬
mein« Sympathien erworben. Auch in der jüdi¬
schen Presse ist Messinger hervorgetreten und
sähke su den gelegentlichen Mitarbeitern der
,J. R." Seine Nachfolge übernimmt sein älterer
Sohn Dr. Bugen Meaeinger.
Bditor and PublUber: Dr. Robert Weltsch,
Jerusalem. Printed at The Jerusalem
Press Ltd Jerusalem.