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Gefahren in Südafrika Palästina-Idee heute
Wie bekannt, hat der Auabruch des Kriege« in
Südafrika zu politischen Umgruppierungen
geführt, da ein grosser Teil der burischen Bevöl¬
kerung gegen Teilnahme am Kriege war, sodass
die „Vereinigte Partei", die aus der (von General
Herttog geführten) buriachen Nationalpartei
und der (von General Smuti geführten) vorwie¬
gend englischen Südafrikanischen Partei bestand,
zersprengt wurde. Im Verlauf dieser Entwicklung
muaste Ministerpräsident HerUog zurücktreten
und Smuts Ubernahm die Regierung. Diese Ent¬
wicklung, deren Ergebnis zweifellos zu begrUesen
ist, wird jedoch, wie aus Südafrika berichtet wird,
von der jüdischen Bevölkerung mit grosser Be¬
sorgnis aufgenommen. Denn die Partei des Ge¬
neral Hertxog hat sich mit der Nationalisten-
Partei des Dr. Mal an vereinigt, die offiziell ein
gemässigtes antisemitisches Programm vertritt,
unter ihren führenden Mitgliedern aber auch ra¬
dikale Antisemiten nach Nazi-Vorbild hat. Es ist
noch erinnerlich, daas unter dem Druck der Agi¬
tation der Malan-Partei die Einwanderung nach
Südafrika abgedrosselt wurde, und dass die An¬
kunft des unmittelbar vor Torschluse eigens zu
dem Zweck der Überführung jüdischer Einwan¬
derer gemieteten Schiffes „Stuttgart" damals in
Südafrika zu grösseren antisemitischen Demon¬
strationen bentttrt wurde, die einen starken Wider¬
hall in der Öffentlichkeit fanden. Seitdem ver¬
stummt die antisemitische Propaganda nicht
mehr, die auch von Deutschland aus mit allen
Mitteln der Nazi-Technik angetrieben wurde, in
der letzten Zeit durch die in burischer Sprache
von Berlin aus gesandten Radio-Übertragungen.
Die Verschmelzung der Partei dea früheren
Ministerpräsidenten Hertzog mit der Partei Dr.
Malans läaat die Frage entstehen, wer in dieser
Kombination die Oberhand behalten wird. HerUog
und andere haben aich ouedrücklich vom Anti¬
semitismus distanziert, aber informierte Kreise
sind der Meinung, dass die Malan-Gruppe die
stärkere sein wird und bei den nächsten Parla¬
mentswahlen wahrscheinlich den grösseren Teil
der Kandidaten stellen wird, sodass im Falle eines
Sieges der Oppositionspartei Dr. Malan Aussicht
hätte, Promierminister von Südafrika zu werden
Die gegenwärtige parlamentarische Majorität von
General Smuts beträgt nur 16 Stimmen. Durch
verschiedene Massnahmen bemüht sich Smuts,
seine politische Position zu festigen. Vor allem
wird eine systematische Aufklärungs-Kampttgne
Über das Wesen der Nazi-Gefahr unter der burisch
sprechenden Bevölkerung durchgeführt. Die Frage
ist, ob diese im Namen der Wahrheit unternom¬
mene Propaganda schlagkräftiger sein wird als
die mit Nazi-Methoden organisierte, wahrschein¬
lich sehr populäre antisemitische Propaganda.
Die Lage der Dinge bringt es mit sich, dass in
einem solchen polltischen Kampf der Antisemi¬
tismus automatisch als bewährtes demagogi¬
sches Mittel in den Vordergrund tritt, was die
Gegenwehr der Juden zur Folge hat, wodurch die
angreifende Partei nur noch immer mehr in den
Antisemitismus hineingetrieben wird.
Man darf die Gefahr dieser Entwicklung in
einem bis vor kurzem liberalen Land gewiss nicht
unterschätzen. Im Grunde handelt es sich aber
hier um einen Bestandteil des grossen Welt-
kämpfe», der jetzt ausgefochten wird. Wenn
die Niederzwingung des Nazismus in absehbarer
Zeit gelingt, werden gewiss auch diese seine Ab¬
leger in den verschiedenen Ländern verschwinden.
Der gegenwärtige Premierminister von Südafrika,
General Smuts, ist eine der grossten politisch¬
geistigen Persönlichkeiten der Welt, der In Uber¬
aus eindrucksvoller Weise in den letzten 25 Jah¬
ren immer wieder für eine Neuorganisation der
Welt auf Grund von Ideen der Humanität einge¬
treten ist. Der seinen Gedanken entsprechende
Völkerbund wurde 1018 nicht realisiert, aber der
Gedanke an eine bessere Ordnung ist gerade jetzt
wieder besonders lebendig. General Smuts ist auch
einer der grossen Befürworter des Jüdischen
Nationalheims in Palästina und verbindet
mit der Regeneration des jüdischen Volkes auch
die Erwartung grosser geistiger Beiträge zur Kul¬
tur der Menschheit In einer grossen Rede er¬
mahnte er einst die Juden, nicht in den Materia¬
lismus zu verfallen, sondern ihrem geistigen Erbe
treu zu bleiben.
//
DAS „LUBLIN-PROJEKT
Schon mehrmals wurde darauf hingewiesen,
dass bezüglich des phantastischen Projektes der
Judenkonzentration im Lubliner Bezirk Meinungs-
gogensätze zwischen den verschiedenen deutschen
Behörden bestehen. Während die Gestapo die
Deportation organisiert, sind die Okkupations-Be¬
hörden in Polen dagegen. Die Sache geht Jeden¬
falls sehr schwierig vor sich und hat schon un¬
zählige jüdische Opfer gekostet. Einem
Berlin-Bericht der „NZZ" über diese Aktion
entnehmen wir folgende Darstellung der momen¬
tanen Situation in dieser Sache:
„In der Deportation nach dem Distrikt von Lub-
lin ist eine Stockung eingetreten, welche die
Durchführung des ganzen Planes wenigstens für
die nächste Zelt in Frage stellt. Bei der Ankunft
der Tran spotte aus Stettin, die bei
Piasko östlich von Lublin anhielten, ergaben «ich
grosse Schwierigkeiten für die Unterbringung und
Verpflegung der mehr als tausend deportierten
Juden, die infolge der Überfüllung der Häuser in
den umliegenden Dörfern in Ställen untergebracht
werden mussten. Die Seuchengefahr, die
bei den unhaltbaren sanitären Verhältnissen er.t
standen ist. hat bei den Behörden des General
fOttvernaments, die den Kampf gegen die Epide¬
mien als eine ihrer wichtigstes Aufgaben betrach¬
ten, eine« starken Eindruck gsmaeht. Auf ver¬
anlassung des Distriktschefs von Lublin. Zoerner,
hat Generalgouverneur Dr, F r a n k in Berlin
Einspruch gegen die Wetterführung der Depor¬
tation erhoben. Es scheint auch, dass die Erwar¬
tung, durch die Umsiedlung der ukrainischen und
weiasrussischen Minderheiten aus dem Distrikt
Lublin nach Sowjetrussland Unterkünfte für die
deutschen Juden freizumachen, fehlgeschlagen ist.
Der Wegzug hält Bloh in engen Grenzen, da viele
Bauern, besonders die Ukrainer, sich vor der
Übersiedlung nach Sowjetrussland und der dort
drohenden Enteignung fürchten. In die wenigen
| Häuser und Gehöfte, die frei geworden sind, sind
| beroits die von Deutschland aus dem früheren
westpolen ausgesiedelten polnischen Bevölke¬
rungsteile nachgerückt. Unter dem Druck der ver-
schiedenon organisatorischen Misstande haben
die relchsdeutschen Behörden die bereits ange¬
ordnet« Deportation sämtlicher Juden aus Htolp,
Kolberg, Neuntettin und anderen pommerschen
Städten sowie aus Frankfurt an der Oder, Hchnei-
detniihl, Guben und Landaberg an der Warthe
vorläufig aufgehalten. Den von den Mass¬
nahmen betroffenen Juden ist aber die Verpflich¬
tung auferlegt worden, ihren* Wohnsitz innerhalb
! einer bestimmten kurzen Frist su verlassen und
auszuwandern.''
„Auszuwandern" ist natürlich ein leerer Be¬
griff, denn es gibt keine legal« Einwanderung»,
mögliehkelt.
Als 1333 die Katastrophe über diu Juden
in Deutschland hereinbrach, von deren Um-
I fang man damals freilich noch keinen Be¬
griff hatte, war es für die vielen seelisch
last zusammenbrechenden Menschen und dar¬
über hinaus» für einen grossen Teil der diese
Ereignisse mit stärkster Erregung miter¬
lebenden Judenheit der Welt ein Trost und
; eine innere Aufrichtung, dass P a 1 ä s t i na
den entwurzelten Menschen eine neue Hei¬
mat bot. Es handelte sich dabei noch nicht
in dem heutigen Ausmass um sogenannte
i „Flüchtlings"-hilfe. Eine wirkliche „Flucht"
gab es nur in Ausnahmsfällen, bei Menschen,
'die wegen ihrer früheren politischen Tätig¬
keit oder aus anderen Gründen direkt ge¬
fährdet waren. Im übrigen lehnten die Ju¬
den Deutschlands die Bezeichnung „Flücht¬
linge" ab. Ihre Auswanderung, die damals
einsetzte, war bei vielen diktiert von dem
| Bestreben, wegen der über sie in Deutschland
! verhängten Beschränkung der Berufstätigkeit
aich einen neuen Ort der Tätigkeit und der
| materiellen Existent tu suchen, bei vielen
aber auch von der plötzlich erwachenden
|Erkenntnis, dass die Judenfrage in ihr
persönliches Schicksal eingetreten ist, und
'dass es keinen anderen Ausweg gibt als eine
ganz neue Art des Lebens zu be¬
ginnen. Dafür war Palästina die grosse
| Chance und die grosse Aufgabe. Auf jüdi-
\aoh&n Boden konnten Juden mit eigener
Kraft und eigener Verantwortung ein Ge¬
meinwesen aufbauen, das in ganz anderer
Weise als dies bisher der Fall war, das Ju¬
dentum vor der Welt repräsentieren sollte.
Mensch-Sein und Jude-Sein konnte hier zu¬
sammenfallen. Nach dem furchtbaren per¬
sönlichen Erlebnis der Ausstossung aus der
bis dahin als unverlierbaren Besitz empfun¬
denen Kultur-Gemeinschaft der Umwelt
scharten sich Tausende dankbar um die
grosse Idee der Volks-Auferstehung, die sie
früher verkannt oder verketzert hatten.
Dankbar empfanden sie auch das Werk derer,
die durch 50 Jahre mit sehr geringen äusse¬
ren Aussichten mit ihrer Pionierarbeit den
Boden vorbereitet hatten, sodass Palästina
politisch und wirtschaftlich als Aufnahme¬
becken für die Sachenden bereit stand. Die
Menschen, die damals ins Land strömten und
einen grossen Teil dessen, was wir als das
Palastina von heute vor uns sehen, aufgebaut
haben, fühlten sich glücklich an der Schwelle
eines neuen Lebens. Hatten sie an äusseren
Gütern und kulturellen Werten auch viel auf¬
geben müssen, hier waren sie wenigstens im
eigenem Bereich, das niemand ihnen entzie¬
hen konnte. Die zuversichtlichen Nachrichten
aus Palästina waren für die Judenheit in
diesen Jahren des Hitler-Regimes ein wirk¬
sames Gegengewicht gegen die dauernden
Trauerbotschaften aus Deutschland.
Man muss sich dies vergegenwärtigen, um
zu ermessen, welche Tragik darin liegt, dass
mehrere Jahre später auch Palästina ein
Land wurde, aus dem UngtückfibotteHaftm
zu der Judenheit hinausdrängen. Und in den