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JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU
15. April 1940
und Zivilisation, an der alle Anteil nahmen,
sowohl finanziell alt auch organiamtoriach.
Viele Jahre haben hier unsere jüdischen Jun¬
gen und Mädchen nicht nur ihre Ausbildung
genossen und die Arbeit gelernt, sondern sich
auch seelisch von den Erschütterungen der
Begegnung mk dem Untermenschentum er¬
holt und wieder an Menschentum glauben ge¬
lernt. Die Hauptgruppen des Chaluz und der
Jugendalijah befinden sich In Schweden, das
noch „neutral" belassen wurde. Ein Versuch,
diese jüdische Jugend aus den Landern der
neuen Najsi-Besetxung herauszuholen, miiaßte
gemacht werden, vielleicht mit Hilfe Ameri¬
kas. Wenn wir dafür eintreten, heisst das
nicht, dass wir die Leiden der unterworfenen
Völker verkennen und nur an uns denken.
Unter normalen Verhältnissen würden wir
sagen, dass die Juden, die die Gastfreund¬
schaft Skandinaviern! genossen haben, mit den
dortigen Völkern gemeinsam kämpfen und
leiden müssen, ja dies würde jedem selbst¬
verständlich acheinen; aber wie die Dinge
liegen, wissen wir doch, dass die Nazi-Okku¬
pation nicht eine gewöhnliche Besetzung ist,
sondern in ihrem Gefolge die OataiK» mit
ihren Judenkommissaren und Ihrer antisemi¬
tischen GiftkUche kommt, und die J u d e n in
eine besondere Situation, unvergleichbar allem
anderen, bringt. Darum sorgen wir um diene
Menschen, die zu dem besten Teil der jüdi¬
schen Jugend der Welt gehören, und appellie¬
ren an alle, in deren Macht es noch liegt, ihre
Befreiung zu erleichtern.
FLÜCHTUNQE AU SPIONE?
Wie paradox dt« La«« der jüdischen Flücht¬
linge, dieser ersten Opfer der Nazi-Verfolgung,
ist, geht hervor aus der Kampagne, die von sen-
aotionslustigen englischen Blättern heute gegen
die Flüchtlinge in Engtand betrieben
wird, mit der Verdächtigung, dass unter ihnen
Spione seien. Kürzlich hat sogar im Unterhaus
ein Abgeordneter (Co). Burton) erklärt, er halte
es für möglich, dass von deutschen Staatsange¬
hörigen (Flüchtlingen) In England feindlichen
Fliegern Signale gegeben werden. Darüber hat
steh eine Debatte entsponnen, in der zahlreich«
Personen darauf hingewiesen haben, deuw eu kei¬
ne Grundlage für solche Beschuldigungen gibt.
Aber die Regierung muss dieser Propaganda ent¬
gegenarbeiten. Eine neue Nachprüfung der in
England befindlichen „feindlichen Ausländer" ist
im Gange. Ausserdem hat man die Absicht,
Schutzgebiete an der Küste zu proklamieren, aus
denen feindliche Ausländer ausgeschlossen wer¬
den. Besonders aber schadet diese Propaganda
jedem Versuch, die Zulassung von jüdischen
Flüchtlingen in einem enghsch regierten Gebiet
(also auch Palästina) zu erwirken. So sind die
Juden in einer ungeheuerlichen Lage In
Deutachland werden sie als Feinde verfolgt und
vertrieben, auf der andern Seite betrachten viele
sie als „Deutsche". Und dieses Gegeneinander
zerstört die letzten Pfade der Rettung.
JANOTINSKY IN AMERIKA
J a b o t i n s k y, der jetzt Amerika bereist,
hat in einer grossen Versammlung inNcw York
seine Anschauungen und sein Programm ver¬
kündet. Teilnehmer der Versammlung berichten,
dass seine Rede verhältnismassig gemässigt war
und dadurch das Publikum, das Sensationen er¬
wartete, enttäuschte. Im wesentlichen scheint
seine Kampagne innerjüdische Ziele zu verfol¬
gen, demgemäas polemisiert er stark gegen die
Zionistische Organisation und die palästinensische
Arbeiterpartei, der er u.a. vorwirrt, dass sie nach
PartetgesichUpunkten verfahre (als ob die Re¬
visionisten, wenn sie die Macht hätten, das nicht
bestimmt in weit höherem Masse täten nach
berühmten Mustern). Seine außenpolitischen
Forderungen gipfeln in der Aufstellung einer j ü -
di sehen Armee (nicht bloss „Legion"),
Gründung eines die jüdischen Angelegenheiten
verwaltenden „Jüdischen Nationalrates" oder
einer ähnlichen Körperschaft, jährliche Einwan¬
derung von 500,000 Juden nach Palästina, und
Proklamierung des Judenstaates al* jüdi¬
sches Kriegsziel. ~ Jabotinsky hat sich von USA
nach Südamerika begeben, wird aber Ende April
In USA zurückerwartet.
Dänisches Judentum
•EfWNT OKU EINER MMCH
Unser Stockholmer 11. R.-Berichterstatter sendet uns unter der Ueberschrift ,ßin
Land ohne Juden frage" den nachstehenden Beitrag, der am 31. März in Stockholm abge¬
sandt, per Luftpost am 10. April m Jerusalem eintraf — einen Tag nach der Besetzung
Dänemarks durch Nazi-Deutschland. Es ist ein tragisches Zusammentreffen, das* die
optimistische Betrachtung so schnell widerlegt wurde. Wir hoffen aber, dass die Erleb¬
nisse dieser Tage das gute Verhältnis zwischen Dänen und Juden nicht trüben v:erdcn,
so wie ja auch die grosse Mehrheit der Tschechen in den Juden eine Art Schicksalsge¬
nossen erblickt. Bis zur Stunde ist nocA nichts darüber bekannt, ob die Nazis, die ja
formell die dänische „Unabhängigkeit tu respektieren'' versprachen, bereits dm National¬
sozialismus und Antisemitismus zwangsweise importieren. -Red.
Die „JWR" brachte in ihrer Nr 7 vom 19. , desvater und da« nur allzu berechtigt; unver-
Februar eir.en ausfuhr hohen Artikel „Rettung j gessl'. >i bleibt, wie *?r im Jahre 1933 <!» anläss-
von Kindern *. <!er die hervorragend« Hilfeleistung lieh der Hundertjahrfeier der Koj), nIiagener
besonders von <i«nli»rh-christll< h*r Seite in dar .Synagoge dem Ke.stgottesdienst beiwohnte und
Jugend-Alijah-Arbcit unter Frau Melau i e ; ntu-h Schiusa mit Tränen in den Augen dem
Opppenheime hingebungsvoller Leitung bc-j Oberrabbiner dankend die Hand drückte... Eben-
hnndelte. FJn Owter-Hcsiioh in Kopenhagen gab
mir Gelegenheit, jüdische» liehen in Dänemark
kennen zu lernen, worüber berichtet werden soll.
Im Jahre 168? wurde unter Friedrich III. den
.Inden die Erlaubnis erteilt, *Uih in Dänemark
niederzulassen, und im Jahre 1«76 wanderte der
erste Jude Isr. Hnlomon Levi aus Hamburg In
da» Land ein; heute zahlt man ca. 6 €.000 Ju¬
den (seit 1921 ist keine Zählung mehr vorgenom¬
men worden), von denen der grösute Teil in der
Hauptstadt Kopenhagen lebt. Bevor diesen Refor¬
mierten die Erlaubnis zum Abhalten öffentlichen
Gottesdiensten erteilt wurde, gestattete man dien
den Juden. Neben zahlreichen jüdisch-kulturel-
kt! und Jugend-Vereinigungen besteht eine jü¬
dische Volksschule (neben der Religionsschule
der Gemeinde), eine B'ne Brith Loge (als einzige
in Skandinavien), ein Jüdisches Familienblatt so¬
wie eine jüdische Wochenzeitschrift und drei
zionistische Vereinigungen, der Allgemeine Zio¬
nisten- Verein. Misrachi und Avodah (Poale Zion).
Dem Keren Hajesitod (unter Leitung eines der
geistigen Führer der dänischen Judenhcit, Dr.
Maren» Melchior, früher Rabbiner in Beuthcn)
gehören alle dänischen Juden an, und der erste
Vorsteher der Gemeinde ist gleichzeitig der Vor¬
sitzende des Keren Kajemeth: Einer der ange¬
sehensten Kopenhagener Rechtsanwälte C. B.
Henriques. Auch der langjährige bewährte Ober¬
rabbiner Dänemark» Dr. M. Friediger ist ein aus¬
gezeichneter Kenner Palästina»; er hat Uber seine
Besuche im Land einige Bücher geschrieben. Der
Sitz des Skandinavischen Zionistenbundes befin¬
det sich ebenfalls in Kopenhagen, unter Vorsitz
von B. Sloor, der mich in liebenswürdigster Weise
aufforderte, an einer Versammlung sämtlicher
führenden Zionisten teilzunehmen, in der ein
echt zionistischer Geist vorherrschend war. Es
wurde gerade hier die Aktion des dänischen
Kfar Skandinavi besprochen und ein Protest¬
schreiben der skandinavischen Zionisten wegen
der Einschränkung des Boden verkauf es in Palä¬
stina verfasst. Gleichzeitig wurde beschlossen,
eine Sammlung sämtlicher Juden Dänemarks
anlässlich des 70. Geburtstages des Königs
Christian zu veranstalten, bei der kein Jude in
Dänemark fehlen wird, denn sie lieben ihren Lon¬
ne jmk-nfmtndlirh ist die gesamte Bevölkerung
eingestellt; es dürfte hetite - ohne Übertrei¬
bung kein Land mehr in Europa geben, das
ihren einheimischen Juden, aber auch den Emi-
Krnnten, den Mitgliedern der Jugcnd-Alijah und
den 400 im Lande weilenden C h al u z I m (die In
zwei Kibbtizlm untergebracht sind) so vi#h» Be¬
weise herzlicher Sympathien entgegenbringt wie
die Dänen. (Siehe meinen Bericht „Nordische
und jüdische Kinder singen" in Nr. 18 vom 14.
7.1t3y). So sandte der Chefredakteur des Christ¬
lichen Tageblattes, Herr lieh cg-Lumen 100.000
Kronen für jüdische Kinder, und die Bauern auf
dem Lande sind tiefbetrübt, wenn ihre Zöglinge
sie verlassen. Hier f-cl eine wahre Begebenheit
erzählt, die nur Herr Joncf Fitchcr, der 47 Jahre
im Dienste der Kopenhagener Gemeinde stehende
Bibliothekar berichtete: An einem der grössten
Zeitungskioske, in der Nähe des Hauptbahnhofes,
lag die einzige erscheinende antisemitische Wo¬
chenzeitschrift „Vaterland" aus, die in 2 Exem¬
plaren (!; vorhanden war, die aber nie verkauft
wurden; neulich jedoch war sie „völlig ausver¬
kauft", „aber das eine Exemplar hat mein guter
Freund der Jude O. mir abgenommen", meinte
kürzlich die Verkäuferin lächelnd... So etwas
passiert noch im Jahre 1940, mitten im Herzen
einer europäischen Hauptstadt.
Natürlich ist seit dem Ausbruch des Krieges
die Emigrantenfrage auch in Dänemark
bedeutend erschwert, und nur noch in seltenen
Fällen werden Bewilligungen für Tmnsmigran-
ten zur Weiterwanderung erteilt. Ungefähr 12-
1400 Emigranten weilen im Lande und ein Budget
von ca. 1 Million Kronen ist von jüdischer und dä¬
nischer privater Seite gesammelt worden. „Meine
neue Heimat und ihre Menschen habe ich lieben
und schätzen gelernt und sollte auch dieses Land
von der kritischen Zeit nicht verschont bleiben,
werde ich es nicht verlassen", Versicherte mir
eine jüdische Emigrantin bei meinem Kopen¬
hagener „Osterspaziergang"!
Laut einer Radio-Meldung »ollen alle jü¬
dischen Emigranten aua Deutschland, dte In
Dänemark angetroffen wurden« von den Nach»
interniert worden sein.
3716 FLÜCHTLINGE IN SCHWEDEN
{Von unserem Berichterstatter)
HR.. Stockholm, Anfang April.
Die Anzahl der Flüchtlinge in Schweden be¬
läuft sich nach der letzten Statistik des Sozia¬
len Arbeitsamtes (Sozialstyreisen) auf 3716 wo¬
von £&!fl Juden sind und 885 „politische" Flücht¬
linge, von letzteren sind 440 Staatenlos, 183
Deutsche und 109 Tschechen. Von sämtlichen
Flüchtlingen haben 1587 Arbeitsgenehmigung er¬
halten. Seit dem 1. Juli vorigen Jahres, da die
Anzahl der Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis
3S81 betrug, hat sich die Anzahl der j U d 1 s c he n
um 233 vermindert, »die grösstenteils ab hier
nach Übersee auswanderten) während die Anzahl
der politischen Flüchtlinge auf 387 erhöht wurde.
„Sozialsty reisen" hat früher die Anzahl der
Flüchtlinge, die vor 1933 nach Schweden gekom¬
men sind, mit 900 berechnet, wovon die meisten
frühere russische Staatsbürger waren. Im No¬
vember 1938 schätzte man die Zahl der Flücht¬
linge auf 2700—3300, im Januar 1939 zwischen
8800 und 4400, und am 1. Juli 1939 zwischen 4300
und «800. Wenn diese Zahlen in Anbetracht der
Judennot in Buropa nicht gross erscheinen darf
man nicht vergessen, daas Schweden vor 1933
nur ca. 6700 Juden zählte (also 1 promiile bei
einer Einwohnerzahl von 6} Millionen) und deren
Zahl sich also faat um 50% erhöht hat.
Felix Wctngartnet, der kürzlich als Gast im
Konsertföreningen Beethovens Erste und Neunte
Symphonie dirigierte, begab sich von hier aus
nach Palästina und drückte Ihrem Korrespon¬
denten seine Freude auf die bevorstehende Be¬
gegnung mit dem Palästina-Orchester und Erez
Israel aus.
DIE JUDEN m NORWEGEN
In Norwegen leben i m ganzen nicht mehr
ala 2000 Juden. Im Jahre 1920 zählte die jüdische
Bevölkerung von Oslo 852 Seelen, inzwischen
dürfte sie etwas gestiegen sein, auch durch rus¬
sische und deutsche (unbedeutend) Flüchtlinge.
Die „JWR" hat wiederholt Bericht« ihres Korres¬
pondenten aus Oslo veröffentlicht, darunter vor
•inigar Zeit den Bericht über die Jahrhundertfeier
von Henrik Wergektnd, des Vorkämpfers der nor¬
wegischen Judenemanzipation. — Ob die jüdische
Bevölkerung in Oslo verblieben und unter Nazi-
Harrachaft geraten iat, ist bis zur Stunde nicht
bekannt.