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ZEIT DES UBERGANGES
PtfMch im Kriege - Palästina und Diaspora
Juden - „Deutsche Ordnung" - Glaube
Die Feste und der Rhythmus der Jahres¬
zeiten bilden im jüdischen Jahr ein Moment
der Stetigkeit, das in einer Zeit de» Über¬
gang», wie wir aie jettt durchleben, mehr als
je fühlbar wird, besonders deutlich ist das
in Palästina, wo unsere Feste eine Angelegen¬
heit der Gesamtheit geworden sind, offiziell
anerkannt als ein Bestandteil der öffentlichen
Ordnung des ganzen Gemeinwesens. Ähnlich
war es in gewissen Teilen Osteuropas, aber
dort war es eine Konzession an die Freiheits¬
sphäre der Mitglieder einer Minderheit —
etwas was in der heutigen Welt immer weni¬
ger seinen Platz findet. Zwar ist eine wirk¬
liche lebendige Form, die das Alte mit dem
Neuen sinnvoll verbindet, noch nicht ge¬
funden, aber wir spüren, dass das Leben sich
auf dieses Ziel zu bewegt und wir haben ge¬
lernt, in solchen Dingen Geduld zu haben.
Ein neuer mit dem Leben verbundener gei¬
stiger Inhalt kann nur almähüch wachsen, im
Zusammenhang der Generationen, die sich
wieder als eine teste unteilbare Kette emp¬
finden. Dies haben wir noch nicht erreicht,
aber wir sind dazu auf dem Wege, umsomehr,
als wir Juden des 20. Jahrhunderts ein stär¬
keres historisches Gefühl haben als unsere
unmittelbaren Vorfahren, weil wir das in der
jüdischen Geschichte sich manifestierende
Schicksal in seiner Einmaligkeit und zugleich
in der Wiederkehr der gleichen Situation er¬
leben. Dies besieht sich auf die Verfolgungen
und Wanderungen, die das jüdische Leben
durch Jahrhunderte hindurch charakteri¬
sierten und die man im 19. Jahrhundert zum
Stillstand gekommen wähnte, aber auch auf
jenes uralte und primitive "Knechte sind
wir gewesen", mit dem die Erzählung der
Hagada am Sedarabend beginnt. Wenige
Generationen konnten die Bedeutung dieses
Knechtaeins so tief empfinden wie die unsere,
und wenn wir das Beispiel in seiner histori¬
schen Gegebenheit beibehalten wollen, so sind
wir Juden in Palästina in einer eigentüm¬
lichen Lage, weil wir sozusagen schon aus
dem Lande der Knechtschaft gezogen sind,
während grosse Teile unseres Volkes gerade
jetzt wieder unter Bedingungen leben, die an
die in der Bibel beschriebene Frohn erinnern.
Es ist oft darauf hingewiesen worden, wie
viele Analogien sich von der heutigen Zeit
zur Erzählung vom Auszug aus Ägypten
spinnen lassen, von den Schwierigkeiten der
Volkswerdung und des Führertunis ange¬
fangen bis zu der Sehnsucht nach den
Fleischtöpfen Ägyptens; wenige Geschichten
der Weltliteratur sind ja so erfüllt von einer
genialen Psychologie des Menschen und der
Massen wie diese Erzählung der Bibel, und
so sehr sich auch die technischen und sozia¬
len Verhältnisse der Welt geändert haben,
die Gesetze des Seelenlebens scheinen die
gleichen geblieben zu sein. Trotzdem wäre
i es wohl verfrüht, die Analogie zu weit zu
' treiben und zu erwarten, dass das Schilfmeer
| sich nochmals spalten und die Verfolger ver¬
senken wird. Man zieht nicht mehr 40 Jahre
von Ägypten nach Palästina, und man kann
i leider auch noch viel grössere Strecken mit
: einer Geschwindigkeit zurücklegen, die zu
jenen Zeiten nur in der Welt des Wunders
j existierte Dies weitet das Feld der Entschei¬
dung Der Kriegsschauplatz, auf dem die
i Entscheidungsschlachten dieser Zeit geschla¬
gen werden, ist eine viel grössere Einheit
j als jemals in der Geschichte. Dies verstärkt
I auch für uns, die wir schon in Palästina
| sitzen, das Gefühl, in einem Zustand des
! Übergang« und sogar der Usgewiasucit zu
sein; und in dieser Hinsicht ist unser end¬
gültiges Schicksal vermutlich eng verbunden
mit dem derer, die noch in der Knechtschaft
das Joch tragen.
An keinem Ort spüren wir so deutlich,
wie das Leben sein Recht fordert wie hier
im Lande, wo die Natur in ihrem Frühlings-
kleid und der Gesang der Jugend eine un¬
widerstehliche Macht der Lebensbe¬
jahung ausströmt - trotz allem was wir
von der fürchterlichen Katastrophe der Ju¬
den in Europa wissen und stündlich neu er¬
fahren und trotz all der schweren Not, die
hier im Lande herrseht, bei all den Hunder¬
ten, die sich nicht einordnen konnten und
fast verzweifeln müssen, Arbeit und Brot zu
finden. Auch dies, so wissen wir, sind Symp¬
tome einer Zeit des Übergangs, und so wenig
dies ein Trost sein kann für diejenigen, die
das Gefühl haben, unter die Räder zu ge¬
raten, und für die die Gemeinschaft alles Er¬
denkliche zur Hilfe tun muss, so formt sich
uns doch ein Bild der Zeit aus den Perspek¬
tiven der Zukunft. Je weiter der Krieg fort¬
schreitet, umso stärker fühlen wir, dass die
Grundlagen der bisherigen Zivilisation er¬
schüttert lind, und wir fragen uns, wo die
Anzeichen jener geistigen Kräfte sind, die
dasneue Gesicht der Welt formen
werden. Sicherlich sind viele Vorstellungen,
die bisher geläufig waren, nicht mehr in Zu¬
kunft anwendbar. In einem ganz anderen
Licht erscheint zweifellos auch die Juden-
frage, und zwar sowohl vor der Welt als
auch vor den Juden. Im jüdischen Kreis
wasen es die Ziotttaten, die den schärfsten
Blick für das wirkliche Wesen der Juden-
frage hatten und einen Plan für die Neuord¬
nung des jüdischen Lebens verkündeten.
Heute aber hat das Judenproblem alle Däm¬
me niedergerissen, und nach diesem Kriege,
wenn er nicht mit einem völligen Untergang
der Zivilisstion endet, wird die Judenfrage
deutlich als eine Einheit bestehen, so einheit¬
lich in ihren Zusammenhängen und in ihren
— Die Vertretung der
an die Freiheit
Abhängigkeiten, dass trotz der vielen Mei¬
nungsverschiedenheiten, unter den Juden
auch ein einheitlicher Weg für die Behandlung
sich aufdrängen wird. Darauf müssen schon
heute unsere Gedanken gerichtet sein. Die
Judenheii in Palästina ist in Bezug auf
selbstverständliche jüdische Volkszugehörig¬
keit die stärkste in der Welt, aber sie ist
nicht die stärkste in Lezug auf materielle
und intellektuelle Leistungsfähigkeit. Ohne
die Hilfe der Diaspora kann die jüdische Ge¬
meinschaft Palästinas noch nicht existieren,
und die Diaspora ist — zumindest teilweise —
in einem Zustand der Auflösung und sucht
Richtung und Form. Es ist der Moment ge¬
kommen, wo die besten Köpfe der Juden-
heit sich zusammentun und die Vertretung
des Volkes übernehmen müssen. Dazu ist es
erforderlich, dass auch die palästinensische
Judenheit in höherem Masse als bisher ihre
Verantwortlichkeit für das Ganse empfindet
und nicht ihre innere Struktur ausschliess¬
lich von lokalen Gegensätzen und veralteten
Vorstellungen bestimmen läset. In dieser
Hinsicht kann die Diaspora auf Palästina
eine wohltuende Wirkung ausüben, indem sie
uns zwingt, angesichts der grösseren Pro¬
bleme die kleineren Differenzen zu Überwinden
oder zurückzustellen.
Die Diskussionen Uber unsere wirkliche
Lage und über die Voraussetzungen einer
sinnvollen Aktion haben gerade erst begon¬
nen. Wir haben das Gefühl, dass die Ver¬
bindung zwischen den einzelnen Gruppen der
Judenheit noch viel zu wünschen Übrig lässt.
Wir Juden Palästinas müssen unsere ganze
Kraft dafür einsetzen, eine gemeinsame Spra¬
che mit den anderen Judenheiten zu finden.
Dies kann uns erleichtert werden, wenn wir
uns bewusat werden, dass wir alle, wo immer
wir leben, noch immer den gemeinsamen
Spruch sagen: ..Knechte sind wir gewesen".
Dieses Gewesen»ein ist ein stärkeres Band al«
alles was uns scheidet, und so wie die ge¬
meinsame Knechtschaft, soll auch die ge¬
meinsame Freiheit uns stets vor Äugen
schweben. •
Di« Frage, wer die Vertretung der
Juden und ihre Führung nach aussen und innen
in dieser Zeit innehaben eoti, wird Ubers» eifrig
diskutiert Damit hingen wohl auch die Über¬
legungen susaummen, die in den letzten Wochen
an die Gerüchte über eine Umbildung der ioni*fl¬
iehen Mxtkutive geknüpft worden sind Dk jü¬
dische Presse aller Linder verfolgt mit Irttere»»*
die Vorgänge, die besonders durch einen Artikel
des Londoner ,Jewimh Chrunu lr" beleuchtet wur¬
den. Die Zeitung berichtet«, dann wegen Mei¬
nungsverschiedenheiten Uber die Führung der jü¬
dischen Politik in Palästina der Vorsitzende der
Palästina-Exekutive Ben Gurion, dessen Vor¬
schlag« Uber die Taktik gegenüber dem «ngli
sehen Weissbuoh nicht ehststiert worden sei«n,
«urückiutreten beabsichtigt; nach Meinung de«