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JERUSALEM
6. MAI 1940 miwrra
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HITLERS NACHFOLGER?
Offener Brief an Douglas Reed
Sehr geehrter Mr. Heed,
Ihre Bücher „Insanity fair" und „Disgrac«
abounding" haben grosses Aufsehen hervorge¬
rufen, und viele Leser — einer sogar von Palä¬
stina aus, wie Sie mitteilen — haben Ihnen be¬
stätigt, dass Sie zwei ausgezeichnete Bücher ge¬
schrieben haben, in denen nur Ihre scharf anti¬
jüdische Haltung Befremden und Gegnerschaft
hervorrufen müsse. Ich habe vor einiger Zeit
(in der „JWR" vorn 11. März 1040) eine Besprechung
von „Disgrace abounding" veröffentlicht, in
der ich darzustellen versuchte, dass zwischen
Ihrer national-sozialen Haltung und Ihrem Anti¬
semitismus kein Widerspruch besteht, dass viel¬
mehr alle Ihre Gedanken dem Kenner der deut¬
schen Verhältnisse aus den Anfängen des deut¬
schen Nationalsozialismus wohl vertraut sind.
Ich erinnerte an den „Tat-Kreis", in dem diese
Mischung von Nationalismus, Sozialismus und
Antisemitismus vor Hitlers Machtergreifung be¬
reits einen sehr ähnlichen Ausdruck gefunden
hatte. Als ich die Kritik schrieb, hatte ich das
alles mehr im Gefühl, als dass ich es exakt hätte
nachweisen können.
Und nun ist ein drittes Buch von Ihnen er¬
schienen, es heisst „Nemesis" (Jonathan
Cape Verlag, London), und es stellt Leben und
Ansichten Otto Strassers, des Führers der
„Schwarzen Front", dar. Sie sehen in diesem
Nationalsozialisten, der um seines Sozialismus
willen Hitler von 1930 an bis zum heutigen Tag
unter Einsatz seines Lebens bekämpft, den vor¬
aussichtlichen Nachfolger Hitlers, den
Mann, der wahrscheinlich einmal das Geschick
Deutschlands entscheidend mitbestimmen wird.
Und Sie stellen ihn Ihren Landsleuten als den
Mann vor, der seinem Programm und seiner Per¬
sönlichkeit nach geeignet ist, die Welt vor einer
doppelten Gefahr zu retten: Vor einem vorzeitigen
Friedensschluss, der Deutschland im Besitz sei¬
ner militärischen Machtmittel beliesse, und vor
dem Bolschewismus, dessen Aufkommen bei einem
völligen Daniederliegen Deutschlands wahrschein¬
lich wäre. Sie repräsentieren Strasser als den
Mann des Mittelwegs, der eine Revolution von
unten dadurch verhindern könnte, dass er das
soziale Verlangen des Volkes rechtzeitig von
oben her befriedigt, und der zugleich ein so guter
Europäer ist, dass sein Regime alle Gewähr für
die künftige Gestaltung eines neuen Europa
bietet.
Aus Ihrem Buch aber sprechen keineswegs
nur die kühlen Erwägungen eines Engländers,
der die in der Tat sehr notwendigen Erörterun¬
gen über ein neues Deutschland im Interesse
einer allgemeinen und dauernen Befriedung an¬
stellt. Aus Ihrem Buch spricht vielmehr ein
Parteigänger Strassers, der durch ihn oder auf
eigenem Weg zu der Ansicht gelangt ist, dass
eine bessere künftige Ordnung überhaupt durch
jenen Nationalismus sozialen Gepräges oder So¬
zialismus nationalen Gepräges zu vollziehen sei,
der dem deutschen Nationalsozialismus seinen
ersten Antrieb gegeben hat. Hier ist also klar
geworden, was nach „Disgrace abounding" nur
zu vermuten war.
Ihre Haltung zum jüdischen Problem gibt mir
die Veranlassung und das Recht zu einer Aus¬
einandersetzung. Sie missbilligen die Rassen¬
theorie wie die Methoden Streichers und Hitlers,
im übrigen aber billigen !Me durchaus die An¬
schauungen, die zu diesen Methoden geführt ha¬
ben. Sie sehen mit Strasser in den Juden „an
alten community, witli a fiercely anti-Gentile
religion... they have this inborn, overriding,
super-national, international, mutually anti-Gen¬
tile allegiance, they cannot claim, as they do
claim, the füll and unrestricted rights and Pri¬
vileges, and more, of the native-born Citizens."
Sie teilen auch die Ansichten der deutschen Na¬
zis über den unheilvollen Einfluss der Juden auf
das geistige und kulturelle Leben der Völker.
Man soll also die Juden zwar nicht in Konzen¬
trationslager sperren, aber man soll sie durch
gesetzliche Massnahmen am Rande der Völker
halten.
Ich will nun nicht etwa gegen diese Ansichten
polemisieren; das wäre sinnlos. Ich möchte nur
etwas über Ihre Kampfmethoden sagen und zum
Ausdruck bringen, dass Sie bei Ihrem Kampf
den berühmten „sense of fair play", den gerade
wir „aliens" bei den Engländern immer so be¬
sonders bewundert haben, stark in den Hinter¬
grund treten lassen. Ich jedenfalls war erstaunt,
nicht darüber, auch 'bei Ihnen solche Ansichten
zu finden, sondern darüber, sie in demselben Stil
und mit derselben Verzerrung der Wahrheit ver¬
treten zu finden, die ich bisher für eine deutsche
Eigentümlichkeit gehalten hatte.
Ich bin in Verlegenheit, wie ich das am besten
dartun kann, Schliesslich haben Sie drei Bücher
geschrieben, die voll sind von Angriffen solcher
Art. Auch nur eine Auswahl daraus müsste wie¬
der ein Buch füllen. Ich begnüge mich also mit
einem einzigen Beispiel aus Ihrem letzten Buch
und betone, dass es wirklich nur ein zufällig
herausgegriffenes Beispiel ist, für das ich eine
Unzahl anderer setzen könnte.
Der Fall Kurt Eisner
Sie schildern, an Hand von Strasser, das Auf¬
treten von Kurt Eisner, der damals vorüber¬
gehend in Bayern an der Macht war. „Eisner,
with long hair and beard, looked like the cari-
catures of a Ghetto-Jew. He was, in fact, by
origins a Polish Jew and spoke defective Ger¬
man; he had not been in the war, but had written
for the Socialist Vorwaerts. He was, therefore,
a Socialist. So was the angry man (Strasser)
listening from the gallery. This picture will per-
haps show the difference between one Socialist
and another Socialist." Und dann werden, nach
nochmaliger Betonung von Eisners galizischem
Akzent, einige Äusserungen von ihm wiederge¬
geben, mit denen er sich vor seiner Zuhörer¬
schaft dagegen verteidigt, ein „Saupreuss" oder
ein „Saujud' zu sein; es folgen einige Angriffe
Eisners gegen das deutsche Offizierskorps, das
selbst gut gelebt und das Volk in das Feuer ge¬
jagt habe.
Was bringen Sie liier eigentlich gegen Eisner
vor? Zunächst, dass er schlecht deutsch sprach.
Aber das ist unrichtig. Eisner ist in Berlin ge¬
boren worden und war ein äusserst gebildeter
Mann, der ein ausgezeichnetes Deutsch sprach
und schrieb. Richtig hingegen ist, dass er lange
Haare und einen Bart trug. Trotzdem sah er
nicht wie ein „Ghettojude" aus, was ich ob-
i jektiv feststelle, weil es in unserem Zusammen-
ihang wichtig ist. Viele Künstler und Intellektu-
' eile in dem Deutschland vor 1914 trugen sieh so.
: Er war nicht im Krieg, aber verschwiegen wird,
dass er bei Kriegsende 52 Jahre, also in einem
Alter war, in dem die überwiegende Mehrheit
der Deutschen nicht mehr an der Front gestan¬
den hat. Verschwiegen wird, dass Strasser, der
ihm kontrastiert wird, genau dreisslg Jahre jün¬
ger war. Diese unrichtigen oder halbrichtigen
Angaben, die alle zusammen — selbst wenn sie
richtig wären — noch nichts mit dem Sozialis¬
mus des Mannes zu tun hätten, dienen al90 zur
Aufreizung der Instinkte einer gewissen Leser¬
schicht. So vorbereitet, darf man ihnen offenbar
auch zumuten, was dann kommt. Wenn einem
sozialistischen Redner in Bayern als Argument
entgegengehalten wird, er sei ein „Saupreuss",
so spricht das doch für jeden denkenden Men¬
schen nicht gegen Eisner, der in seiner Antwort
diesen Unterschied bagatellisiert, sondern gegen
diese Zuhörer, die offenbar garnicht reif waren,
ein einiges sozialistisches Deutschland zu bilden.
Und wenn er dem Zuruf „Saujud" mit dem Hin¬
weis begegnet, dass auch Christus ein Jude ge¬
wesen sei, so kann .man eigentlich auch <Jarin_
noch nichts finden, was die verächtliche Art von
Eisners Sozialismus dartut. Bleibt sein Angriff
gegen die Offizierskaste. Aber wenn man eine
soziale Revolution im damaligen Deutschland
durchsetzen wollte (und zwar ganz gleich, wie
dieser Sozialismus nun im einzelnen aussah), so
musste er gegen diese Kaste durchgesetzt wer¬
den. Es gab nur dies: Soziale Revolution oder
die Wiederbefesügung dieser Schicht zur alten
Glorie mit all den Folgeerscheinungen, die die
Welt inzwischen kennengelernt hat. Auch Stras¬
ser und Sie wissen das sefrr .^enau. Wenn man
mit diesem Tatbestand die Art viergleicht, in der
Sie ihn darstellen, wird es erlaubt sein, von je¬
ner Kampfesart zu sprechen, die der v ^elt aus
dem «i deutschen Radio bekannt geworden- sein
dürfte. ,
Der jüdische Irrtum
Dabei hätten Sie es leicht gehabt, die Wahr¬
heit zu sagen. Die Wahrheit ist, dass das deut¬
sche Volk nach 1918 zu keiner- Art von Sozialis¬
mus reif und geneigt war. Es ist kein Zufall,
dass zum Schluss eben doch Hitler und nicht
Str asser gesiegt hat. Gewiss hat zu dieser Entwick¬
lung auch die Beteiligung des grossen Besitzes
beigetragen. Aber das wäre ohne Erfolg geblie¬
ben, wenn nicht auch auf die grosse Mehrheit
der nationalsozialistischen Partei die nationale
Parole stärker gewirkt hätte als die soziale. Das
mag künftig nach einem abermals verlorenen
Kriege anders werden, aber damals war es so.
Und vor dies Volk, das viel weniger an seiner
sozialen Ordnung als an dem verlorenen Kriege
litt, haben sich nun in der Tat. ausgerechnet Ju¬
den gestellt, um seine sozialen Schäden zu ku¬
rieren. Das allerdings war ein verhängnisvoller
Fehler. Diese Juden haben beides falsch einge¬
schätzt: Die Kraft des sozialistischen Gedankens
im deutschen Volk und die Rolle, die sie in die¬
sem Volk spielten. Sie hielten sich ehrlich für
Deutsche, und man sollte ihnen wenigstens zu¬
gute halten, aus was für einer Gedankenwelt
Männer wie etwa Eisner kamen, deren bewusstes
Werden in die Jahre des liberalen Deutschland
von etwa 1880 bis 1900 fiel. Sie, die auf deutschen
Gymnasien und Universitäten erwachsen waren
und von ihrem Judentum kaum etwas wusaten,
hielten alle Unterschiede für ausgelöscht, be¬
stimmt in den sozialistischen Kreisen Ihres Wir-