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JAHRGANG II / Nr. 19
JERUSALEM
13. MAI 1940
VK 71
DSCHAU
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Heute für Morgen
Von JULIUS LOEWY, (Tel-Aviv)
Mit diesem Artikel setzen wir die Diskussion über die jüdischen
Friedens-Forderungen fort. — Red.
Es hat sechs Jahre gedauert, ehe die West¬
demokratie erkannte, dass sie furia tedes-
fca mit der Waffe stellen muss, Ihr Entschluss
>var wohl eine peinliche Ueberraschung' für
tlen Natiöhälsözialismus, der sich sechs Jahre
lang daran gewöhnt hatte, Krieg gegen die
wehr- und waffenlose Minderheit zu führen,
einen Krieg, der in raschem Tempo zur Totali¬
tät erweitert wurde. Die Unterdrückung der
Juden, die Aufsaugung ihres Besitzes und Ver
mögens, wurde von Europa als „innere Angele¬
genheit des deutschen Volkes" anerkannt. Als
dann der Nationalsozialismus mit geschickt fi¬
nanzierter Ausnutzung antijüdischer Instinkte
sich in das innere Leben aller Staaten einzu¬
mengen begann, tat man so, als erkenne man
nicht die Gefahr; erst als die tschechische Staat¬
lichkeit. zersprengt wurde und dann die deut¬
schen : ' Methoden der Kriegführung sich in Po¬
len auslebten, fuhr die Demokratie aus ihrer
Lässigkeit auf und rief ihr „aux armes 1 '!
Juden als kriegführendes Volk
Mit allen anderen Völkern sind auch die
Juden in den Krieg hineingestellt. Wir entzie¬
hen uns nicht den Verpflichtungen dieses Zu¬
Standes, wir tragen alle Opfer mit und unter
den Toten, die für eine Neugestaltung der Welt,
für eine neue besser untermauerte Freiheit fal¬
len, sind auch Juden. Ihnen stand keine Armee
in überkommendem Sinne dieses Wortes gegen¬
über, sondern eine zum Judenmord erzogene
Horde. Nach den wiederholten Erklärungen
massgebender deutscher Individuen betrachtet
sich das deutsche Volk als im Krieg gegen das
jüdische befindlich. Das hat am 1. April 1933
Alfred Rosenberg im „Völkischen Beobachter'«
geschrieben, das hat Hitler 1935 auf dem'Nürn¬
berger Parteitag gesagt. Sein Kriegsziel in Be¬
zug auf uns ist zu einem guten Teil bereits er¬
reicht: Zehn Millionen Menschen, fünf Achtel
des 16 Millionen-Volkes der Juden, sind in Not
und Elend getrieben, ihr Besitz vom Staat ent¬
eignet, ihr Hausrat von Nachbarn verschleppt.
Wir haben bereits eine ansehnliche Kriegskon¬
tribution geleistet an Leib und Leben und Geld.
Es besteht für uns in jeder Hinsicht die Ver¬
pflichtung, uns für den Augenblick vorzuberei¬
ten, wo man wieder vom Frieden sprechen
wird. Wir haben Forderungen an die Welt
und wir müssen sie anmelden, als jüdisches
Volk, als jüdische Einzelmenschen.
Jüdische Forderungen
Es sind Forderungen, die auf die vergange¬
nen sechs Jahre zurückgreifen, und sol¬
che, die unsere Zukunft als Nation in Erez Is¬
rael und in der Golah betreffen, Forderungen,
die jedes Volk und jeder Mensch auf der gan¬
zen Welt als selbstverständlich aufnimmt: Her¬
stellung de*s Rechtszustandes vom 1. Januar
1933; volle Schadensgutmachung in rechtlicher
;und materieller Beziehung, Herstellung der vol¬
len und uneingeschränkten Freizügigkeit;
volle und uneingeschränkte Anerkennung der
erworbenen Rechte und Ansprüche aus Pensio¬
nen, Abfertigungen, Versicherungen; ausdrück¬
liche und öffentlich vollzogene Aufhebung aller
Jüderi&esetze; Einführungvon Straf Sanktionen
für jede Art von durch Rede und Druck betrie¬
bene Pauschalhetze vor einem mit Exekutivge¬
walt ausgestatteten internationalen Gerichts¬
hof, dem ein jüdischer Senat anzugliedern ist.
Dass solche Forderungen zu ihrer Durchfüh¬
rung Schwierigkeiten erzeugen würden, ist für
uns irrelevant. Wir tragen keine Schuld an den
Ereignissen.
„Freies Volk auf freiem Boden 44
Was wir als nationale Individualität anzu¬
streben haben, ist in dem Wort Zionismus
ausgedrückt: freies Volk auf freiem Land. Wir
brauchen nur aufmerksam zu verfolgen, was
Tschechen, Polen, Dänen, Norweger verlangen.
Was der künftige Frieden zum Schutz der klei¬
nen Völker, ihrer Staatlichkeit, ihrer handels¬
politischen und kulturellen Autonomie vorkeh¬
ren wird, muss auch für das jüdische Volk
gelten, das im Jischuw einen befugten Expo¬
nenten besitzt, dessen Führungsanspruch nicht
mehr in Frage gestellt werden kann. Diese
Stellung des Jischuws innerhalb der
jüdischen „Volkstümer" ist heute eine
ganz andere als noch vor sechs Jahren, als es
noch eine grosse und mitbestimmende jüdische
Position in Europa gab. Diejenigen, die sich
auf die oder jene Weise nach Erez Israel ge¬
rettet haben, werden dessen inne werden, dass
Palästina keine Drehscheibe ist, auf der die Ge¬
leise bald so, bald so gestellt werden.
Pflichten des Jischuw
Der Jischuw, die mit Zustimmung des Man¬
datsträgers und des Völkerbundes organisierte
Knesseth Israel, ist das aktiv legitimierte Zen¬
trum des jüdischen Volkes, wenn er es sein will
und wenn er versteht, welche Pflichten
ihm aus diesen Funktionen^ erwachsen, wenn
er zu" der Erkenntnis kommt, dass das "grosse
Unglück, das uns betroffen hat, sich nicht nach
dem Parteienschlüssel abgestuft hat. Der
Jischuw ist durch den Zionismus aus der Golah
entstanden. Er muss homogen werden, um
das Hinterland für die Leitung zu bilden, und
die Leitung hat, insolange sie durch die Um¬
stände verhindert ist, zur Gesamtheit zu
sprechen, dieses Hinterland in treuester Befol¬
gung der demokratischen Grundsätze über die
Sachlage, über ihre Pläne und Absichten stän¬
dig und öffentlich zu unterrichten. Sie
soll eine Kommission errichten, der Vertreter
der Einwanderer aus den Notstandsgebieten
angehören und die sorgsam eine Statistik der
erlittenen Schäden ausarbeitet und auch die
Adressen der in alle Welt Verstreuten sammelt,
um die Menschen via Erez Israel miteinander
zu verbinden : die Leitung hat ferner eine Ex¬
pertise über den Stand der zionistischen Orga¬
nisation, über die Mittel zu ihrer Neubele¬
bung, über Propaganda vorzunehmen und dann
sofort die Organisation wieder aufzubauen. Oh¬
ne Organisation wird die Leitung zu einer ab¬
gekapselten Monologen-Gesellschaft, ohne Or-
Der neue Ueberfall
Während diese Blätter in Druck gehen, ereilt
uns die Nachricht von dem Überfall Deutsch¬
lands auf Holland und Belgien. Obwohl dieses
Ereignis seit langem erwartet wurde, trifft es
uns doch mit Donnergewalt. Belgien und Hol¬
land gehören ebenso wie die Skandinavischen
Länder zu den letzten Bollwerken liberalen
Denkens in Europa. Es sind Länder von hoher
menschlicher Kultur, die verzweifelt versucht
haben, den Krieg von ihren Grenzen fernzu¬
halten, in einer etwas naiven Auffassung von
Neutralität, die angesichts der jedes Gesetz
missachtenden Macht in Deutschland ihren Sinn
verfehlen musste. Nunmehr sind diese blühenden
Länder Schlachtfelder geworden, auf denen sich
vielleicht das Schicksal Europas entscheiden
wird. Voll Entsetzen und Erschütterung ange¬
sichts dieser furchtbaren Zerstörung von Kul¬
turstätten, die zu den gross artigsten Leistungen
Europas gehören, gedenken wir zugleich voll
tiefster Sorge und brüderlicher Gesinnung der
jüdischen Gemeinschaften dieser Länder. Das
holländische und das belgische Judentum haben
eine alte und grosse Tradition; ebenso wie die
Länder selbst trotz ihrer Kleinheit stets eine
grosse Rolle in der europäischen Gemeinschaft
gespielt haben, so hat auch das belgische und
holländische Judentum trotz ihrer numerischen
Schwäche innerhalb der gesamten Judenheit
das grösste Ansehen genossen und einen ver¬
hältnismässig grossen Anteil an allen Werken
genommen. Seit Hitlers Aufstieg waren die bei¬
den Länder Zufluchtsstätten für die verjagten
deutschen Juden, und viele Tausende von
Flüchtlinge konnten sich dort, von vorn be¬
ginnend, e?ne neue Existenz aufbauen. In den
letzten Jahren, als eine freie Einwanderung
nicht mehr möglich schien, hat man trotzdem
den Hilfesuchenden ein Asyl gewährt und sie in
Lagern in Holland und Belgien untergebracht.
Es ist ohne weiteres klar, dass diese in Holland
und Belgien befindlichen Juden nicht nur die
Gefährdung aller ihrer Landesgenossen teilen,
sondern auch zusätzlich gefährdet sind im Fal¬
le des Vordringens des Nationalsozialismus
und seiner Agenten. In diesem Moment, wo die
Lage auf dem neuen Kriegsschauplatz noch un¬
durchsichtig ist, soll nichts weiter gesagt wer¬
den, als dass auch die Judenheit der gefährdeten
Länder sicherlich alle ihre Kräfte für die Ab¬
wehr des Feindes und für den Sieg der Alliier¬
ten einsetzen wird. Ein neues Glied der jüdi¬
schen Gemeinschaft ist von einer schweren
Heimsuchung bedroht und alles was wir tun
können, ist, die Zähne zusammenzubeissen und
in tiefer Solidarität mit all den Opfern und all
den Leidenden den Glauben an den Endsieg der
Idee der Freiheit bewahren.