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JAHRGANG II / Nr. 20
JERUSALEM
20. MAI 1940
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Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für
alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. —
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INFERNO IN WESTEUROPA
In wenigen Tagen hat sich in Westeuropa
eine der [grössten Tragödien der Geschichte
vollzogen. Das kleine friedliebende und kultu¬
rell hochstehende Holland wurde von der
Dampfwalze der deutschen Kriegsmaschine zer¬
treten. Was jeder Nicht-Blinde kommen ge¬
sehen hat, ist eingetreten. Die Schuld einer
unbegreiflichen Sorglosigkeit und völligen Ver¬
blendung, das Nicht-Erkennen des Teufels,
od er als Drache, als Schlange oder in schmeich¬
lerischer Lamms-Gestalt auftrat, die Bagatelli¬
sierung der Leiden anderer, solange man
selbst verschont blieb, kurz: die Preisgabe der
^oliebtiVetf' i Sicherheit aind den. Mangel an
Wirk&amen '"Vörkehrfungjen' tfür" den Ernstfall,
las alles hat sich so gerächt wie es sich
rächen rauhste. Das dunkle Kapitel der Ge¬
schichte, in das die Welt eingetreten ist, wird
viel länger dauern als manche meinen. Es gilt,
Unvorstellbares zu ertragen und sich mit Mut
und Zähigkeit zu wappnen.
Die „Fünfte Kolonne 11
\ Der brutale Angriff auf Holland und
;B e 1 g i e n, der seit Monaten erwartet und vor¬
ausgesagt wurde, zeigt deutlich, dass für den
„totalen Krieg" keinerlei Grenzen und
Hemmungen bestehen. Wir haben es mit einer
vollkommenen Neuerung zu tun, auch ver¬
glichen mit dem Weltkrieg 1914—18. Den Ver¬
tretern dieses neuen Geistes scheint alles er¬
taubt, was zum Erfolg führt. Nicht nur die
willkürliche Verletzung der Neutralität ist da¬
bei das Entsetzliche, sondern die Tatsache,
cjass unter dem Schutze dieser sogenannten Neu¬
tralität monatelang noch nach Ausbruch des
Krieges alle Vorbereitungen für den Hand¬
streich getroffen werden konnten. Das wich¬
igste Kampfmittel war die Wühlarbeit im In¬
dern. Jedem Beobachter war bekannt — und
anzählige Zeitungen haben es genau beschrie¬
ben — wie die Deutschen innerhalb der neu¬
tralen Länder auf alle mögliche Weise, durch
getarnte Touristen, durch Journalisten, Wirt¬
schaftler, Diplomaten, Dienstmädchen, einen
raffinierten Spionage-Apparat aufbau¬
ten, der bis ins Einzelne den Instruktionen der
-Propaganda-Zentrale des Dritten Reiches ge¬
horcht. Das wichtigste und wirksamste Kampf¬
mittel dieser Kreise war der Antisemitis¬
mus, denn er bot die Gelegenheit, mit den
Kreisen der Landesbevölkerung in Verbindung
zu treten und auch diese für die deutschen Zie¬
le einzuspannen. Dadurch wurde auch die Tat¬
sache des deutschen Agententums etwas ver¬
wischt: Nach aussen hin schien es oft, als ob
es sich zumindest teilweise um inländische
Gruppen handle. Man hat durch Terror und Be¬
stechung, durch freigebig verteilte Riesensum¬
men, sich eine Anhängerschaft geschaffen, die,
wie sich jetzt zeigt, unmittelbar für militärische
Zwecke bestimmt war. Auf diese Weise konn¬
te es gesphehen, dass der Krieg schon am zwei¬
ten Tager-die Form einer Art von Bürgerkrieg
annahm, mit Barrikaden in den Städten, die von
der Grenze weit entfernt sind, wo Fallschirm¬
truppen gelandet wurden, die sich offenbar auf
Spionage-Zentralen stüzten und sich mit früher
eingeschmuggelten Soldaten verbinden konn¬
ten. Wenn man bedenkt, welche Vorsicht"
dte meisten Länder gegenüber der Einreise jü¬
discher Flüchtlinge, gemarterter und verfolg¬
ter, asylsuchender Personen an den Tag legen
und wie relativ leicht es den Deutschen ge¬
lungen ist, ihre verräterischen Kolonnen in
alle diese Länder hineinzubringen, wird man
sich der ganzen tragischen Ironie, der Verblen¬
dung der Völker gegenüber der wirklichen Be¬
deutung des Hitler-Regimes bewusst. Dies gilt
auch heute noch für eine Reihe von Ländern,
die noch nicht in den Krieg verwickelt sind
und die wir besser nicht nennen.
Gegen eine Macht wie Hitler ist mit „Re¬
solutionen" nicht zu kämpfen. Er lacht darüber.
Er hat es selbst offen gesagt. In seinem Buch
„Mein Kampf" steht alles. Aber niemand nahm
es efhst... In Rauschnings Buch „Gespräche
mit Hitler" wird berichtet, welche Meinung
Hitler von der „bürgerlichen" Unentschlossen-
heit, Vertrauensseligkeit, Wirklichkeitsblind¬
heit hat. Bisher hat sich alles bestätigt. Im
entscheidenden Moment, nach dem Einmarsch
ins Rheinland, hat man Hitler einen „Frage^
bogen" überreicht, den er in den Papierkorb
warf. Noch drei Jahre später hat man nicht
gewusst, mit wem man es zu Jun hat. Dann
aber> nachdem die deutschfei Kriegsmaschine
sich enthüllt hatte, gab es für die kleinen Län¬
der nur noch die Angst, mit der Hitler ge¬
rechnet hatte. Oderint, dum metuant! ist sein
Wahlspruch: Mögen sie "hassen, wenn sie mich
nur fürchten! Das alles hat er zu Rauschning
gesagt, und es ist seit Monaten gedruckt in
allen Sprachen, aber Länder wie Holland und
Belgien haben keine der verbündeten Armeen
ins Land gerufen, die sie hätten schützen kön¬
nen. Sie haben den Flughafen in Rotterdam
nicht den Engländern überlassen, daher haben
ihn die Deutschen genommen. Neutralität die¬
ser Art war Parteinahme für Hitler, ganz
wie er es gewünscht hatte, in seinem berech¬
tigten Vertrauen auf die Gedankenlosigkeit sei¬
ner Gegner. Und die Vereinigten Staaten schik-
ken Protestresolutionen statt Flugzeuge.
Praktische Nächstenliebe
Das Schicksal von Belgien und Holland ist
uns Juden aus Deutschland ein Anlass zu be¬
sonderer Trauer und stärkstem Mitgefühl. Denn
diese beiden Länder (selbstverständlich gehört
Luxemburg dazu) haben sich in der Zeit der
grössten Not der deutschen Juden menschlich
und grossdenkend erwiesen. In einer Zeit, wo
— nach einem freilich erst in allerletzter Zeil
gefundenen Ausdruck Chamberlains — die „Be¬
stie los war", haben die Regierungen und die
Völker von Holland und Belgien ihre Hoch¬
herzigkeit und menschliche Hilfsbereitschaft
gezeigt. Gewiss gab es angesichts der Klein¬
heit dieser Länder Grenzen für ihre Leistung»,
fähigkeit auf dem Gebiet der Flüchtlingshilfe,
als der Zustrom der Verjagten alle Dämme zt»
überfluten drohte; aber selbst dann hat man
die Anwendung der notwendig gewordenen ge¬
setzlichen Beschränkungen mit einer gewissen
Grosszügigkeit gehandhabt.
In der Stunde der Not, in der zusammen mit
den hochgebildeten, lebensfrohen und kunst¬
liebenden Völkern Hollands und Belgiens auch
die zu diesen Staaten gehörenden Juden und
ausserdem die wohl an die 50.000 zählenden jü¬
dischen Flüchtlinge aus Mitteleuropa von
schwerstem Schicksal getroffen sind, muss aus¬
gesprochen werden, dass wir Juden diesen Völ¬
kern nie vergessen werden, was sie uns
in einer fürchterlichen Krise Gutes erwiesen
haben.
Dabei erfüllt uns der Gedanke an die in Hol¬
land und Belgien lebenden jüdischen Flücht¬
linge mit besonderem Entsetzen. Denn zu allen
Schrecken des Krieges treten für sie noch die
Schrecken einer etwaigen Rückversetzung un¬
ter die Nazi-Herrschaft, der sie entflohen waren.
Tausende von Angehörigen der verbündete»
westlichen Völker fallen im Kampf bei der
Verteidigung der bedrohten Gebiete und es wi¬
derstrebt uns, gegenüber diesen furchtbaren
Opfern unsere Spezialsorgen hervorzuheben.
Und doch wird jeder verstehen, dass es sich
bei dem Judenelend unter Nazi-Hand noch um
etwas anderes handelt, als was die Geissei des
Krieges jedem Volke bringt.
Das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge ist
bis zur Stunde nicht bekannt. Dafür gibt es
jetzt für die Holländer und Belgier selbst ein
Flüchtlingsproblem von unübersehbarem Aus-
mass. Sic fliehen selbst vor den einbrechenden
Nazi-Horden nach England und Frankreich.
„Innere Angelegenheit"
Angesichts der Schlachten, die jetzt im Gan¬
ge sind, ziemt es sich nicht, auf Vergangene*
zurückzugreifen, aber wir Juden empfinden mit
aller Macht ,dieJTragikj die darin liegt, dass die
Welt das Schicksal der Juden als eine abgeson¬
derte Sache für sich sehen wollte und als „in¬
nere Angelegenheit" Deutschlands behandelte,
ohne zu erkennen, dass es sich hier im Grunde;
um einen Teil der deutschen Aufrüstung
handelte, um die Schaffung einer Waffe,
die im internationalen Kampf gegen andere
Mächte nicht weniger gefährlich war als Bom¬
ben und Kanonen. Nur ganz wenige Menschen
haben das erkannt, waren aber machtlos gegen¬
über dem Ruhebedürfnis derer, die sich nicht-^
stören lassen wollten. Die Juden aber, die
die Wahrheit wussten, konnten eine Funk¬
tion als Warner nicht erfüllen, weil man mein¬
te, sie verträten nur eigene Interessen und be¬
mühten sich, diese mit anderen Motiven zu vei-
koppeln. Die Nazi-Propaganda, die die Juden
als die „Kriegshetzer" bezeichnete, hat in die¬
ser Beziehung auf der ganzen Linie Erfolg ge¬
habt: sie machte sozusagen die jüdischen War¬
nungen unschädlich und bestärkte die Völker
in ihrer unbegreiflichen Sorglosigkeit. Und
trotz allem was bereits geschehen ist, dürfte
sich daran bei jenen, die noch für freie Entschei¬
dungen in Betracht kommen, nicht viel ändern.
Das zeigt sich am deutlichsten in der Haltung
der Juden in Amerika. Die offiziellen In¬
stanzen des amerikanischen Judentums wett¬
eifern darin, zu betonen, dass sie „gegen eine
Einmischung Amerikas in den Krieg" seien. Sie
fürchten offenbar nicht nur, gegen die allgemei¬
ne Volksstimmung aufzutreten, sondern sie
fürchten auch, etwas zu tun oder zu sagen, was
von der Volksmeinung als eine Bestätigung
der durch Nazi-Agenten in das amerikanische
Volk hineingepumpten Auffassung dienen könn¬
te, dass die Juden Amerika in den Krieg hetzen
wollen. Diese Propaganda gegen die Juden als
Kriegshetzer hat gerade in Amerika ungeheure
Dimensionen angenommen, nicht so merklich
in den Kreisen der Gebildeten, dafür umso
wirksamer in den dumpfen Schichten der ano¬
nymen Volksmassen, deren Stimmung immer