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Nationalzeitung
Nr. Öl»
notgedrungen auch die uxiteiic Konsequenz, daß
m den jüdischen Wahlkreisen nur Juden urD,
immer das Grundprinzip im '/luge lxhaltend,
nur solche Juden gewählt, wenden könin>en, die
gewillt sind, das Judentum in imtionalem
Sinne zu vertreten. Professor GlMnbinAky
irm da'hen, wenn er konkludiert, daß m jüdi-
scheir Wahlbezirken auch Nichts üben oder sdlche
Juden>, die sich als Polen beken-nieir, einen
Anspruch auf ein Mandat hätten. Hingegen
können wir es uns ga-nz gut denken, daß rein
politische Wahlbezirke auch Polen, mosaischer
Konfession in den, Reichsrat entsenden,, genau
so, wie Polen protestantischer oder anderen
Konfession, wenn ce solche gibt. Tie Wahl¬
bezirke tragen zunächst nationalen, Cha¬
rakter und 'daher kommt es bei dem Kandi¬
daten auch zunächst auf sein nationales
B e k e n n t m i £ und nicht auf sein ko-n-
fessionelles an.
Däs ist die eine Seite der Medaille! SÄ
hat aber auch eine Kehrseite! Wir haben- be¬
reits eingangs dieser Ausführungen betont,
daß »das allgemeine, und gleiche Wahlrecht
innerhalb der einzelnen^ nall'o,naieln Griuppm
die sozialen und wirtschaftlichen Diffeveinzievun-
gen, die in jeder Volksgemeinschaft vorhanden
sind, zur Geltrmg bringen werde, und daß
daher Flagen nichtnvtioualen CharrrMrs- denk¬
bar sind, in denen! Mitglieder derselben, Nation
gegeneinander stimmen-. Eine vernünftige
jüdische Politik -würde -auf dieses politische
Kardinalgesetz jedenfalls- Rücksicht nöbmen, sie
würde bei der 'ersten nationalpolitischeni Aktion
Gewicht darauf logen, daß alle Schattierungen
innerhalb dev nationalen Bewegung' eine Ver¬
tretung erhalten. Die offizielle Leitrmg der
jüdischnationalen Wahlbewegung hat diese
Rücksicht nicht geübt. Wir wollen, jetzt nach
den, Ursachen dieses unpolitischen Vorgehens
nicht forschen', wir konstatieren bloß den
Fehler, und! konstatieren du unheilvollen Kon-
sequengen', welche er bereits gezeitigt hat: die
„Poale Zion,", -die Avantgarde der jüdifch-
nati'onalen WaWeformbewegung, halben be¬
reits die offizielle Erklärung abgegebm, daß
sie diese Mandatenpolitik nicht mitmachiein. Wir
können! ihren Standpunkt begreifen! Man
kämpft, wenn, man ehrlich denkt', nur für Prin¬
zipien! Man kann auch für! Personen kämpfen,
wenn, man 'die Gewähr hat, «daß diese Personen
die Eignung besitzen, -mich alle Schichtungen den
nationalen. Einheit zu! begreifen und, deren
Sonderintocessen zu vertreten, . . .
Wir werden-, nuferem alten Programm
entsprechend, auch bei den, nächsten. Wählen, die
Werbungen der nationalen Kandidaten gegen
diejenigen- der nichtnationalen mit allem! uns
zugebote stehenden- Einfluß unterstützen, aber
seinem Fuß ein armes Würmchen auf dem
Boden zertreten.
Mit einer Stimme, aus der das Selbst¬
bewußtsein sprach, rief der Rabbi seinem
schadenfrohen Gegner zu: ,Sag' an, du
Engel des Bösen, wo sind die Frevel, die
Todesstrafe erheischen? Kannst du meine
Sohne des verruchten Mordes anklagen?
Haben sie sich so schändlichen Raubes schuldig
gemacht? Kannst du meine Kinder des sünd¬
haften Ehebruches zeihen? Gehe hin auf
Erden, suche schwerere Sünden! nur wofern
du solche bringst, sollst du siegen!"
Satan eilte von dannen. Aber bald
kehrte er mit leeren Händen zurück. Doch
wehe! die Wagen waren verschwunden!
Schon schlug die Stunde des Gerichtes,
schon stößt Gabriel in das Horn und Satan
trägt seine Klage vor: „Der Rabbi hat mich
bestohlen!" Dieser gestand. Nochmals stieß
Gabriel in das Horn und verkündete das
Urteil: „Der Rabbi Mendel ist schuldig! er
zahle zweifach!"
„Gott ist gerecht, seine Torah ist Wahr¬
heit", ließ sich der Rabbi vernehmen. „Allein
ich bin arm und kann nicht zahlen!" Nun
verkündete der Gerichtsbote: „Der Rabbi
Mendel wird verkauft!"
Bald erschallte wieder der Schofer und
laut verkündete der Herold: „Gott, der
WmmMmrl
mmm
wir werden nicht aufh-öveü, auf die verhängnis¬
volle Taktik hinzuweisen, welche eine einzige
Gruppe iml jübischmiionälen Lag-er — von, dev
es, nebenbei bemerkt, noch nicht einmal! sicher
ist, daß sie die Majorität bildet — tagtäglich
zum Schaden dev G-efalniheit übt, indem, sie
ganz mit Unrecht! behauptet: „Le mtimmlisme
c'est -moi!" Wir können dies um s-o, leichter
und mit um so mchr Nachdruck tun, als toir
nach keiner Seite hin, engagiert sind, und auch
keine eigenen, Kandidaten haben.
Zur Wahlreform in der
KultusgemeinLe.*)
Es ist vielfach bemerkt worden, daß im
praktischen- Leben, geralde die einfachsten Fo-rde-
timgert, der Billigkeit den meisten Schwierig¬
keiten. begegnen. Das erste Axiom der Geo¬
metrie: „Me'gerade Linie ist zugleich auch die
kürzeste", will vom modernen Löben allzu
häufig nicht! ohne weiteres als unumstößliche
Wahcheit hingenommen werden. Die Ursachen
hierfür sind mannigfacher Natur, und in erster
Reihe wären sie vielleicht in der Verschieden¬
heit der Interessen zu suchen — jener fein-
gefponneuon modernen Interessen«, die, ohne
mit ben Grundsätzen der Wahrheit in öfsentz
lichen. Konflikt treten zu wollen, sich jedoch
durchaus zu behaupten, suchen.
Kein Wunder daher, daß im Zeitalter der
Elektrizität Und des freien, Aufschwunges des
Gedankens oft ein, riesiger Mut dazu gehört,
für' das elementarste Recht emzutvcken. Auch
ist ein guoßes Maß von Umficht beim, Ver¬
künden dieses Rechtes wirklich notwendig, da
die komplizierten Ldbensbedi-ngun-gen dev Neu¬
zeit eine schablonicn,hafte Anwendung, von theo¬
retischen, Forderungen gar nicht zu-lafsen,. Und
somit wird den verschiedensten Erwägungen
und Betrach,tu,n-gen freier Raum geschaffen,
selbst in Fragen, die auf den ersten Blick mit
einem Schlage zu lösen, wären.
Herr S. Meisels war der erste, von
dem die Anregnug zur Einführung des allge¬
meinen Wählrechfes in dev KstUusgem-eirlde
ausgega,n-gen- ist. Tiefe Anregung fand viel¬
seitig freundlich,e Aufnahme, und die Herren
B-ezirksvertra'u-ensmänNer der Kultu-sgemeinde
schenkten ihr die größte Beachtung. Wer
Herr Meisels stellte zugleich ein System, auf,
nach welchem die .Neuwahlen in den Kultus-
Vorstand vor sich gehen sollten. Auf Grund
dieses Systems wären die Wahlen- wohl
allgemein e, j e d o ch k e i n e gleichen
g e w e s -e n. Herr Meisels schlägt die B e i -
'*) '.Siehe Mation,alzeitung" Nr. 56.
b e h a l t u n g Ä e r K u r i e der H ö h e r -
b e st e u orte n vor. Er sucht den Uebel-
ständen der jetzigen Wahlordnung, in, der die
Höherbesteuerten gar doppelt wählen,, durch
-das Heranziehen, von neuen Elementen, durch
'das Entfallen der doppelten Wahlen, und dw
durch aus dom, Wege zu gehen, daß er die
Mandatszahl von acht Mitgliedern, also nur
den sechsten Teil der in- Volfichiag gebrachten
Mandate, für die Hochbesteuerten, in- Anspruch
ui'mmt. Die Rechte der Minderbemittelten er¬
scheinen, somit gesichert, bei eine Majorität der
Reichen iin vorhi-nein- ausgeschlossen wird. Im
übrigen evfneu-en sich alle Juden- Wiens des
aktiven, wie des passiven Wahlrechtes, diejentz
gen, ausgenommen, die in, der Wah!lperiod>e eine
Unterstützung oder eine Gratis'leistung seitens
der Ku-ltusg-e!lnein>de bean,spruch,t haben,. D-io
letztere Einschränkung ergibt sich als unmittel¬
bare Konsequenz aus jen-em, Standprmkte, aus
welchem, Hein Meisels überhaupt das Wahl¬
recht für die Nichtbesteuerten, fordert,, nämlich
aus der Tatsache, daß auch diejenigen, die
keine direkten Steuern an die Kultusgemeinde
leisten', zur Erhaltung derselben Geldsummen
beitragen, in, der Form von Gebühnenien'trich-
tung für verschiedene Reli-gionsleistn'ngsn,. Herr
Meisels vertritt, streng genommen, den alten
Grundsatz: „Ohne Sleu-ern keine Wähler, und
wer mehr zahlt, genießt Vorrechte."
Dieser Umstand machte für viele Anhänger
einer Wahlreform in der Kultrisgemieinde den
Vorschlag des He-rrn Meisels schwer akzep¬
tabel. Die starren Demokraten' mußten d-avo-r
zurückschuecken, daß- auch, das neu einz-uführenide
Wahlsystem von Steuern 'abhängig gemacht
werde, sei es von direkten oder indirekten
Steu-ern. Und wirklich erhoben! sich hie und da
Sti-mmen gegen, diesen Vorschlag, Namentlich
gegen die Belastung der, Kurie der Höhevbe!-
steuevten' aus' der Mitte der oben, erwähnten
Bezirksvertrauensmänner de,ri Kultusigemeinde.
Aber das ist äben einer derjenigen Ko-n--
flikt-e zwischen! der sozusagen, „mathematischen!"
Moral und- dem! praktischen Leben, die nicht
außer acht gelassen, werden! 'dürfen.
Der Vorstand in. der Kultusgem-einde stellt
eine legislative Körperschaft dar, wie dies bei
-der allgemeinen, Volksvertretung der Fall ist.
Herr Meisels- faßt ihn, eher als' ein- Geldver-
waltungsorgan auf. Das Verdienst des Herrn
Meisels besteht d-a>ri-n, daß, er auch denjenigen
Juden,, die bisher als absolute Nichitfteuiorzahlvr
galten, das Recht' einräumt, den Vorstand der
Ku-ltnsgemeinde zur Rechenschaft zu! ziehen,
'eventuell bei den- Wahlen, i!n, denselben en,t-
scheidenkd zu wirken,. Dabei verlangt er keine
Legitimation dafür, daß diese Juden- in! der in
Betracht! kom-m,enden- Wahlperiode indirekte!
Welten Herrscher, hat den Rabbi Mendel zu >
seinem Knecht gekauft!"
Momentbilder ans den Tagen
der Dnma.
Die Mission'des Rabbis war erfüllt, seine
Seele kehrte aus den lichten Höhen in die
irdische Hülle zurück, und mit lauter Stimme ,
fuhr er fort die bekannten Worte der schönen !
Hymne zu beten: „Koneh awodow badin." *)
Möchte dieser willkürlich aus dem großen
Schatz der jüdischen Märchenpoesie heraus¬
gegriffene Edelstein mit seinem heiligen Feuer
die Sehnsucht nach immer gründlicherer
Kenntnis aller nationalen Schätze des jüdi¬
schen Volkes, und besonders in der Jugend
.den Sinn für echt jüdische Volkspoesie und
Weltanschauung wecken.
Diese Stimmen aus der Vergangenheit
finden ein Echo in jeder warmfühlenden
Brust, sie verbinden uns mit den Vätern
und leiten hinüber zur Hoffnung auf die
Verwirklichung der nationalen Ideale durch
unsere Kinder, denn sie sind aus Schmerz,
Hoffnung und Vertrauen auf die Mission des
großen, auserwählten Volkes gewoben.
Jakob Chill.
•) Gott kauft feine Knechte beim Gericht.
'Eine kleine Stadt m-it engen Gassen. Arm¬
selige jödische Gesch-älfte und Hanbm-erlkeMlden,
kleine gralue Buden.
Bei jedem Iltemizug fühlt man den Druck,
der über 'diesem- Elend' la-stet. Illleinihervscher ist
hier der Polizist, der PriMw. Beim Glaise Wein
eNzäh-lt er isöinen guten. FrennideW -von den Wider-
Mä-r-tigkeiten des Polijzei-daiseins.
Es ist gar keine Dankbarkeit von büsem
Pölbe-l AN erivarten. In anderen Städten, hätten
die !J>NdeNhehen einschüchtern-d gewirkt — 'nber-
'ha'uipt, ein ,-bewährtes Mittel, diese Pogroms"...
Es schlängelt sich durch die Stadt, das Wvrt
des allmächtigen Pvi-staw, und wie eine schwere
Wolke hängt die Evroartung -über den lschmalen
Gassen. -
Diunkle Gestalten zeigen- sichl -h-ie und da —
man 'flüstert leise. In den Nachbarstä-dten soll es
so viele Tote u-nd Veriwumdete gegeben haben.
Und der P'ri'stmv sagt, daß es auch hier — auch
hier -zunr Pogrvrn -komme» muh. Die J-nden
seieu an „a-ll>e-m" schuld....
Eilig schließen sich die Läden u,n-d eine fie¬
bernde Hast geiht durch die enge», Gassen«. Ge-
-beug'te Mäluier nttd bleiche Brauen, Kinider mit
ängistlichem' Blick. -Es ist als zitterte die Luift.
pollenr
ectite
besonn-Zcluveizzdlättet
Mm\\ MW
••mrtfleait!