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Redaktion: IX/l, Servitengaste 4.
Telephon Nr. 147*3.
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Telephon
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Ur. 9
Wien, 3. Mörz 1905 (26. Ad-rr 5665).
VII. Jahrgang.
Vov einigen! Tagen hat der ckristlicksonale
Clown Schn>ei!der sein Publikum in Simmering
mit den bekannten! Hanswurstiadeiti erheitiekt.
Es liegt uns fern-, ans Albernheiten einzu¬
gehen, die nichts anderes auslösen können- als
das Gefühl des Bedauerns für das zerrüttete
Hirn, dessen Produkte sie sind. Wir glauben
auch die „Abwehr" d-er Schneider,scheu Angriffe
jenen Kreisen, überlassen' zu dürfen, die, in Ab-
wchrcvktionen den höchsten Ausdruck politischer
Energie erblicken. Aber wir erachten! es als
unsere Pflicht, darauf hinzuweiseu, daß der
grenzen lose Wutausbruch Schneiders nur er¬
folgen! konnte gegenüber einer Judeuheit, die,
irr allen möglichen! Lagern zerstreut, ihres
Volkstums vergaß, gegenüber jüdischen! Poli¬
tikern, denen nichts ferner liegt als die Ver¬
tretung der Interessen des eigenen Volkes.
Nur weil die Versammlung iu> Simme¬
rings für die Lethargie der jüdischen Politiker
bezeichnend ist!, wollen wir sie zum Ausgangs¬
punkt unserer Betrachttmigcu machen-. Und
nicht, daß Schneider so« llugebührliches, Ab-
struses redete, sondern! daß es noch! immer in
Wien, in diesem! Lager der Geister, Leute gibt,
die mit innigem B-ehageni den Gei-stes-exkvemcn-
iert. eines Tollhäuslers lauschien-, siirden wir
bedauerlich. Während wir aber zu geben
wollen-, daß keine Kraft der Erde das Auf¬
tauchen- von gemeingefährlichen! Geisteskranken
ai la Schneider verhi-ndem köirnte, sind- lvir
dessen! gewiß, daß auch in den reaktionärsten
-arischen Bevölkerungsschichteu eine- gewisse
Feuilleton.
Jüdisches Miirenatentrrm.
Daß nicht nllr für schöngeistige Bestre¬
bungen, sondern auch für bildende Kunst in
beit Kreisen der wohlhabenden Juden Inter¬
esse besteht, ist eine bekannte Tatsache. Wäh¬
rend die Begeisterung der „Gesellschaft" für
Werke der bildenden Kunst gewöhnlich nur
eine platonische ist, finden sich die so gern
bespöttelten jüdischen Snobs auch daztt bereit,
Ktntstwerke ztt k a u f e n.
Aus welchen Motiven heraus dies ge¬
schieht, ob aus Eitelkeit oder aus wirklichem
Interesse für die Kmtst, ist gleichgültig, da
der Effekt — das Kaufen der Kunstwerke —
die Künstler und die Kunst fördert. So
wird erzählt, daß der jünst verstorbene
Menzel sehr viel jüdischer Förderung zu
verdattken hatte. Die meisten seiner Werke
befinden sich artch heute noch im Besitze der
jüdischen haut6 flnance, wenn man von den
in öffentlichen Sammlungen befindlichen Bil¬
dern absieht, und namentlich in der Zeit,
da der Künstler noch nicht auf der Höhe
seines Ruhmes stand, wurde von Juden
manches seiner Werke zu guten Preisen
gekauft.
Die „Allg. ZtH. des Judentums", die
an dieses Verdienst silbischer Mäeene an der
Entwicklung Menzels erinrtert, weiß ihre be¬
zügliche Notiz nicht anders zu beschließen,
I Achtung! unseres Volkstums Platz greifen
und Versammlungen. wie die in Simmering
unmöglich würden, wenn! lvir selbst als na¬
tionale Phalanx den von- allen Seiten! auf uns
losstürmenden Angriffen gegenübcv ständen.
Wir wissen! sehr wohl, daß die gefährlichen
Vertreter des Antisemitismus nicht die Schreier
und Tober, sondern, die im. stillen, von „wissen¬
schaftlicher" Platform herab wirkenden. Fak¬
toren sind-. Denn- Schueidoriäden können! nur
dort Erfolg haben, Ivo das Terrain von- den
„wissenschaftlichen" Antisemiten . vorb-ereitet
worden ist. Wenn aber die Inden national
organisiert wären, würden, unsere Gegner uns
nicht Schneider, Bielohlawek und Konsorten
gegenüberstellen, mit denen zu kämpfen schon
aus ästhetischen! Gründen unmöglich, ist, son¬
dern. Leute, die, selbst auf nationalem- Stand¬
punkt! stehend, für. unsere Forderungen
wenigstens ein teilweifes Berstänidinis hätten-
Wir wollen! davon! abseheu, daß der reichs-
d-erltsche Schneider, der Gras Pückler, unmög¬
lich wurde, weil das Volk die Lächerlichkeit
seiner Ersch>ein>ung erfaßte und wir Huben zu
viel demokratisches Empfinden, um angesichts
der politischen Unreife der Völker Oesterreichs
trach dom Staatsanwalt ztl> rufen-, weil ein
Hanswurst in- der Ausrottung der Juden die
Lösung des sozialen! Problems erblickt. Aber
wir können nicht umhin, als- in der Tatsache,
daß ein, Schneider noch immer beifallsbcreite
Volksmassen- für seine llng.eheu-erlichkei.ten
findet, ein trauriges Zieich-en der Zeit zu. sehen,
und- wir sehen uns gedrängt, es auszusprechen,
daß trotz aller scheinbaren Freiheiten! die St¬
als indem sie bemerkt, ,es verstehe sich von
selbst, daß Monzel einer der entschiedensten
Gegner des Antisemitisnnts war". Wir
möchten an die Feststellung dessen, wie sehr
die Kunst Förderung durch jüdische Mäeene
erfahre, eine andere Beobachtung knüpfet!:
nne jüdische Mäeene es ihrer gesellschaft¬
lichen Stellung schuldig zu sein glauben,
von jedem tun einigermaßen bekannt gewor¬
denen Künstler Bilder im „Salon" hängen
zu haben, und wie, von denselben Mäcenen
unbeachtet, begabte jüdische Künstler darben,
weil inan sieh ihrer, die doch desselben
Stammes und Bltttes sind, nicht annehmen
zu müssen glaubt. So gibt es hier in Wien
eine ganze Reihe trefflicher jüdischer Künstler,
deren Werke in den Ateliers bleiben, weil
sie sich nieder der Förderung der vielleicht
verjudeten, darum aber um so ängstlicher ihr
Judentum verbergenden Presse erfreuen,
noch von den jüdischen Mäcenen begönnert
werden, da diese sich ihrer Stammesgenossen
offenbar schämen. Wenn darum die „Allg.
Ztg.desJudeittums"freudig erregt ist darüber,
daß Menzel die Freigebigkeit jüdischer Gönner
damit quitterte, daß er ein Gegner des Anti¬
semitismus wurde, so müssen wir sagen, daß
wir von Herrn Menzels nobler Gesinnung zwar
wohltuend berührt werden, von den jüdi¬
schen Mäeetten aber mehr fordern, als den
Antisemitismus unter den Künstlern aus-
zurotten. Wir fordern von den wohlhabenden
Juden, die das Bedürfnis haben, künstlerische
Bestrebungen zu fördern, daß sie in erster
tuallon sii-r uns Juden kn Oesterreich nie eine
ernstere war als jetzt. Wo! haben, wir Juden
aufrichtige Freunde, wo- körmsn wir aufrichtige
Freunde haben-? Selbst die Sozialdemo¬
kraten- Oesterreichs, die jüdischem Geist und
jüdischer Ausopferungsfähigkeit so viel ver¬
danken, stehen speziell jüdischen Forderungen
und! Interessen sem-dlich gegenüber. Dürfen
wir angesichts einer solchen. Situation noch
länger die Diener der verschiedentlichsteu Inter¬
essen fein-, dürfen lvir, uns auf prinzipielle
Gegensätze berufend-, noch, länger künstlich
Scheidewände zwischen- uns- auf richten? Di e
Antwort ist für jeden denkenden und empfiw
-denden Juden von selbst gegeben. Wir müssen
uns- n a t i o n a l organisieren. Nicht nach
trennenden. Prinzipien uns zu scheiden liegt uns
ob, sondern das uns allen- Gemeinsame müssen
wir suchen, um unser aller Interesse zu wahren.
Der ungemein lesenswerte dritte Bericht
des Hilfsvereines der -deutschen Juden, der uns
soeben- zugeht, beschäftigt sich auch! in, ausführ¬
licher Weife mit der Lage der Juden in Galizien
in bezug auf ihre gewerbliche Tätigkeit. Es
heißt in diesem Berichte:
Die Lage der galizischen Juden hat sich im
abgelaufenen! Jahre nicht wesentlich geändert;
sie ist eine gleich! traurige und bejammerns¬
werte- sowohl in politischer als- auch- in ökonomi¬
scher Beziehung. Der Antisemitismus
tritt unverhohlen in der Landes verwaltu n g
Linie jüdische Kunst und jüdische Künstler
fördern.
Wie wenig am Platze die fast sinnlose
Sucht ist, berühmte Künstler ztt fördern, um
sich im Glanze eines aller Welt anoneierten
Mäcenäteututns zu sonnen, zeigt eine Mit¬
teilung, die mts Herr D. H. aus Gorlice
macht. Es handelt sich um bett bekannten
Pianisten Paderewski, dessen Künstler-
schaft gewiß nicht angezweifelt werden soll,
dessen Verhalten uns Juden gegenüber
indes kaum derart ist, um die Gunst, die
ihm von jüdischer Seite entgegengebracht
wird, gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Pade-
rewski besitzt itt Polen das Gut Ciezkotvice,
von wo er alle jüdischen Arbeiter und An-
gestellten entfernte, indem er bei Verpachtung
des Gutes dem Pächter die Bedingung
stellte, feinen Juden int Bereiche des Gutes
ztt dulden. Nicht einmal die elende Dorf-
schenke darf einem Juden überlassen werden,
trotzdem diese Schenke seit altersher sich in
jüdischen Händen befand. Und trotzdem
fühlen sich die jüdischen Millionäre glücklich,
zum Ruhme und zur materiellen Wohlfahrt Pa-
derewskis auch ihr Scherflein beitragett ztt
dürfen, trotzdem derselbe Paderewski mit
dm unlautersten Mitteltt seine jüdischen
Kollegen zu schädigen trachtet, nne unlängst
in Cincinnati den jüdischen Pianisten d'Albert.
Und nutt, ttach dieser Abschweifung zur
bildenden Kmtst. Wir werden demttächst Ge¬
legenheit haben, in einer Serie von Feuille¬
tons aufzuzeigen, daß hier in Wien eine