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Jüdisches Volksblatt
Nr. 51
ein häufigerer Ideenaustausch nötig geworden
ist, als dies durch ein Wochenblatt ge¬
schehen könnte.
Diese Tatsache bewog uns oom Beginne
des Kalenderjahres 1906, unter nunmehr
geändertem Titel zweimal in der Woche
zu erscheinen.
Unser Blatt wird das erste und einzige
jüdische Blatt in Oesterreich und Ungarn sein,
das zweimal wöchentlich erscheint!
Es sei noch bemerkt, dab die Leitung
der Nedaktion in den Händen des bisherigen
Eiaentümers und Schriftleiters bleibt, daß
wir aber unseren Nedaktionsstab durch eine
Anzahl hervorragender Publizisten erweitert
haben.
Der Bezugspreis beider Mochenansgaben
zusammen bleibt derselbe wie bisher der einen
Gochenansgabe. Unser Blatt wird also nicht
nur das einzige zweimal wöchentlich erschei¬
nende, sondern gleichzeitig das billigste jüdische
Blatt in Oesterreich und Ungarn fein.
Wir laden daher unsere aeebrten
Abonnenten, b^mt Abonnement mit Ende
des Jahres abläuft. uir Erneuerung des
Abonnements ein. damit in der Versendung
des Blattes keine Störung eintrete.
Juden, die ihr ein nach jeder Richtung nn-
abhänaiaes. gut informiertes, für euer Wohl
kämpfendes Blatt wünscht, abonniert vom
4. Jänner ab die „Nationalzeitung"!
Der V-'niasvreis beider Ausgaben der
„Nationcrl-Zeitimg" beträgt zusammen:
Für Oesterreich und Ungarn:
Eanuäbrig.K 12 .—
.Halbiäbrig.K 6 .—
Vierteljährig . . . . K 2 —
Fürdas gesamte Ausland mitFrankozustellung:
Ganzjährig.K 13.06
Halbjährig.K 6.33
Vierteljährig . . . .X 3.42 ,
Nedaktion und Administration
des
„Jüdisches Bolksblatt".
Die galizische« Juden und die
nationale Autonomie.
Von Oskar Keßler.
Zum Unterschiede von den wastöster-
reichischen Juden, die erst in den letzten
Jahren lanasam. aber doch dem Gedanken der
Selbstenianzipation näher zu treten beginnen,
ihrem schönen Besicht, ihre hohe Stirne zeigte
tiefe Falten. Da schreckte sie empor. Laute
Stimmen, streitend, drangen- an ihr Ohr.
Aergerlich verlieh sie ihren Sit) und eilte zum
Vorhänge, der den Eintritt zu ihrem Gemache
verdeckte.
„Wer wagt es, mich zu stören, wenn ich
allein sein will?" rief sie in die .Halle hinein.
„Bei meinem Zorn, laßt ihn herein, Soldaten.
Dann kann er schauen, wie er wieder hinaus¬
kommt!" Einige Minuten später trat Steu-
rakius ein.
„Sieh da. mein Freund Steurakius.
Wäret ihr's vielleicht, der den Höllenlärm voll-
Mrte?"
„Verzeihet, großmäcbtige Kaiserin-, wenn
ich wagte, 0 otz eures Verbotes zu euch vor-
zudrinaeu. Ich mußte euch sprechen, sofort!
Ich bringe wichtige Nachricht."
..'Schon gilt, schon aut, Steurakius. Doch
ist es gut, daß gerade ihr es seid. Jeden an¬
deren hätte es seine Ohren gekostet. Was ist
die Nachricht?"'
„Nicht sehr ßuL Unser Plan ist mi߬
lungen."
„Welcher Plan?"
„Der mit dem Untier, der Rachel und dem
Patrizier."
„Wa'S sagt lhr? Will das Untier sie nicht
zerreißen?"
„Schlimmer denn das. Ein Zauber, ein
unverständlicher. Doch laßt euch berichten,
große Majestät. Es fiel mir heute ein, mich
VMihltr I
TuuHfesaft«**
führen die vorgeschrittenen Gruppen des gali¬
zischen Judentums seit 20 Jahren einen' un¬
erbittlichen Kampf um den nationalen Ge¬
danken, der soweit gediehen ist, daß die ver¬
giftete Assimilationsmaske, die unser Fleisch
und Blut zerfressen und unberechenbaren
Schaden angestiftet hat, fallen gelassen und
eine reinliche Scheidung zwischen Juden und
Polen sich vollzogen hat.
Die Frage der Trennung ist bereits voll¬
ständig reif. Man kann sich kaum etwas Un¬
aufrichtigeres und Hinterlistigeres denken als
diese Konvenienzehe, bei der auf der einen
Seite alles verlangt, auf der anderen Seite
gar nichts gewährt wurde. Offen, ohne Ver¬
schleierung wurde der Jude aus jeder Einflu߬
sphäre verdrängt, zu keinem Amte zugelaffen
und mit Fußtritten bedacht, während man ihm
wiederum die unmöglichsten Lasten auferlegte
und er gezwungen wurde, eine Politik der
sozialen und nationalen Ungerechtigkeiten zu
unterstützen und zu billigen, die ihm nicht
nur keine Vorteile, dafür aber einen nicht
unberechtigten Haß seitens der anderen pol¬
nischen Parteien und der Ruthenen ein¬
getragen hat.
Dennoch ist die Frage berechtigt, wie ein
solcher Zustand solange andauern konnte,
! ohne daß die Juden sich dagegen aufgelehnt
hätten. Sitzen doch sämtliche Vertreter der
galizischen Judenschaft im „Kolo p o 1 s k i e“
woraus zu schließen wäre, daß die Mehrzahl
der galizischen Juden mit einer derartigen
Politik sich zufrieden gibt?
Man weiß überall zur Genüge, welchen
dämonischen Einfluß die polnische Schlachta
dank österreichischer Regierungsweisheit über
ganz Galizien zu gewinnen wußte. Der Statt¬
halter von Galizien ist nur ein ausübendes
Organ der polnischen Schlachzizen und der
Wille der Schlachta fällt mit dem der Regierung
vollständig zusammen. Man weiß auch, daß
die Schlachta im Kampfe'mit den ihnen mi߬
liebigen Parteien vor gar keinem Mittel des
Terrorismus und der Gewaltanwendung zurück¬
schreckt. Keine .von , den großen polnischen
Parteien vermochte im Kampfe mit der Schlachta
etwas auszurichten, und die Leute, die gegen
den Willen der Schlachta in das Parlament
eindrangen, sind auf den Fingern einer Hand
abzuzählen.
Daß auch die Juden diesem Schicksal
nicht entgehen konpten, ist nicht verwunderlich.
In den Orten, mp der jüdische Einfluß ein
überwiegender war, wurde ein Jude auf¬
gestellt, der zu allen Taten deS Polenklubs Ja
und Amen sagen würde. Die Juden wider¬
setzten sich nicht den ihnen aufoktroyierten
Kandidaten, weil ,ja die Regierung, iä est der
Polenklub es so haben wollte, anderseits,
nach unseren Gefangenen umzusehon. Denn
der Sklave hatte mir täglich berichtet und
täglich ward sein Bericht ^unliebsamer. Es
schien, das Untier wolle den Gefangenen nichts
zuleide tun. Gestern Nun nahm dev Sklave
eine Eisenstange mit und geißelte das Untier,
um es zu reizen. Er glaubte . bestimmt, es
würde dann endlich feine Pflicht erfüllen.
Daher sah ich mit Spannung seinem heutigen
Bericht entgegen. Aber er kam! nicht, ließ sich
nicht blicken. Im. Zorn sandte ich einen Boten
in seine Behausung! er war nicht da. Ueberall
ließ ich nach ihm forschen, er war nicht zu
finden. Da nahm ich denn zwei von den Leib¬
soldaten mit nur und stieg hinunter in das
Gewölbe. Ich wollte mich mit eigenen Augen
von dem Stande, der Dinge überzeugen. Unten
angelangt, steckte ich den Schlüssel in das
Schloß, es gab meinem Druck nicht nach. Und
allen Heiligen danke ich dafür! Als es auch
einem dcv Soldaten nicht besser erging, unter¬
suchten wir und.fanden, daß das Gewölbe, gar
nicht verschlossen, sondern die Tür nur von
außen mit der eisernen Kette befestigt war.
Einer der Männer öffnete. Doch noch che wir
andern wußten, was geschah, hatte sich etwas
auf den Einiretenden gestürzt; wir hörten! rin
gräßliches Geschrei und ein Stöhnen, dann
spritzte Blut iM Bogen ans unsere Kleider und
ins Gesicht. SchrM hatte dev andere Soldat
sein Schwert gezogen und hieb ein auf den Geg¬
ner, -dev von seinem Opfer abließ. Noch ein
Stich und er rollte auf den Rucken. E s war das
Pollenz
weil sie befürchteten, man werde mit ihnen
„polnisch" reden.
Aber jeder nur halbwegs denkende, selbst¬
bewußte Jude empfand und empfindet die
bittere Schmach, die aus einer solchen Paria¬
rolle erwuchs. Das Gros d-s Judentums
kümmerte sich überhaupt nicht um das, was
„unsere" Abgeordneten im Parlamente taten,
weil es ja „polnische" und nicht jüdische Ab¬
geordnete waren, di« sie im Parlamente ver¬
traten und weil diese ja öffentlich erklärten,
nur Landesinteressen und keine speziellen
jüdischen Jnte^'effen zu kennen.
Aus lb'berzengung trat für diese Ab¬
geordneten ein winziges Häuslein von reich¬
gewordenen Geldjuden ein, die anrüchige
Geschäfte mit der Schlacht i betrieben, und
einige streberische Advokaten, die auf Kosten
des Judentums zu angesehenen Stellungen in
der Gesellschaft emporkleiteru möchten.
Der Dank, der den Juden für ihre auf¬
opferungsvolle Hingabe an die alleinselig¬
machenden Interessen des Polenktubs gewährt
wurde, ist bekannt: sozialer Anti- und wirt¬
schaftlicher Asemitismus. Es ist so weit ge¬
kommen, daß die Polen die bei besonders
feierlichen Momenten beliebten Phrasen von
jüdischen Polen, gemeinsame historische Bande
usw. als Heuchelei und Unaufrichtigkeit
empfinden und aus ihrem Wörter buche ge¬
strichen haben. Unsere offiziellen Führer würden
sie schon häufiger im Munde führen, wenn sie
nicht befürchten müßten, daß diese Beteuerungen
des polnischen Patriotisnius, weil unwahr,
verlogen und erheuchelt, bei allen Kreisen des
Judentums auf Entrüstung stoßen würden.
Die Assimilation hat somit als positive
Strömung abgewirtschaftet, existiert aber als
Machtfaktor noch immer traft des Gesetzes
der Trägheit und weil deren Vertreter nach
berühmtem polnischen Muster die Gemeinde-
stube an sich zu reißen wisftn.
Im Gegensätze zu dieser kleinen, aber
immerhin noch mächtigen Gruppe, die außer¬
dem viele mit den nationalen Gruppen
sympathisierende Elemente aufweist, hat sich
der Zionismus nicht nur fast die ganze jüngere
Intelligenz, cinen großen Teil des jüdischen
Mittelstandes und weite Schichten des jüdischen
Proletariats unterworfen, sondern er übt auch
auf jene Kreise einen mächtigen Einfluß, die
dem Zionismus als solchem ferne stehen oder,
ihn selbst bekämpfen. Daß die großen Massen
deS konservativen Judentums aus nationaler
Grundlage stehen, ist geradezu selbstverständlich.
Auch jene Kreise, die aus Gründen der Politik
für ein Paktieren mit den Polen cingetreten
waren, sind zur U berzruguug gelangt, daß.
es vergebene Liebesmühe war und daß sie
bei diesem Liebesabenteuer ihre Ehre und.
ihr Rückgrat eingebüßt haben. Ohne positiv
Untier. Auch dev Soldat war tot, fürchterlich
verstümmelt. Zitternd vor Schrecken, drangen
wir ins Innere des Gewölbes. Der Käfig war
leer, die Tür offen, die Kette gesprengt und von.
Rachel und dem Patrizier — keine Spur zu
entdecken."
Irene war, sehr bleich geworden.
„Das ist Zauber, das ist Hexerei," sagte
sie mit leiser, bebender Stimme. „Das alte
Weib; dev Fluch! Und jetzt dieses Wunder!
Können sie denn alle hexen, diese Juden?! So¬
gar init Untierm, stehen sie im. Bunde! Steu¬
rakius, mir wird bang!"
„Auch mir!" gestand Steurakitis. „Dürfte-
ich einen Rat erteilen, ich würde sagen: Er¬
greift wiederum alle Inden zu, Byzanz" —
Irene schüttelte lebhaft das Haupt — „und
behaltet sie als Geiseln- gegen die Zauberei der
Jnden," fuhr Steurakitis tut,beirrt fort.
„Ja so! Das wäre! Doch, ist's immer sehr
gewagt. Denn daß sie mit dem Teufel im Bunde
stehen, das haben! wir doch heute erfahren! —
Ich will's mir überlegen — Rat holen — Der
Patriarch muß raten. Dies ist sein Fach."
„Ich weiß scheut vorher, was der raten
wird," lachte Steurakius. „Erlasset den.Heili¬
gen alle Steuern ! Stiftet ihnen erlöster imd
Güter un'b Kirchen — ha — ha —"
„Ruhig," unterbrach ihn Jrette ernst. „AuH
das muß sein ! Lang genug t!si> gegen die Heili¬
gen gefrevelt worden, als inan die Bilder in
den- Kirchen niederriß. Jetzt wollen sie ver¬
söhnt sein. Dazu paßten, allerdings die Güter