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Wdifchet- Glaubensübung befänden. Dr . wurde ein „Vvbb-
Dia" (Gerichtshof) 'von 23 der-angesehensten undtalmudisch
< Hrtehrtesten jungen Leuten quS unserer Mitte eingesetzt,
welche ihn noch , allm . Formen Rechtens -um Tode verur¬
teilten und es wäre sicher um ihn geschehen gewesen, wenn
man ihn- nicht fortgebracht hätte, weit weg, niemand wußte
.wohin. ' - •" --
. Das war damals ein überaus bedenklicher und gefahr¬
voller-Zeitpunkt für uns junge. Täuflinge. Zunächst wurde
die Garnison verstärkt, um jede Revolte unsererseits leichter
.' unterdrücken zu können, dann wurde die Cache durch eine
Kommission, welche der Metropolit eigens hierfür bestellt
hatte, untersucht. Auch Nachsuchungen nach den bezeichneten,
bei schwerster Strafe verboten, Gegenstände wurden vorge-
.nommen. Ein belastendes Ergebnis hatten weder die Unter¬
suchung noch die Rachsuchung. Wir verrieten einander nicht
-und unsere-schwer verpönten Besitztümer wußten wir gut zu
verbergen. Auch wurde ja das alles lässig betrieben. Sie
alle hatten Bestechung bekommen und genommen und hatten
sich, damit zu unseren Mitschuldigen gemacht. Man unter¬
suchte, aber nicht in rechter Weise, und suchte, aber nicht am
rechtet! Ort, so verlief die ganze Sache im Sande.
Dennoch lebten wir darnals in steter. Angst und Auf-
. regung, eingeschüchtert durch die Drohungen, uns allesamt
zür .Bergwerksarbeit nach Sibirien zu schicken. Das war
gesetzlich unser Los,- wenn die Untersuchung zu einem be-
. lastenden Ergebnisse geführt hätte. Freilich hätten wir ge¬
wußt, wie der Kaiser die Angelegenheit betrachtete, wir hätten
ihnen allesamt ein Schnippchen geschlagen.
. Der Kaiser- mußte von allein unterrichtet werden, das
war sein - Befehl. Als man ihrn nun die Angelegenheit
hinlerbrachte, soll er geäußert haben: „Macht mit den Jungen
was ihr wollt; bedenkt aber- nur eines — ich brauche Söl-
- boten, tüchtige und unerschrockene Soldaten und diese Jungen
, scheinen nach allem zu urteilen recht wilde Krieger zu werden,
- so - wie - ich. sie will und wünsche. Alles übrige wird .sich
- finden." -
Einen Marken Rückhalt hatten wir in vielen Taufpaten
- der jüdischen Täuflinge, reichen angesehenen Männern in bevor«
-. rügten Stellungen; teilweise sogai vom hohen Adel, Besitzer
von .meilengroben Gütern, Männer mit Beziehungen zum
- - Herrscherhauses Von Fanatismus der Kirche waren die sehr
wenig angekränkelt.. Der vornehme Russe ist kein Fanatiker
und um seine Geistlichen kümmert er sich blutwenig; die
. stehen für ihn auf der- untersten Rangstufe der Gesellschaft.
; Mit der Taufe, so war die Meinung dieser Männer,
ist der Sache eine Genüge geschehen. Nun soll man diese
. dem Kindesälter kaum entwachsenen jungen Menschen ge¬
währen lassen. Zum Judentum werden diese doch niemals
wieder-zurückkehren. Je älter sie werden, umsomehr werden
7 sie ihrem ehemaligen Glauben entfremdet; bis sie endlich
demselben.in voller — Abscheu gegenüberstehen. Viele sahen
es« mit heimlicher Freude, wenn wir den Geistlichen recht
ärgerliche:Streiche spielten. Andere- unterstützten gar ihre
Paten, in dem-Bestreben, die große Kenntnis des jüdischen
Schrifttums, welche -diese von Haus mitgebracht hatten, noch
weiter auszubilden und zu vervollkommnen» Sie hatten den¬
selben eigene Wohnungen eingeräumt, woselbst sie sich wochen-
'> lang aufhielten, nur mit - dem Bibel- und Talmudstudium
. beschäftigt, bis - sie wieder - zurückbeordert wurden. Der Russe
schätzt-die Frömmigkeit sehr hoch — bei andern. In welcher
Form die auitrilt, das ist ihm ziemlich gleichgiltig.
WelchesHie rechte ist, weiß er nicht zu unterscheiden; darum
- ist.,ihm jede rechts Den Juden hält er aber für viel frömmer
:: als: feine eigenen Glaubensgenossen.
. Mein: Taufpate, der Arzt, kümmerte sich nach dieser
s. Richtung, hm. gar nicht um mich und schien allen diesen
.- Kundgebungen geflissentlich aus dem Wege zu gehen. Nie
war er-auch, zugegen, wenn ich in seinem Hause - beschäftigt
' war, er:-vermied es mit einer gewissen Aengstlichkeit, be.
sonders den Freitag Abend in der Familie zuzubringen.
Eine jüdische Sabbathfeier in seinem Hause, das war im
Höchsten Grade strafwürdig. Er hätte das nicht dulden dürfen
und wollte es doch auch nicht wehren.
Doch ich verweile bei all diesen Dingen, die mir noch
so frisch im Gedächtnis gegenwärtig sind, als wären sie e»st
gestern geschehen, viel zu lange. Wenn ich mich nicht kürzer
fasse, dann komme ich auch heute noch nicht zu Ende, und
das werde ich thun. müssen, um Ihre Geduld nicht allzusehr
zu ermüden.
Nach der Taufe verblieb ich noch etwa zwei Jahre in
Perekop. Die älteren Jahrgänge waren bereits abgegangen
und in verschiedene Regimentern eingestellt worden. Ta
überraschte mich eines Abends der Arzt durch die Mitteilung,
daß er sich nach Simferopol habe versetzen lassen und
in kurzer Frist dahin überzusiedeln gedenke. „Ich habe es,
sagte er, „der Kinder wegen gethan, um denselben endlich
einen angemessenen und geordneten Schulunterricht, welcher
an diesem Orte nicht zu erlangen ist, zu Teil werden
zu lassen."
„Und was soll ans mir werden?" wagte ich verzagt
und schüchtern zu fragen.
„Du gehst zunächst mit uns dorthin," antwortete der
Arzt. „Ich habe bewirkt, daß Tu daselbst einer Veterinär-
Anstalt überwiesen wirft. Du sollst Arzt werden wie ich,
wenn auch nur Tierarzt."
Das war mehr als ich erwarten durfte, denn ganz be¬
sonders der Roßarzt der Armee rangierte und avancierte mit
dem Offizier.
Im Juni 1844 bewerkstelligten wir unfern Umzug nach
Simferopol, der bedeutendsten Stadt der Insel Krim. Tie
Knaben wurden ins Gymnasium geschickt und ich als Zög¬
ling in die militärische Veterinär-Anstalt ausgenommen und
gleichzeitig in der Reitschule in der Reitkunst und Pserde-
dressnr unterrichtet.
. (Fortsetzung folgt.)
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natlonalfcnl
Von befreu ndeter Seite werden wir ersucht, unsere
Gesinnungsgenossen zu bitten, in jeder Woche einen
wenn auch noch so kleinen Beitrag zum Nationaliond zu
spenden, über den dann in der Jüdischen Rundschau
quittiert werden soll. Wir können diesem Ansuchen um
so lieber nachkommen, da gerade beim Nationaliond sich
zeigt, dass viele wenig ein viel ergeben. Wir glauben,
dass dieser Appell nicht ungehört verhallen wird.
Wir quittieren über folgende Betrage:
Anstatt eines Telegramms zur Hochzeit Straus-
Dr. Frank von Herrn Maler Struck 1 Mk. Von demselben
1 Mk. anstatt eines Telegramms zur Verlobung Hacken¬
broch-Feuchtwange r. — Von Herrn M. P i n t u s 3 Mk.
— Von Herrn Gabriel statt Depesche zur Hochzeit
Wolpe-Wolffsohn 2 Mk. —
S a l.'P r e c z e p in Leipzig. Aus Anlass der Geburt
seines Sohnes Benzion 3 Mk. Zionistischer
Kegelklub in Varel spendete 1,50 Mk. Boden-
heimer 1 Mk.
Brlefkaiten.
Blau. In der Zeit bis zum 23. Oktober bin ich gern bereit,
dort einen Vortrag zu halten. Ueber den Tag müssten wir uns
einigen. Lässt es sich nicht mit einer Nachbarstadt vereinigen?
Zionsgmss.