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Nr. 1;
Wien, Freitag den 6. Jänner 1910.
V. Jahrgang.
AUS DEM INHALTE:
Radauzionismus,
lin Zeichen der Zeit.
' Sonderbare Herzl-Anbeter
Polizeiliche Uebergriffe.
Zu den Judenausweisungen aus Ungarn.
Parteinachrichten., .
Vereinsnachrichten.
Aus dein jüdischen Lebend
Ueberläufer.
Radauzionismus.
Was ist Radauzionismus? Ein Ver¬
brechen.
•Desselben ist schuldig, wer sich inner-,
hajb einer zionistischen Organisation oder
gar an der Spitze einer solchen gewissen¬
haft betätigt, sei es durch Ausbau dieser
Organisation, sei es durch Propagierung
der zionistischen Idee oder durch Verbrei¬
tung und Förderung der jüdischnationalen
Presse.
Der wahre Zionist gibt sich mit schönen
Reden bei festlichen Gelegenheiten zufrieden
und. strebt .nicht über djesen .Rahmen;
hinauf Er wird es Untertassen, mutwillig
den nationalen Charakter des Zionismus
zu betonen. Sonst ist der Friede in der
Gemeinde gestört. Die Gegner werden er-
.bittert, randalieren und schlagen Radau.
Daher der Name Radauzionismus und da¬
rum Fluch den Radauzionisten.
Welch’ herrliche Leistung an Ver¬
drehung, Lüge und Verleumdung liegt in
der Prägung und Anwendung dieses Schlag¬
wortes!
Wo immer der Zionismus ehrlich, ohne
Rückhalt und sei es in der vornehmsten
und sachlichsten Art vertreten wird, dort
brüllt und tobt die Meute der Gegner Wer
ist schuld an dem Radau? Selbstverständ¬
lich die Zionisten, denn sie haben den
Radau verursacht.
Das ist die vom Wiener Kultusrate
subventionierte Logik. Sie stellt zwar die
Tatsachen auf den Kopf, aber der Zweck
heiligt auch hier die Mittel. Eine sonder¬
bare Logik. Nicht der Stehler ist der Dieb,
sondern der Bestohlene; denn dieser hat
den Diebstahl durch Besitz des gestohlenen
Gegenstandes veranlaßt.
Ein sachlicher Kampf gegen den Zio¬
nismus ist eigentlich nie geführt worden.
Es ist auch schwer, eine gute Sache zu
bekämpfen und daöei die Rolle des guten
Menschen weiter zu spielen. Schier unmög¬
lich wird ein solcher Kampf, wenn man
die Gesamtinteressen des Judentums in
Generalpacht hat. Aber Not macht erfin¬
derisch und es erstand das Schlagwort vom
Radauzionismus, dem der „echte und wahre“,
kultusisraelitisch approbierte Zionismus ge¬
genübersteht. Herr Dr. J. S. Bloch, Heraus¬
geber der Oesterreichischen Wochenschrift,
hat in liebenswürdigster Weise das Pro¬
tektorat über diesen Zionismus über¬
nommen.
Es sind daher des unbedingten Schutzes
des höhen Protektors sicher:
1. Alle ehemaligen Zionisten, welche
an den ersten Flammen der Begeisterung
ihre Bettelsuppe zu kochen vermeinten,
sich dann enttäuscht zutückzogen und nun
zur Deckung des Rückzüges die Verdräng¬
ten und Undankerfahrenen spielen,
2. Alle jene, welche (als Zionisten kom¬
promittiert) die Uügnade des „maßgeben¬
den“ Israelitenkreises nicht länger ertragen
wollen und die verlorene Gunst durch
Verrat wieder zu gewinnen hoffen und
schließlich
3. die politischen Helden der Nacht,
deren Gewerbe durch Tageslicht gestört
wird, die im Zionismus Morgenluft wittern
und daher zu einem Verzweiflungskampf
genötigt sind.
Sie alle, alle scharen sich als wahre
Zionisten unter Blochs Flagge zum Kampfe
gegen den Radauzionismus.
Theodor Herzl wurde, solange er an
der Spitze der von ihm geschaffenen Or¬
ganisation wirkte, als Radauzionist grimmig
angefeindet. Seitdem er jedoch die Or¬
ganisation infolge Ablebens verlassen hatte,
wird er huidvollst als 1 wahrer Zionist an¬
erkannt. . *■ V-
Wollt Ihr, Rädauzüjnisien, .noch, , bei
Lebzeiten 'Brochs Anerkennung erringen,
dann dürft Ihr Euch nicht, in Widerspruch
setzen zu den „besten“ und „verdientesten“
Männern in Israel, denn sie sind es, die
über Subventionen aller Art entscheiden.
Ihr könnt ja weiter Euren' Schekel
zahlen und gute Zionisten bleiben. Nur
müßt ihr auf den nationalen Kern des Zio¬
nismus verzichten und Euch mit dem Reste
begnügen. Das heißt: Reißt dem Zionismus
das Herz aus dem Leibe! Dann könnt Ihr
den Leichnam einbalsamieren, bei festlichen
Gelegenheiten dem Volke zeigen und dabei
schöne Reden halten.
Dann gibt es keinen Radau mehr,
Bloch ist wieder alleiniger Vertreter der
Gesamtinteressen des Judentums und es
herrscht Friede in der Gemeinde. Amen. x.
Ein Zeichen der Zeit.
Hegel vertrat den Satz, daß sich alle
Entwicklung in Gegensätzen vollziehe.
Zweifellos enthält diese Ansicht, soweit es
sich um psychologische Phänomene han¬
delt, ein gut Teil Wahrheit. Denn zu allen
Zeiten sind in Kunst, Wissenschaft und
Völkerleben gewisse Richtungen und An¬
schauungen. die sich zu herrschenden
durchgesetzt hatten, einseitig auf die Spitze
getrieben worden, so daß plötzlich als heil¬
same Reaktion gegen alle Uebertreibungen
der Umschlag ins Gegenteil eintrat. Natür¬
lich aber ging der Nutzen, den die frühere
Richtung vor ihrer Uebertreibung gebracht
hatte, nie mehr ganz verloren und so sehen
wir, im Hegelschen Sinne* die Entwicklung
durch solche gegensätzliche Tendenzen
stetig fortschreiten.
Man könnte annehmen, daß der Anti¬
semitismus, der teilweise als Gegentrömung
gegen die Emanzipation der Juden und ihr
Vordringen auf allen Gebieten des Lebens
neu erwacht war, nachdem er in den
letzten zwei Jahrzehnten auf die Spitze ge¬
trieben wurde, im Sinne jenes Hegelschen
Satzes von einer gegenteiligen Strömung
abgeiöst werden müßte.
Leider ist es aber eine geschichtliche
Tatsache, daß der Antisemitismus, wie
Pinsker sagt, eine unheilbare Volkspsy¬
chose darstellt Immerhin zeigt sich man¬
cherorts auf seinen Ausschreitungen schon
eine gewisse gesunde Reaktion. Eine solche
von ganz bedeutsamer Art enthalten die
Ausführungen eines der berühmtesten
Rechtslehrer Deutschlands, des Prof. Dr.
Köhler-Berlin, in der vorletzten Nummer
der „Deutschen Montags-Zeitung“.
Prof. Köhler entwickelt die Ansicht,
daß eine Vermischung der Deutschen mit
den Juden, welche beiden Völkern sehr
verschiedene, meist entgegengesetzte Be¬
gabungen aufwiesen, für das deutsche Volk
sehr erwünscht, ja sogar eine Notwendig-;
keit wäre, soll dieses im scharfen Wettbe¬
werb an der Spitze bleiben. Er sieht ganz
klar, daß der Weg hiezu nur in Taufe und
Mischehe der Juden gelegen sein kann, da
deren Religion ein nationales Band sei. Er
verlangt nicht den Abfall gläubiger Juden,
sondern meint, daß- sich die Vorstellungen
vieler Juden mit dem Protestantismus voll¬
kommen vertragen könnten. Er sieht auch
ein, daß es daneben immer noch National¬
juden geben wird und sagt, daß eine ge¬
wisse Vielheit der Kulturen notwendig ist.
Wenn man, ganz objektiv denkend, er¬
faßt hat, daß der Antisemitismus der west¬
europäischen Völker im tiefsten Grunde
eine Bewegung gegen die Vermischung
dieser mit den Juden darstellt, daß gerade
dies die Assimilationsbestrebungen von Ju¬
den als charakterloses Aufdrängen stigma¬
tisiert, so muß man sagen, daß der Stand¬
punkt Köhlers, wenn er von den Völkern
akzeptiert werden würde, der Judenfrage
ein völlig anderes Gesicht geben würde.
Freilich, die Taufe würde an und für sich,
soweit ihr Motiv nicht wirklich religiöse
Ueberzeugung wäre, immer ein schimpf¬
licher Akt bleiben, die Mischehe aber würde
solchen Ansichten gegenüber den Juden
•noch wünschenswerter erscheinen als jetzt
und der Assimilation der Charakter eines
Aufdrängens genommen werden. Kommt
aber diese moralische Hemmung auch noch
weg, die heute gerade die besten Juden als
solche empfinden, dann wird, bei der völ¬
ligen Gleichgültigkeit der Westjuden in re¬
ligiösen Dingen nur mehr ein einziges
Motiv der völligen Auflösung des Juden¬
tums entgegenwirken. Der Wunsch, das¬
selbe zu erhalten und zu - erneuern, weil
dies eine Kulturforderung ist, was ja Köhler
auch anerkennt.
All das sind ja nur Spekulationen,
denn, wie schon erwähnt, ist es nach aller
geschichtlicher Erfahrung ganz ausge-
sch'ossen, daß die große Masse der west¬
lichen Kulturvölker jemals den Standpunkt
Köhlers teilen wird und daß diese dialek¬
tische Entwicklung, der Umschlag ins Ge¬
genteil, das heißt von einer Abwehr der
Vermischung mit Juden zu einem Wunsche
nach einer solchen, sich etwa im deutschen
Volk durchsetzen wird. Immerhin zeigt der
ehrliche und vernünftige Standpunkt Koh-