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JÜDISCHE ZEnUNG
■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden B
_ *ä ''ich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt.— Abonnementspreise: Für Oester- _
® reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■
■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—- Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. B
Nr. 12
Wien, Freitag, den 22. März 1912 VI. Jahrgang
SCHAU-TURNEN
des I. Wiener Jüdischen
Turnvereines
Samstag, den 23. März 1912, 9h abends
in den Sofiensälen, III. Bez., Marxergasse.
Entree 2 K. Logen f. 5 Personen 20 K.
Zion. Zentralverein, Wien:
Dienstag, den 26. März, 8 Uhr abds.
Hotel „Continental“
II., Taborstraße 2
große Versammlung
-Vortragr **-- •
Weltbürgertum und Natio¬
nalismus
Referent: Prof. Dr. Ch. Weizmann,
Manchester.
Regiebeitrag 50 Heller, Studenten 30 Heller.
Prateriert.
Hier soll nicht die Rede von der Prä-
terierung einzelner jüdischer Lehrer und
Beamten sein. Denn diese einzelnen be¬
dauerlichen Präterierungen sinken ange¬
sichts der vollständigen Präterierung
des gesamten jüdischen Volkes im
Staatsleben förmlich zur Bedeutungs¬
losigkeit herab, da sie letzten Endes
doch nur eine Begleiterscheinung des
großen, leider durch die eigene jüdische
Indolenz am jüdischen Volke begange¬
nen Unrechtes, sind. Es nützt nicht viel,
wenn man in jedem einzelnen Falle alle
Hebel in Bewegung setzt, um das an
einem einzelnen Juden begangene Un¬
recht ungeschehen zu machen, und sich
sonst entschieden weigert, die berech¬
tigten Ansprüche der jüdischen Ge¬
samtheit mit Nachdruck zu vertreten.
Darin liegt aber die Kernfrage der jü¬
dischen Politik in Oesterrreiah 1 . Fort mit
den kleinen Mittelchen und den klein¬
lichen Opportunitätsaktionen!
In unserem Staate gilt nicht der ein¬
zelne Staatsbürger, sondern die Nation.
Will man das Uebel an der Wurzel
packen, so muß man — was das Ziel der
Jüdisch-Nationalen ist — die nationale
Gleichberechtigung des jüdischen Volkes
erkämpfen. Die Politik des Opportunis¬
mus erzeugte Zersplitterüng und Atomi¬
sierung der Juden, die Politik der Jü¬
disch-Nationalen fordert Vereinigung.
- Wie sehr die Zersplitterung dem jü¬
dischen Volke schadet, mögen die Er¬
fahrungen der letzten Monate erhärten.
Dreizehn jüdische Abgeordnete zählt
das österreichische Parlament, darunter
Männer von anerkanntem Wissen und
klangvollem Namen. Diese Abgeordneten
sind durchwegs in Wahlkreisen mit jü¬
discher Majorität gewählt worden. Und
wie haben diese 13 Abgeordneten — abge¬
sehen von Dr. Straucher, welch als Ein¬
zelstehender nicht imstande ist, allein die
Last der jüdischen Vertretung zu tragen
— die Interessen der österreichischen
Juden gewahrt ?
Als die amerikanischen Juden die
Aufrollung der russischen Paßfrage er¬
zwangen, da beschränkten sich (Be jü¬
dischen Abgeordneten des österreichi¬
schen Parlaments — übrigens nicht ein¬
mal alle — auf die Absendung eines
Begrüßungstelegrammes an das Wa¬
shingtoner Repräsentantenhaus. Daß es
notwendig ist, in Oesterreich eine ähn¬
liche Aktion einzule j ten, fiel den polni¬
schen, deutschen üncT sozialdSmökräfir
sehen Juden überhaupt nicht ein.
Dann kamen die Ausweisungen öster¬
reichischer Juden aus Preußen. Die jü¬
dischen Abgeordneten schwiegen und ein
Outsider brachte eine — Interpellation
ein. Seit einigen Tagen berät eine En¬
quete über die Emigration aus Oester¬
reich. Die österreichisch-jüdische Emi¬
gration ist die relativ höchste und bis
zum letzten Augenblicke unterließen es
die jüdischen Abgeordneten die Ladung
jüdischer Experten zu veranlassen.
Seit einiger Zeit werden galizische
Juden aus Ungarn systematisch ausge¬
wiesen. Anstatt daß die jüdischen Abge¬
ordneten eine Aktion einleiten, bei 'den
Ministern vorsprechen und diese an ihre
Pflichten gemahnen würden, wird eine
Interpellation überreicht, die wahrschein¬
lich das Schicksal aller Interpellationen
teilen wird.
7 Als in Galizien die Frage der Land¬
tagswählreform akut war, da war von
Juden und Judenrechte keine Rede und
die gewählten Vertreter des jüdischen
Volkes schwiegen.
Es ließen sich noch viele Fälle auf¬
zählen, aber würde denn das nützen ?
Vergeblich mahnen die Jüdisch- Natio¬
nalen und rufen die pflichtvergessenen
Vertreter und die genasführten jüdischen
Wähler zur Besinnung.
Leider triumphieren noch die Lüge
der Assimilationspolitik und die Indolenz
der jüdischen Wähler — darum lautet
die Antwort aüf die politische Lage der
Juden in Oesterreich: präteriert!
Rundschau.
Ausweisung von Juden aus Ungarn.
Die ungarischen Grenzbehörden befolgen seit
einiger Zeit die preußische Praxis, österreichi¬
sche, besonders galizische Juden rücksichtslos
auszuweisen. ' Die Ausgewiesenen sind zumeist
seit Jahrzehnten in Ungarn ansäßig und geben
zu keinerlei Klagen Anlaß. Gegen die unge¬
rechtfertigte Ausweisung galizischer Juden über-i
reichte Abg. Straucher folgende Interpel¬
lation an den Ministerpräsidenten und den Mi¬
nister des Innern:
„Seit Jahr und Tag häufen sich die Fällte,
daß in Ungarn österreichische Staatsbürger nur
deswegen, weil sie galizische Juden sind, von
den dortigen Behörden, insbesondere von der
Grenzpolizei, in rücksichtsloser,, unmenschlicher
Weise aus dem Lande verjagt und um ihre wirt¬
schaftliche Existenz gebracht werden. Es sind»
darunter österreichische Staatsbürger, welche!
seit Jahrzehnten in Ungarn wohnen, es durch
ihren Fleiß und durch ihre Rechtschaffenheit
zu Vermögen lund Ansehen 'gebracht haben, somit
nach jelder . Richtung rechtschaffene, und ein¬
wandfreie Bürger sind, und dennoch werden
diese Leute durch einen Ukas der Komitats-
Paschas aus ihrem Heim gerissen und brutal
fortgejagt.
So geschah es beispielsweise mit Manasse
Freilich, einem 60jährigen Manne, der vor 58
Jahren aus Oesterreich nach Ungarn, kam, der
seit 35 Jahren mit einer geborenen Ungarin ver¬
heiratet und im Felsöszinower (Marmaroser) Ko-,
mitat steuerzahlender Bürger, Besitzer von Lie¬
genschaften und eines offenen Ladens ist. Dieser
arme Mann wurde ohne jeden Grund vom Okör-
mezöer Oberstuhlrichter Emil Zombory plötz¬
lich ausgewiesen und mußte binnen 24 Stunden
seine Frau und 10 Kinder verlassen.
Madl Leib in Sztrobko, seit 15 Jahren in.
Ungarn, seit 9 Jahren mit der Tochter des dor¬
tigen Rabbiners verheiratet, der 140 K jährlich
Steuer zahlt, wurde vom Hauptmann der Bart¬
felder Grenzpolizei, Josef Baus, plötzlich aus¬
gewiesen, mit der Aufforderung, .das Land binnen'
• 15 Tagen zu verlassen. Die Zahl der galizischen
Juden, die nach echt russischem Muster von
ungarischen Behörden behandelt, d. h. rück¬
sichtslos wirtschaftlich niedergestampft werden,
läßt sich gar nicht genau feststellen. Die un-»..
garischen Behörden, speziell an der ungarisch-,
galizischen Grenze, behandeln die galizischen-.-
Juden, die doch österreichische Staatsbürger-,
sind, als vogelfrei und rechtlos. ....
Die Endesgefertigten erlauben sich- di$ .Auf-.,-,
merksamkeit Eurer Exzellenzen auf die. Mißt*,.;
stände zu lenken und die Anfrage zu. richten:
Was gedenken Eure Exzellenzen zu vcran-T-;
lassen, um die in Ungarn ansässigen, aus Ga~,- ;
lizien stammenden österreichischen Staatsbürger •
gegen die Brutalität und Willkür ungarischer Be-,
.hörden zu schützen?“
Emigrationsenquete.
Seit einigen Tagen wird im Handelsmini¬
sterium eine Enquete über die Emigration aus
Oesterreich abgehalten. Im Namen der Regie¬
rung nehmen an der Enquete der Handelsmini¬
ster und der Minister für Galizien teil. Alle -
österreichischen Nationen sind durch Experten
vertreten. Nur an die Juden hatte man ver¬
gessen, obwohl gerade die jüdisch-österreichi¬
sche Emigration relativ die höchste ■ ist. Im
Laufe der letzten 10 Jahre sind aus Galizjen;-
xallein über 130.000 Juden ausgewandert. Ueber-
dies unterscheidet sich die jüdische Auswan¬
derung grundsätzlich von der nichtjüdischen,