Page
o
NHTIDNRL -JÜDI5CHE5
Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“^/ ‘
■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II_, Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■
täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt: — Abonnementspreise: Für Oester- _
B reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. *
■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■
Nr. 1. WieffpFreitag, den 1. Jänner 1915 IX. Jahrgang
Ruiruf Oes „JiiOisdies Kriegsardiiu“.
Jüdische Mitbürger!
' Der gegenwärtige Weltkrieg ist sicherlich
ein Markstein auf dem Entwicklungswege der
Menschheit. Auch wir Juden machen darin keine
Ausnahme. Wir stehen vor großen Wendungen
unseres Schicksals. Zum' Guten oder zum Bösen
— je nachdem wir uns der Situation gewachsen
zeigen öder nicht.
Es kann kein Zweifel mehr sein, daß alle
Feinde und Neider der Judenschaft emsig an
der Arbeit sind, um aus dem Kriege. Materiale
gegen uns zu sammeln, und daß Sofort nach
dem' Kriege eine alles Dagewesene überbietende
Agitation gegen uns einsetzen wird. Die An¬
zeichen hiefür sind vorhanden, denn schön jetzt
setzt eine, • an die niedrigsten Instinkte sich wen¬
dende Agitation ein.
Djeser. Gefahr gilt es zu begegnen. Und wir
können es, weil wir uns in diesem Krieg über
alle Erwartung hinaus bewährt haben. Nicht
nur sind auf den Schlachtfeldern selbst her¬
vorragende Leistungen von jüdischen Soldaten
vollbracht worden, sondern es hat sich ganz
besonders auch unsere rüekhaltslose patriotische
Treue als ein Faktor von wirklich staatserhalten-
dem Wert erwiesen.
Aber die Tatsachen allein genügen nicht.
Zu leicht entschwinden sie dem Gedächtnisse
der Völker und Maßgebenden, umsomehr als
unsere wühlenden Feinde .darauf hinarbeiten, sie
zii verdunkeln. Wir müssen sie daher für ewige
Zeiten feststellen. Bis in die letzten Details
müssen wir alle Vorkommnisse buchen, die un¬
ser Verhalten. in diesem Kriege, sowie über¬
haupt gegen den Staat und das Verhalten aller
Staatsfaktoren gegen uns betreffen. Mit einem
Worte, wenn wir in unserem Kampfe gegen das
Uebelwollen und für unser volles Recht gerüstet
sein wollen, dann müssen - wir das • „Jüdische
Kriegsarchiv“ schaffen.
Jüdische Mitbürger! Wir Gefertigte sind
überzeugt, daß Ihr alle die Notwendigkeit die¬
ser Gründung einseht und wir dürfen daher
• auch hoffen, daß Ihr uns helfen (werdet, sie
durchzuführen. Hiezu benötigen wir vor allem
Eure wertvolle Mitarbeit und gelegentlich für
das ■ Archiv bestimmte Mitteilungen.
Aber wir erlauben uns auch darauf auf¬
merksam zu machen; daß eine Aufgabe, wie
die .oben geschilderte nicht ohne beträchtlichen
Aufwand erfüllt werden kann. Es ist eine regel¬
mäßige Amtsführung erforderlich, die sich auf
dem ganzen weiten Gebiete der heutigen Ereig¬
nisse nichts entgehen lassen darf, was mit dem
jüdischen Interesse zusammenhängf. Daher müs¬
sen wir Gefertigte an Eure Mithilfe auch nach
der Richtung appellieren, daß Ihr Euch ent¬
schließt, zur Deckung unserer Kosten unserer
Aktion beizutragen.
Ihr könnt dies entweder als Stifter des
Archivs tun, wenn Ihr eine einmalige Zuwen¬
dung macht, oder als Förderer in Form- einer
regelmäßig monatlichen Beitragsleistüng für die
Dauer des Archivbestandes.
Zuschriften und Beitrittserklärungen sind zu
richten an das „Jüdische Kriegsarchiv“, Wien,
II., Zirküsgasse 33, Geldsendungen an das Bank¬
haus J. & A. Brecher, Wien, IX., . Peregrin-
gasse 1 (Postsparkassen-Konto Nr. 16.601).
Für das vorbereitende Komitee
zur Anlegung des „Jüdischen Kriegs¬
archiv“:
Oberingenieur Robert Stricker, Vorstandsmit¬
glied der Wiener isr. Kultusgemeinde, dz. Ob¬
mann, Dr. N. Birnbaum, dz. Archivleiter,
Ludwig Bato, Börserat Adolf Brecher, Dr.
Leopold Ehrlich, Dr. Erich Ritter v. Kahler,
Dr. Alfred Lanzer, Redakteur Julius L ö w y,
Dr. Isidor M a r g u 1 i e s, Dr. Wilhelm Stein,
Dr. H. Sussmann, k. k. Reichsratsrevisor
' Rudolt T a u s s i g, I. H. Waltuc h, Dr. F.
Waschitz, Dr. Paul Weisengrün.
| Bugo Ztuftermann
Als ich in der Chanukamfmmer der „Jüdi¬
sche Zeitung“ das Makkabäergedicht unseres
Hugo Zuckermann las, diesen wuchtigen, auf¬
peitschenden Ruf an uns, trübte meine freudige
Erregung ein Vers; der mich 'oftter-m-nst stimmte.
Er’sagt in dem Liede, daß er „sein rotes Blut
vergossen“ — und es gab für keinen, der diesen
vierschrötigen, linkischen Mann, dieses engelreine
Menschenkind, kannte, einen Zweifel darüber:
den hat's draußen im vereisten Schützengraben
getroffen, der dichtet nicht tausend Kilometer
hinter der Front den Traum * 1 (des Reserveleut¬
nants in der Gefechtspause, wie ein Hans M ü 1-
I er, der fängt nicht im Spitalshof unter den
verstümmelten Rekonvaleszenten Stimmungen ein,
wie ein Stephan Zweig, der hat dort, auf der
russischen Erde, den Tribut gezahlt . . .
Dann hörten wir, die Verwundung sei nicht
gefährlich, bis plötzlich aus Eger die Todes¬
nachricht kam; Patroklus liegt begraben und
Thersites hockt in den Wiener, Berliner, Buda-
pester Kaffeehäusern und schändet die Majestät
des Kriegertodes mit hunderttausend Feuilletons
und Gedichten ...
Nicht trauern!
Wie herrlich leuchtet uns seine Treue zum
neuen Judentume, wie hat er doch alte die
Jahre seit dem Auftreten Theodor Herzls mit
Hingabe der jüdischen Renaissance gedient, wie
hat dieser schwerfällige, wortarme Brummer
einen reichen Born ganz heimlich in der Brust
getragen und — Ehre seinem Angedenken! —
hat es zeitlebens nicht erlernt, auf den Literaten¬
börsen. zu spekulieren und sich „durchzuringen“,
- blieb still und unbekannt, aber adelig, untadelig,
bis ein Zufall — das jetzt siebenmal vertonte
„Oesterreichische Reiterlied“ — die Aufmerk¬
samkeit auf ihn lenkte.
Nicht trauern! Er zog mit Begeisterung in
den „Rachezug für Kischinew“ (wie er auf einer
Feldpostkarte den Krieg gegen Rußtand nannte),
er fiel als Held, ein Lied auf den Lippen, das
unsere Jugend wie ein teures Vermächtnis weiter¬
tragen wird und seine stolze, frohe Hingabe
wird die abertausenden jüdischen Krieger durch
Not und Tod geleiten.
Hugo Zuckermann, du edler, junger Jude!
Du hast in Demut und Inbrunst für dein Volk
gelebt, du bist in Schönheit gestorben, ;rein
bist du geblieben, nichts trübt die geheiligte
Erinnerung an dich, du geliebter, unvergeßlicher
Weggenosse — wir preisen dich glücklich!
Otto A b e 1 e s.
* «
*
Aus Eger wird uns geschrieben:
Mit Dr Hugo Zuckermann, der das
33. Lebensjahr erreicht hatte, wurde dem Juden¬
tum eine Zierde und ein hervorragender Kämpe
entrissen.
Dr. Zuckermann war schön als Student ein
begeisterter Jude und Zionist, hielt für die zio¬
nistische Idee an vielen Orten Vorträge, War
in allen Städten seines Studienaufenthaltes Grün¬
der oder zum wenigsten Mitarbeiter der zio¬
nistischen Vereine — so war er Mitbegründer
des Vereines „Ahawath Zion“ in Eger, hervor¬
ragendes Mitglied, jetzt alter Herr des Vereines
jüdischer Hochschüler „Theodor Herzl“ in Wien,
des Vereines „Bar Kochba“ in Prag, Mitglied
des innerösterreichischen Distriktskomitees Wien
etc. — betätigte sich auch als Schriftsteller für
die Sache des Judentums und desi 'Zionismus
; und- hatte—seit- Jahren nicht—bloß - in unseren»»-
Vatertande, sondern auch in Deutschland und
Rußland einen klangvollen Namen. Im vorigen
Herbste ließ er sich als Advokat in . Meran
nieder und sofort ging er wieder an die För¬
derung des dortigen Judentums. Er war Mit¬
begründer des dortigen Kultusvereines, legte die
Grundlagen für eine Chewra Kadischa, wobei
er selbst die Dienste dieses entsagungsvoller»
Zweiges jüdischer Pietät mit leistete, wurde Re¬
präsentant des dortigen Judentums, ja er wurde
der führende Geist der dortigen Gemeinschaft,
wurde dabei aber hochgeschätzt auch von seinen
christlichen Mitbürgern und Kollegen, dies alles
in der Zeit vom November 1913 bis Juli 1914,
denn in diesem Monate wurde er bereits von
der Mobilisierung getroffen und rückte zu sei¬
nem Regiment nach Jicin ab. Durch volle vier
Monate stand er im Felde und obwohl er da¬
selbst infolge der unsäglichen Anstrengungen und
Entbehrungen von einer Lungenentzündung be¬
fallen war, blieb er, kaum halb genesen, weiter
am Schlachtfelde, machte 31 Gefechte unter Be¬
tätigung höchster Bravour mit und wurde gegen
Ende November verwundet; noch ehe er die
Auszeichnung und Beförderung, zu der er vor¬
geschlagen war, erhielt, erreichte ihn der Tod.
Dr. Zuckermann war nicht bloß ein über¬
ragender Jude im besten Sinne des Wortes,
ein Itlealer Menschenfreund und bedeutender
Mensch überhaupt, er war auch ein genialer
Dichter, seine Kriegslieder, die vor und während
des Krieges entstanden sind, wurden von der
in- una ausländischen Presse als wahre Volks¬
lieder verherrlicht. Die hervorragendsten Kom¬
ponisten des Inlandes — so Lehar — und. des
Auslandes vertonten seine Lieder und höchst¬
stehende Offiziere drückten ihm hiefür ihre Be¬
wunderung aus.
So schreibt Generalleutnant V. Dickhut-
Harrach in Danzers „Armee-Zeitung“ u. a.:
„. . . aber Ihr Lied wird bleiben und
wird Ihnen zu dem Kriegeskranze auch den
Lorbeer des Dichters um die Schläfe winden.“
Und einen solchen Mann und Menschen
mußte die Welt, mußte das Judentum verlieren!