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JÜDISCHE ZEITUNG
Nr. 1
Dr. Zuckermann war in Eger als Sohn einer
angesehenen Familie geboren. — Die Kultus¬
gemeinde Eger hat ihm in dankbarer Würdigung
seiner Verdienste als Jude und Held ein Ehren¬
grab gewidmet
OestemdtisA« Reiterlied.*)
Drüben am Wiesenrand
Hocken zwei Dohlen.
Fall’ ich am Donaustrand?
Sterb’ ich in Polen?
Was liegt daran ?
Eh' sie meine Seele holen,
KämpP ich als Reitersmann.
Drüben am Ackerrain
Schreien zwei Raben,
Werd’ ich der erste sein,
Den sie begraben?
Was ist dabei?
Vielhunderttausend traben
In Oesterreichs Reiterei.
Drüben im Abendrot
Fliegen zwei Krähen,
Wann kommt der Schnitter Tod,
Um uns zu mähen?
Es ist nicht schad!
Seh’ ich nur unsere Fahnen wellen
Auf Belgrad!
Dr. Hugo Zuckermann.
Die Elütbtlingsfürsorge des Zion.
Zentralkomitees.
Delegierte des Zionistischen Zentral¬
komitees in Gaya.
Wiederholt schon gingen durch die Wiener
Presse Kommuniques über Reisen und Inspektio¬
nen der Flüchtlingslager in Gaya, idie durch
die Organisationen und einzelne Persönlichkeiten
unternommen worden waren; es wurde hiebei
auch auf einzelne Mißstände hingewiesen und
Interventionen im Ministerium des Innern ver¬
sprachen eine Abstellung derselben. Nichtsdesto¬
weniger liefen beim Zionistischen Zentralkomitee
aus Gaya unausgesetzt Klagen und Bitten über
Intervention ein, die sich besonders seit der
Uebersiedlung der Flüchtlinge in die Baracken¬
lager mehrten. Das Zionistische Zentralkomitee
beschloß daher, zwei Vertrauensmänner nach.
t ya zu- delegieren,' die sich durch Lokalaugen-
iein von der Berechtigung der Klagen über¬
zeugen .sollten. ... Für ; das Zionistische Zentral¬
komitee für Westösterreich fuhr Herr Ing. Ch.
Bernhardt, für das galizische Zentralkomitee
Herr Dr. Fischl Waschitz, da man den be¬
rechtigten Wünschen der Flüchtlinge, es möge
•einer der Delegierten ein galizischer Zionist sein,
entsprechen wollte. Das Ministerium des In¬
nern, beziehungsweise Herr Sektionsrat Dr. v.
Marquet als Leiter des Department VII, hatte
Sowohl die mährische Statthalterei als' auch' die
Bezirkshauptmannschaft Gaya von der Ankunft
der beiden Herren verständigt und gleichzeitig
beauftragt, ihnen in jeder Weise behilflich zu
stein.
Vom 23. bis 28. Dezember verblieben die
beiden Delegierten in Gaya. Die zum größten
Teil bereits vollendeten Baracken, sowie die in
der Stadt liegenden Massenquariiere wurden einer
eingdienden Inspektion unterzogen, die Flücht¬
linge eingehend einvemomfnen, ihre Wünsche
angehört und Protokolle angelegt und mit dem
Bürgermeister der Stadt Gaya und dem Amts¬
leiter der dortigen Bezirkshauptmannschaft mehr¬
mals eingehende Aussprachen gepflogen. Schlie߬
lich wurden die Vorschläge der beiden Delegier¬
ten in den einzelnen Punkten schriftlich festgelegt
jund dem Bürgermeister Herrn Leopold Klein
überreicht Ueberhaupt wurde konstatiert, daß alle
leitenden Stellen von dem besten Willen beseelt
sind, das Los der unglücklichen Flüchtlinge
möglichst erträglich zu gestalten. Auch gelang
es den beiden Vertrauensmännern, eine Neu¬
konstituierung des vor einiger Zeit aufgelösten
Hilfskomitees vorzubereiten und eine Zentrali¬
sierung der von einzelnen Damen aus Gaya
mühevoll geleisteten Arbeit anzubahnen.
Mitteilung des Zion. RctionssComitts.
Das Actions-Comite hat beschlössen, von der
Wiederherausgabe der „Welt“ vorläufig Abstand
zu nehmen, da die Versendungstnöglidikeiten
sich’ nicht gebessert haben. Die geplante Wolff-
sohn-Gedenknummer wird erscheinen, sobald die
Möglichkeit besteht, aus allen Ländern Beiträge
zum Gedächtnis David Wolffsohns zu erhalten
und diese Nummer überallhin zu versenden.
*) Dieses Lied hat Zuckermann im Vor¬
jahre anläßlich der Balkankrise geschrieben. Es
fand in allen Anthologien von Volks- und Kriegs-
liedem, die anläßlich des gegenwärtigen Krieges
herauskamen, Aufnahme und wurde vielfach von
namhaften' Komponisten vertont
Hilfsaktion Detr ungarischen Zionisten.
Die zionistische Organisation Ungarns hat
in Budapest ein Hilfsbureau für die jüdischen
Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina er¬
richtet. Das Bureau will ein statistisches Ver¬
zeichnis der in Budapest befindlichen jüdischen
Flüchtlinge — deren Zahl auf zirka 30.000 ge¬
schätzt wird — nach Herkunft, Beruf usw. an-
legen und . es mit den . Behörden .,'und Hilfs-:
komitees in anderen Städten der Monarchie aus-
tauschen. Auf diese Weise hofft das Bureau,
1. manches zur Auffindung vermißter Personen
beizutragen; 2. vielen Flüchtlingen geeignete Be¬
schäftigung verschaffen zu können. Schon jetzt
ist es dem Bureau gelungen, . eine ansehnliche
Gruppe von Flüchtlingen in einer Anzahl ge¬
werblicher Betriebe unterzubringen. Eine weiiere
wichtige Aufgabe des. Bureaus bildet der Woh¬
nungsnachweis. Die- jungen zionistischen Wan¬
derer bemühen sich, die Kinder der Flüchtlinge
mit Kleidung usw. zu versehen. Zionistische
Rechtsanwälte und Jurisien bieten den*' Flücht¬
lingen kostenlosen Rechtsschutz, Rat und Aus¬
kunft. Schon in den ersten Tagen der Tätig¬
keit des Bureaus ist es gelungen, beim Kriegs-
ministeriiim mit Erfolg für eine Reihe von Flücht¬
lingen zd Intervenieren, denen bis dahin die
Auszahlung der Kriegsunterstützung verweigert
worden war. Das Bureau hat ferner die Er¬
richtung einer Teehalle für die Flüchtlinge in
Aussicht genommen. Endlich gewähren die zio¬
nistischen Aerzte Budapests den Flüchtlingen un¬
entgeltlich ärztliche Hilfe. Das Bureau wird mit
dem' Hilfskomitee der österreichischen Zionisten
Hand in Hand arbeiten. Auch nichtzionistische
Kreise bringen der Tätigkeit des Bureaus werk¬
tätiges Interesse entgegen. Die Adresse des zio¬
nistischen Hilfsbureaus lautet: Zsidö Nepsegitö
Iroda, Budapest, Erdelvi-utca 19.
Die jüdisdie lurnersdiatt im Kriege.
Der frühere Vorsitzende der Jüdischen Tur¬
nerschaft, Willy Greifenhagen, ist auf dem
östlichen Kriegsschauplatz gefallen. Sein Name,
sein Bild lebt in allen, die das große FeSt der
Jüdischen Tumerschaft anläßlich des XI. Zio¬
nistenkongresses ln Wien mitzufeiern Gelegen¬
heit hatten, klar wieder auf, wo Greifenhagen
beim Festtumen, beim Kommers und beim' Mee¬
ting durch seine zündenden und geistvollen An¬
sprachen alle Zuhörer in seinen Bann zog und
zu wahren Beifallsstürmen begeisterte. Selbst¬
bewußt imd tatkräftig, von mannhafter Erschei¬
nung, mit glänzenden Rednergaben auSgestattet
— so erschien er damals als der würdige Ver¬
treter der wehrhaften Jungjuden vor der Oeffent-
lichkeit. Allzufrüh müssen wir nun seinen Ver¬
lust beklagen. Ein liebendes Gedenken im
Herzen unser aller ist ihm gewiß!
* ■ *
*
Wir erfahren heute, daß vom Bar Kocliba
(Berlin), auf dem Felde der Ehre gefallen sind:
Brisgelsky, Caro, Felbel, Feibusch,
Gott lieb, Josef Löwenstein, Moses.
Die Turnbrüder Hermän Rosenfeld und
Alfred Marchfeld wurden zu Zugsführem,
SamUel Helfgott zum Feldwebel befördert;
sämtliche vom Makkabi (Lundenburg).
* *
Kein theoretisches Argument vermochte in
unserer, jahrelangen Aufklärungsarbeit die Da¬
seinsberechtigung, ja die Notwendigkeit unserer
Organisation so eindringlich zu begründen und
ins Licht zu führen, als dies die Zeitereignisse
tun. Körperliche Erstarkung, Hebung der phy¬
sischen und psychischen Widerstandsfähigkeit
werden zu einem unabweislichen Postulat der
Jugenderziehung im Hinblick auf die ungeheuren
Strapazen, denen unsere Brüder im' Felde aus¬
gesetzt sind; begeisterungsfähige Herzen, ideal¬
erfüllte Seelen bedürfen unsere kämpfenden Mak-
kabim', sollen sie dort den gewaltigen Anforde¬
rungen an Körper und Gemüt erfolgreich wider¬
stehen. Es ist darum nur ein Gebot der natür¬
lichsten Selbstverständlichkeit, wenn wir gerade
die Pflanzstätte solcher mannhaften Erziehung
aufs sorgfältigste pflegen und so weit als mög¬
lich vor Schaden zu bewahren suchen. So haben
schon mehrere Vereine, um auch iri administra¬
tiver Hinsicht allen Erfordernissen zu entspre¬
chen, ihre Jahresversammlungen abgehalten und
damit die nötige Vorsorge für den internen
Betrieb im Gemeinwesen getroffen. Aber auch
kulturelle Arbeit gedeiht in unseren Korpora¬
tionen und beweist, daß die Vereinsleitungen
tatsächlich darauf bedacht bleiben, auch der
hiergebliebenen Mitgliedschaft nichts von jenen
erzieherischen Wohltaten vorzuenthalten, welche,
die turnerische Arbeit ergänzend, unsere jetzt
fernen Turnbrüder zu vollen, aufrechten Men¬
schen, zu bewährten, ausgezeichneten Helden für
Volk und Vaterland werden ließen.
Rus RuEtland.
In Warschau ist totaler Geldmängel einge¬
treten, der Handel versagt. Die polnischen Zei¬
tungen verbreiteten die Nachricht, daß die Juden
das Geld nach Deutschland ausgeführt hätten,
damit man leichter Polen erobern 'könne. Sie
haben als Faktum erzählt, daß seinerzeit ein
großes jüdisches Leichenbegängnis sTattgefunden
habe; es sei aber überhaupt niemand gestorben,-
sondern die Juden hätten im Leichenwagen Gold
aus der Stadt geführt. Solche Hetzereien be¬
wirkten, daß man keinen Juden unbehelligt durch
die Gasse ließ; im sächsischen Garten fanden
solche Schlägereien statt, daß der - Gouverneur
den Garten gänzlich schließen ließ. Warschau
ist jetzt voll mit Soldaten. Die Polen hetzen
sie mit der Mitteilung auf,' daß die Juden gern
sehen würden, wenn Polen an Deutschland fiele.
Mehr brauchen diese-nicht. Sie -überfallen die
Juden, schlagen und berauben sie.
Als das Manifest erschien, -daß die Polen
im Falle eines russischen Sieges die Freiheit
erhalten würden, sind diese vor Freude natür¬
lich über die Juden hergefallen und haben jeden
geprügelt, den sie nur erwischten.
In den kleinen Hintergäßchen, wo Juden
wohnen, kommen täglich Räubereien und arge
Schlägereien vor.
In einem Orte neben Warschau, avo sich
die Deutschen aufgehalten haben, hat man die
Juden beschuldigt, die Deutschen freundlich
empfangen zu haben. Kosaken haben den Rab¬
biner herausgeschleppt und geschlagen. Die
Rabbinerin erhielt einen tödlichen Säbelhieb auf
den Kopf; auch der Rabbi starb nach Zwei
Wochen. _
Schon seit neun Wochen sind alle Fabriken
gesperrt, es ist nicht ein Groschen zu ver¬
dienen. Dazu ist alles teuer geworden. Brot
kostet das Pfund 6 Kopeken, Salz 7, Zucker
•25, ein Pud Kohlen 1 Rubel, ein Quart Pe¬
troleum 20, ein Pfund Mehl 10 Kopeken und
5 Rubel ein Kerez Kartoffel, und ist nicht immer
zu haben. Wenn man nichts ißt und im Finsiern
sitzt, ist man \ r ersorgt.
In Lodz versuchten die Russen ihre er T
probte Methode, die Christen gegen die Juden
aufzuhetzen. Unter anderem mußten die Zei¬
tungen unter russischem Regiment die Nach¬
richt verbreiten, daß die Deutschen in Czen-
stochau den Christen den Hektoliter Kohlen zu
1 Rubel verkauften, von den Juden jedoch nur
75 Kopeken genomtnen haben.
Nach Privatberichten aus Petersburg, die in
Genf -eingetroffen sind, fanden in der russi¬
schen Hauptstadt letzthin wieder die bekannten
„Oblawi“, das sind nächtliche Haussuchungen
nach nicht wohnungsbereditigten Juden, statt.
Dabei wurden auch diejenigen Juden nicht ge¬
schont, die sich aus den Orten 'des Kriegs¬
schauplatzes nach der Hauptstadt geflüchtet hat¬
ten. Ein jüdischer Soldat, dem' ein Bein ampu¬
tiert worden war, wurde nach' der Entlassung
aus dem Moskauer Spital, weil er dort nicht
wohnungsberechtigt ist, in seinen Heimatsort ab¬
geschoben. Russische Blätter besprechen diese
Nachricht mit strengstem Tadel wie auch an¬
dere Maßnahmen der Regierung, durch welche
die rechtliche Lage der Juden beschränkt wird.
Unter diesen ist hervorzuheben, daß den aus
feindlichen Ländern zurückgekehrten jüdischen
Studenten die Erlaubnis zur Ablegung der Prü¬
fungen, nachdem sie ihnen anfänglich gewährt
wurde, jetzt wieder strikt verweigert wird. Ge¬
suche von Schülern um' Aufnahme in die Mittel¬
schulen über die Prozentnorm hinaus werden
abgewiesen. Zugroßen Protesten gab auch der
Vorschlag des Ministers des Innern Makläkow
Anlaß, daß bei der Genehmigung von Aktien¬
gesellschaften die Ausschließung von Juden als
Direktoren und Aufsichtsräte wieder streng
durchgeführt werden soll. y
Aufruf!
Gefertigter plant die Herausgabe des Nach¬
lasses \ r on Dr. Hugo Zuckermann, in dem'
die neue jüdische Dichtung .eine ihrer reichsten
Begabungen verloren hat.
Die Dichtungen und Uebersetzungen des viel
zu früh Verstorbenen sind verstreut in jüdi¬
schen ' und nichtjüdisChen Blättern erschienen,
manche auch wohl in Handschrift als persön¬
liche Widmungen an seine Freunde und Be¬
kannten gelangt. Der Unterzeichnete wäre des¬
halb besonders dankbar, wenn ihm', namentlich
aus jüdisch-nationalen Kreisen, die Dichtungen
oder Uebersetzungen von Dr. Hugo Zucker¬
mann in Original oder Abschrift zugesandt wür-
! den und verpflichtet sich, die Manuskripte so-
j fort nach erfolgter Drucklegung den Eigen-
i tümern zurückzustellen. Des Verstorbenen über¬
aus schöne und kongeniale Uebersetzung von-
Perez „Die Nacht auf dem alten Markt“ be¬
findet sich bereits im Drucke und wird voraus¬
sichtlich im Frühjahr als erster jüdischer Lieb¬
haberdruck in einer numerierten Auflage von
500 Exemplaren erscheinen.
Dr. Mayer Präger, Verlag Löwit •
Wien, L, Rotenturinstraße 22.