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JÜDISCHE ZEITUNG
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.als! in Deutschland. Neben den eigentlichen Auf¬
gaben' widmen sich die Vereine der allgemeinen
Kriegsfürsorge und speziell den aus Galizien
geflüchteten Stammesgenossen.
Per Deutsche Kreisvorstand steht ganz unter
Waffen. Die größeren Vereine (Berlin, Hamburg,
Frankfurt a. M.) setzen ihre Arbeit fast unge¬
stört in allen Abteilungen for+. Aber selbst klei¬
nere Vereine (wie Stettin, Köln, Halberstadt,
Nürnberg, Kattowitz, München) halten ihre Tä¬
tigkeit aufrecht.
Zionisten im Felde.
Leutnant Dr. Hugo Bergmann, A. H.
der Bar-Kochba in Prag, Amanuensis der dor¬
tigen deutschen Universitätsbibliothek, wurde in
Anerkennung tapferen Verhaltens vor dem Feinde
mit dem Signum laudis ausgezeichnet und
zum Oberleutnant befördert. Dr. Berg¬
mann liegt gegenwärtig verwundet in einem
Wiener Spital;
Leutnant Herman Steuer, A. H. der jüd.-
akad. Verbindung „Emunah“ in Bielitz wurde
zum Oberleutnant befördert;
Assistenzarzt Dr. Max A r m i n s k i, Wien,
der am südlichen Kriegsschauplatz tätig war,
erhielt dieser Tage seine Beförderung zum
Oberarzt; ;
Patrouillenführer Arnold O o 1 d s t e i n, der
als Bauer verkleidet seine Kompagnie rettete,
erhielt die silberne Tapferkeitsme-
d a i 11 et I. Klasse.
Og. Dr. Moriz Tischler, Assistenzarzt,
• A. H. der jüd.-akad. Verbindung „Unitas“ wurde
mit dem goldenen Verdienstkreuz am
Bande der Tapferkeitsmedaille aus¬
gezeichnet. 1 *
Oie Berliner Jüdische Studenten:
schalt ISr den Roten Halbmond.
Zu Gunsten des Roten Halbmonds ver¬
anstaltet das Kartell Jüdischer Ver¬
bindungen im Preusssischen Abge¬
ordnetenhaus in Berlin einen Zyklus von
Vorträgen, die die Zusammenhänge zwischen der
Zukunft des Orients, Deutscher Weltpolitik und
Jüdischer Kolonisation im Osten behandeln wer¬
den. Hervorragende Kenner der Probleme haben
die Referate übernommen. Den ersten Vortrag
am 3. März wira Herr Paul Rohrbach
über die Zukunft des Orie nts halten; am
10. März wird Herr Dr. Martin Buber über
„Die Juden als Volk des Orients“ spre¬
chen ; Herr Dr. Ernst Jaeckh wird am
17. März über das Thema: „DeutscheWelt-
politik und Türkische Entwicklung“
vortragen; den Zyklus wird am 24. März Herr
Dr. Alfons Paquet, der vor kurzem längere
Zeit der Besichtigung der Kolonien Palästinas
gewidmet hat, mit dem Vortrag „Erlebnisse
m Jüdischen Kolonien“ abschließen.
Kriegsbrief aus Jaffa.
Der erste feindliche Flieger über Jaffa. — Kino-
Vorstellung mit Beilis. — Postverkehr. — Regen¬
reicher Winter.
Heute haben wir hier die ersten Vorboten
des Krieges begrüßen können. Ein englisches
Kriegsschiff erschien gegen 8 Uhr früh vor Jaffa
und entsandte einen Flieger, der nach einstündi-
gem Fluge längs der Küste zum Schiffe zu¬
rückkehrte, worauf das Schiff sich in nördlicher
Richtung enfertnte. Vorgestern ist ein Hydro-
plan über Gaza aufgestiegen, der, von Geschütz¬
schüssen verfolgt, einige Bomben auf die Stadt
niederwarf, ohne jedoch irgendwelchen Schaden
anzurichten. Das Wetter der letzten Tage eignet
sich ausgezeichnet für Rekognoszierungs-Unter¬
nehmungen : die See ist still, flach und glatt,
ohne Fältchen, die Luft ist durchsichtig und
klar, wie man sich das im düsteren nordischen
Klima kaum richtig vorstellen kann. An solchen
Tagen sehe ich von meinem flachen Dache aus
20 bis 25 Kilometer entfernte Ansiedlungen mit
freiem Auge so deutlich, daß ich die einzelnen
Häuser und Pflanzungsanlagen genau unterschei¬
den kann; mit einem guten Fernrohr kann man
das weidende Vieh und vorbeispazierende Men¬
schen in ihren Bewegungen genau beobachten
und einzeln abzählen.
Für Jaffa, das überhaupt bis heute nur
zwei Flieger zu beobachten Gelegenheit hatte,
war der hübsche Flug des englischen Auskund¬
schafters an sich ein interessantes Schauspiel;
der allgemeine Eindruck des Ereignisses aber
war nicht überwältigend, da wir schon andert¬
halb Monate uns im Kriegszustand befinden und
längst solche Besuche erwartet haben. Die Gar¬
nison und die aus Beduinen-Reitem gebildete
Küstenwache war im Nu vollständig bereit. Alle
Maßnahmen, einem möglichen Angriff auf die
Stadt entgegenzutreten, sind längst getroffen.
Die Bevölkerung verhält sich vollständig ruhig;
nur einige Dutzend arabische Familien, die sich
in ihren, dem Strande nahe gelegenen Wohnun¬
gen nicht sicher genug fühlten, haben die Frauen
und Kinder mit 'zwei Extra-Zügen heute nach
dem Innern des Landes geschickt.
Das heutige Ereignis war immerhin eine
Unterbrechung des monotonen Lebens der letz¬
ten Wochen, an das man sich bereits gewöhnt
hatte. Man hat sich selbst damit abgefunden,
daß man um 8 Uhr abends bereits zuhause
sein muß, keine Spaziergänge und Besuche ma¬
chen oder empfangen kann. Die an ein reges
geselliges Leben gewöhnten Europäer traf diese
Verordnung der Achtuhr-Sperre zunächst
etwas schwer, man tröstete sich aber bald durch
ausgiebigeren Schlafgenuß auch über diese Le¬
benseinschränkung wie über manche andere Ent¬
behrungen, welche die Zeitverhältnisse mit sich
brachten. In den letzten Tagen ist wegen des
Chanukah-Festes das Herumspazieren auf
den Straßen bis 10 Uhr gestattet, jüngst sogar
gelegentlich einer Veranstaltung zugunsten des
„Roten Halbmondes“ bis Mitternacht erlaubt ge¬
wesen.
Unter dem Protektorate des Platzkomman¬
danten und der Beteiligung des Kaimakams (Be¬
zirkshauptmann-Landrat) sowie der übrigen höhe¬
ren Beamten und angesehenen Bürger brachte
diese Veranstaltung die gleichmäßige Zusammen¬
wirkung der arabischen und jüdischen Bevöl¬
kerung zum Ausdruck. Der Chor und das Or¬
chester des Hebräischen Gymnasiums sang und
spielte die türkische Hymne und hebräische Lie¬
der, zwischendurch wurden patriotische Reden
in arabischer Sprache gehalten und zuletzt das
Beilis - Drama kinematographisch dargestellt.
Mendel Beilis, der nach seiner Freispre¬
chung nach Jaffa übersiedelt war, und hier mit
seiner Familie ruhig und friedlich lebt, war bei
der Vorstellung zugegen und wurde, vom Kai-
makam herzlich angeredet und dem Publikum
vorgestellt, auf das Lebhafteste von allen be¬
jubelt. Beilis hat zusammen mit anderen Glau¬
bensgenossen um die Aufnahme in den türki¬
schen Staatsverband nachgesucht.
Nun sind wir vom Auslande ganz abge¬
schlossen. Das letzte italienische Schiff, das eini¬
ge Passagiere aufnahm, ging von hier am 5. De¬
zember ab, ein acht Tage später eintreffender
Dampfer durfte keinen Passagier ans Land setzen
noch irgend jemanden einbooten; aus militäri¬
schen Rücksichten ist der Schiffsverkehr zeit-
zeitweiiig verboten. Der Festverkehr hat
sich allerdings zum großen Teil von der Seever¬
bindung emanzipiert. Zum erstenmale seit Aus¬
bruch des Krieges von zahlreichen Scharen ein¬
rückender Deutschen und Oesterreicher befahren,
ist der Landweg nun zu einer ziemlich regel¬
mäßigen Verbindung zwischen Konstantinopel
una Syrien geworden. Haifa und Beiruth haben
gute Bahnverbindung mit Damaskus (je zwölf
Stunden), Damaskus bis Aleppo sechzehn Stun¬
den, sodann muß man in zwei bis drei Tagen
zu Wagen und (ungefähr zwölf Stunden) aut ei¬
nem Reittier den cilicischen Taurus überqueren
und kann dann von Adana mit den anatolischen
Bahnen bequem bis Konstantinopel kommen. Aut
diesem Wege hat sich bereits ein sehr geregelter
Postverkehr mit Deutschland und Oesterreich
eingestellt. Briefe trafen zwar infolge der Ent¬
fernung jenseits und diesseits der Grenze mit
großer Verspätung ein, Zeitungen dagegen fast
täglich nach ungefähr 14 Tagen. In den letzten
Wochen ist allerdings infolge sehr heftiger Re¬
gengüsse eine zeitweilige Störung eingetreten,
die uns dieser Winteranfang brachte.
Schon in den ersetn Novembertagen ging
in diesem Jahre reicher Regen nieder (gewöhn¬
lich beginnt die Regenperiode erst um die Mitte
November). Sodann folgten in kurzen Abständen
sehr starke Niederschläge aufeinander, sodaß in
Judäa (Umgebung Jaffa, judäisches Gebirge, Je¬
rusalem) übis jetzt schon über -400 mm Regen
niederging; die gesamte jährliche Regenmenge
beträgt jn dieser Zone 600 bis 800 mm. Wie
man weiß, hängt hier vom Regen alles ab.
Viel Regen ist ein Glück für Jerusalem, dessen
arme Bevölkerung den letzten Sommer unter
Wassermangel in den Zisternen schwer litt. Gro¬
ße Hoffnung erweckt der Regen beim Fellachen,
der früher an die Bestellung seines Feldes beran-
gehen und auf eine gute Ernte hoffen kann.
Umwsifiäfiiie Fäisdiungen.
In die täglich größer werdende Reihe der
unverschämtesten Fälschungen selbst der offen¬
kundigsten Wahrheit von seiten der russischen
Regierung, gehört auch die Erklärung, die Herr
Sasanow in der Dumasitzung vom 10. Feber
über die Judenpogrome in Rußland abgab.
„Zu den mißgünstigsten Erfindungen der
Deutschen gehören die Gerüchte über Juden¬
pogrome, welche die russischen Truppen
angestiftet ihaben sollen. Ich ergreife die Ge¬
legenheit, hier von der Tribüne des Parlamen¬
tes aus kategorisch die Verleumdun¬
gen zu dementieren. Denn, wenn die
jüdische Bevölkerung auf dem Kriegsschau¬
plätze gelitten hat, so ist dieser Uebelstand
nicht zu verhindern, denn die Bewohner von
feindlichen Gegenden haben immer zu leiden.
Uebrigens erklärten Augenzeugen einsimmig,
daß die größten Verwüstungen in
Polen das Werk der O e s t e r r e i c h e r
und Deutschen seien. Der deutsche Bot¬
schafter in Washington war eifrig bemüht,
solche Gerüchte auszustreuen, um in den Ver¬
einigten Staaten eine uns feindliche Stimmung
zu schaffen. Aber der gesunde Menschenver¬
stand der Amerikaner bewahrte sie davor, in
die grob gestellte Falle zu gehen. Ich hoffe,
daß die guten russisch-amerikanischen Bezie¬
hungen nicht durch die Umtriebe der Deutschen
leiden werden.“
Judenverfolgung in Rigerien.
Nach einer Meldung der „Guerre so¬
ciale“ sind 50 Tansend Juden in
Algerien fortdauernden Unterdrückun¬
gen ausgesetzt, wie in den schlimmsten Tagen
des Antisemitismus. Zahlreiche jüdische Fami¬
lien, die aus diesem Grunde Algerien verlassen
mußten, sind nach Frankreich gekommen,
wo sie jedoch nicht die Hilfe fanden, auf die
sie Anspruch haben, sondern weiter wie Aus¬
gestoßene behandelt wurden.
Die Emanzipation der Juden auf dem
frommeren EriedensbongpeD.
Unter dem Namen „Jüdisches Emanzipations-
Komitee“ hat sich hier unter dem Vorsitz des
Richters Jakob S. Strahl ein Komitee gebildet,
das die öffentliche Meinung für eine wirksame
Vertretung der Gleichberechtigung der Juden in
allen Ländern auf dem kommenden Friedens¬
kongreß vorbereiten will.
Man rechnet zwar nicht auf eine offizielle
Vertretung der jüdischen Gesamtheit auf diesem
Kongreß, wohl aber damit, daß alle Kultur¬
staaten sich zum Anwalt der jüdischen Sache
machen werden, wenn ihnen das notwendigste
Material dazu geliefert wird.
Das Komitee ist interkonfessionell und
möchte zu ähnlichen Aktionen in den anderen
Ländern anregen.
Gie&esgafcnsenöungen der zion.
Uzreinigung für Deutschland.
Die Zionistische Vereinigung für Deutschland
hat in der Woche vom 1. bis 7. Februar, für
welche Zeit von der Postbehörde Pakete im
Gewicht bis zu 500 Gramm zugelassen waren,
weitere 300 Sendungen an jüdische Soldaten im
Felde zur Versendung gebracht; die Hälfte dieser
Pakete ging an solche Soldaten, die als bedürftig
angegeben wurden. Insgesamt 'wurden bisher über
2000 Pakete ins Feld geschickt. Die vielen
überaus herzlichen Danksagungen, die der Zio¬
nistischen Vereinigung für Deutschland täglich
von der Front zugehen, beweisen, mit welch
aufrichtiger Freude das Eintreffen der Liebes¬
gabensendungen aufgenommen wird. Das Ko¬
mitee, z. Hd. von Herrn Max Wollsteiner, Char¬
lottenburg, Roscherstraße 5, nimmt auch weiter¬
hin Adressen armer jüdischer Soldaten gern ent¬
gegen, da sich auch eine ganze Anzahl von
Vereinigungen gemeldet hat, die an solche Adres¬
sen ebenfalls regelmäßig Liebesgaben absenden
wollen. .
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