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Seite 2. - JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 52
Was werden dte übrigen „Stützen“ des magya¬
rischen Judentums zu diesem authentischen, wenn
auch ungewollten Geständnis sagen? Werden sie
es auch weiterhin versuchen, ihre Mitschuld an der
Hetze gegen die jüdisch-galiziscben Flüchtlinge zu
bestreiten? ....
* *
Ein merkwürdiges Bedenken.
ln einem orlhodoxen Budapesler Blatte finden
war folgende Notiz, die mehr als von einem
Gesichtspunkte ebenso interesssant wie charakteri¬
stisch ist:
„Über eine neue Bewegung in orthodoxen
Kreisen werden wir von mehreren Städten Ungarns
verständigt. So erhielten wir zum Beisp. aus Preß-
burg die folgende Zuschrift: „Die verschiedenen
intelektuellen Schichten der galizischen Flüchtlinge
haben bei uns günstige Spuren hinterlassen; man
ist zur Ansicht gekommen, daß das Erlernen nnd
die Kultivierung der hebräischen Sprache, vom
religiösen Standpunkt genommen, keine Besorgnisse
erregen darf, wenn man unter der strenggläubigen
Jugend selbst — mit Ausschaltung aller verderblich
wirkender Elemente — Lehrkurse für die Pflege
der heiligen Sprache einrichten sollte. Hier ist
eine diesbebügliche Bewegung bereits im Stadium
der Entwicklung.“ Soweit die Zuschrift VV i r wollen
uns bezüglich der Stellungnahme zu dieser Bewe¬
gung vorläufig noch eine Reserve auferlegen und
erwarten vorerst diesbezügliche Äußerungen beru¬
fener Faktoren.“
Bisher das Blatt Also auch nach „Ausschaltung
aller verderblich wirkender Elemente“ müssen e st
die „berufenen Faktoren“ sich äußern, ob Hebräisch
an sich koscher ist
Oie Mn im Weltliriege.
Die nachstehende Zuschrift des k. u. k. Konter¬
admirals d. R. Geza dell’ Adami v. Tärczal,
die wir der „Neuen Freien Presse“ vom 25. d. M.
entnehmen, möge beweisen, wie man in den höhe¬
ren militärischen Kreisen die Leistungen der Juden
im gegenwärtigen Kriege auf allen Gebieten einzu¬
schätzen versieht.
Diese Zuschrift lautet wörtlich:
„Euer Hochwohlgeboren 1 Mit diesen Zeilen
möchte ich die Anregung geben zur Herausgabe
eines Werkes, betitelt „Die Juden Österreich-
Ungarns im jetzigen Weltkriege“.
Die Juden haben heldenmütig in der Front
gekämpft, als Ärzte,Außerordentliches geleistet,
in Galizien die jüd. Bevölkerung einen nicht genug
hochzuschätzenden Patriotismus bewiesen, wofür
nur, um einen Bewäis desselben hier anzu¬
führen, die Hilfe erwähnt sei, welche sie ver¬
sprengten Offizieren unserer Armee angedeih-n
ließen, indem sie denselben in ihren Heimstät¬
ten eine Unterkunft gewährten, ihnen Zivilkleider
gaben und denselben zur Flucht verhaifen.
Schon Montecuccoli sagte, zum Kriegführen
brauche man Geld, Geld, und in welch hohem
Ausmaße sich die Juden durch große Zeich¬
nungen an den bisherigen Kriegsanleihen betei¬
ligt, wäre leicht nachweisbar. Durch Anführung
der Taten und Leistungen einzelner, welche für
ihre Verdienste von Sr. Majestät ausgezeichnet
wurden und die im Wege eines Aufrufes zur
Bekanntgabe an die Redaktion des Werkes von
den in Betracht kommenden Personen selbst
einzuholen wären, könnte ein reiches Material
zur Verfügung gestellt werden.
Die Beteiligung der Juden an den Kriegs¬
fürsorgezwecken und all den zahlreichen
Wohltätigkeitsanstalten hättefein weiteres Ka¬
pitel des Werkes zu bilden.
Das Werk selbst würde nicht nur ein
historisches Denkmal und für die kommenden
Generationen ein Ansporn sein, gleiches zu
tun, sondern auch für die Stellung und das
Ansehen der gesamten Judenschäft der Mon¬
archie von großer Tragweite.
Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hoch¬
achtung Ihr ergebenster
Geza dell’Adami v. Tarczäli
k. u. k. Konteradmiral. '
Rudolfswerth, 18. Dezember 1915.„
Was die hierin geäußerte Anregung anbelangt,
möchten wir nur bemerken, daß das seit zirka
einem Jahre bestehende „Jüdische Kriegsarchiv“
(Wien II., Cirkusgasse 33) sowie dessen unter dem
Titel „Jüdisches*Archiv» erscheinenden Publikationen
eben diesem Zwecke dienen und hängt es nur. von
der tatkräftigen Unterstützung der Judenheit ab,
solche zu dem angeregten Werke auszugestalten.
flus Oer allgemeinen Presse.
In der „Neuen Zeit“, der „Wochenschrift der
deutschen Sozialdemokratie“ erschien am 5. Nov.
d. J. ein Aufsatz mit dem Titel „Die Juden in Polen“,
von dem wir nachstehend die einleitenden Sätze
bringen. Die in ihnen enthaltene Feststellung ist
umso interessanter, als der Aufsatz von der Feder
Felix Kons stammt, des sich immer als Polen
fühlenden (i s r a e 1 i t i sc h e n) Sozialisten Auch
ist der Redakteur der „Neuen Zeit“ der bekannte
soz. Theoretiker Karl Kautsky, der vor dem
Kriege bekanntlich eine Broschüre gegen den
jüdischen Nationalismus veröffentlicht hat.
.Und doch lesen wir folgenden Eingang ohne Be¬
merkung seitens der Redaktion:
„Nach den neuesten Forschungen entfällt der
erste Strom der jüdischen Einwanderung in Polen
auf das neunte Jahrhundert d h. auf die Zeit noch
vor derGründung despoInischenReiches.
Dieser ersten Einwanderung folgten bald darauf
andere und im zwölften Jahrhundert erscheinen die
Juden als ein so beträchtlicher Teil der Bevölkerung
dieses Landes, daß der polnische König Mieschko
der Alte (1173—1177) eine ganze Reihe Gesetze
erlassen mußte, um die Rechte und Pflichten der
eingewanderten Juden dem Staat und der polnischen
Bevölkerung gegenüber festzusetzen. Die jüdische
Bevölkerung betrat also das Territorrum des jetzigen
Polens noch v o r der Gründung des polnischen
Reiches, und im zwölften Jahrhundert erscheinen
. die Juden schon als sesshafter Teil der Bevölkerung.
Angesichts dieser geschichtlich durchaus feststehen¬
den Tatsachen kann somit gar keine Rede von
„Ureinwohnern“ und „Zugewanderten“ oder „Gast¬
gebern und „Gästen“ sein, Redewendungen, mit
denen heute, selbst sogenannte liberale Blätter ihre
antisemitischen Ausführungen zu rechtfertigen su¬
chen. Es wohnten und wohnen in Polen
bis auf den heutigenTag zwei Nationen,
von denen die eine die Minderheit und die andere
die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht, wobei
aber die Juden in Polen alsbald die Rolle einer
bestimmten Gesellschaftsklasse übernahmen.“
Was werden dazu seine galizischen Genossen,
die Herren Diamand, Liebeonanri & Co. sagen, die
jetzt in den Polenklub eintreten und eine jüdische
Nation nicht kennen ?
*
In den beiden letzten Heften der „Preußischen
Jahrbücher“ findet sich eine interessante Auseinan¬
dersetzung über das polnisch-jüdische Problem
zwischen Herrn Bemard Lauer,, der den Stand¬
punkt der polnisch-jüdischen Assimilanten vertritt,
1 und Herrn Nachum G o I d m a n n, der die Sicher¬
stellung der national-kulturellen Rechte der polni¬
schen Judenheit fordert. Wir geben im Folgenden
den Gedankengang des Goldmann’schen Aufsatzes
wieder.
Er weist darauf hin, daß die polnische Juden¬
heit einen geschlossenen und voll entwickelten
nationalen Organismus bildet, und alle Merkmale
eines solchen besitzt Schon allein die Tatsache,
daß von 1,957.000 Juden,_ die in Polen leben, im
Jahre 1913 1,942.000 das Jüdischdeutsche als ihre
Mutter- und Umgangssprache angaben, beweist aufs
Schlagendste ihren nationalen Charakter. Es ist
darum sittlich nicht gerechtfertigt, der polnischen
Judenheit das Recht zur nationalen Fort¬
existenz abzusprechen, da sie als existie¬
rende Nationalität auch das sittliche Recht auf ihre
Forterhaltung besitzt.
■ Er wendet sich sodann gegen den Vorwurf,
der gegen ihn erhoben wurde, daß er die polni¬
schen Juden germanisieren wolle, und betont, daß
er ihre Germanisierung ebenso wenig wün¬
sche wie diePolonisierung, vielmehr die
Erhaltung als Juden fordere, die eben im
Interesse Deutschlands liege. Sodann tritt er dem
immer wieder vorgebrachten Argumente entgegen,
die Forterhaltung der polnischen Juden als Nation
werde den Frieden des Landes untergraben, er
weist auf den brutalen Egoismus hin, der?sich in
dieser Argumentation ausdrückt und fordert von
den Polen soviel Gerechtigkeitssinn, daß sie die
Existenz der jüdischen Nation neben der ihrigen
anerkennen und ihr das Recht auf das Dasein nicht
bestreiten; dann werde der Friede des Landes nicht
bedroht sein. Diese Lösung gibt beiden Parteien,
was sie fordern dürfen: Den Juden das Recht zur
Fortexislenz, den Polen die Anerkennung des vor¬
herrschenden polnischen Charakters dieses Landes.
Außer dem Aufsatz von Goldmann ist in dem
Dezemberheft der „Preußischen Jahrbücher“
ein Aufsatz von Dr. Max'Hildebert Böhm „Vom
jüdisch-deutschen Geist“ erschienen. Dieser Aufsatz
behandelt vom deutsch-völkischen Standpunkt aus
die Broschüre von Hermann Cohen: „Deutschtum
und Judentum“, deren Gedanken er scharf ablehnt,
und das „Sammelbuch vom Judentum“.
*
ln der bekannten amerikanischen Zeitschrift
„Scientifikal American“ erschien ein Aufsatz von
Emest Beaumont über die Fruchtbarkeit Palä¬
stinas mit Hinsicht auf die jüdischen und deut¬
schen Kolonien. !
Im Novemberheft des „Kunstwart“ ist ein Auf¬
satz von Hermann U11 m a n n „Polen, Juden und
Deutsche“ erschienen. Von besonderem Interesse
ist das Urteil Ullmanns betreffs des polnisch-jüdi¬
schen Verhältnisses, aus dem wir die nachstehende
Stelle reproduzieren:
„Kennzeichnend für den Osten und alle Betei¬
ligten ist das Verhältnis des Polentums zu den
Juden. Der wüsteste Antisemitismus, der sich denken
läßt, wuchert in giftigen Blättchen, Boykotten und
Hetzereien — der „Erfolg“ ist: „Daß man aus lauter
Judenhaß den altererbten Polenschmerz aufgibt und
russophil wird. Die antisemitischen
Blätter sind zugleich die russophilen.
Der Judenhaß verrichtet dieselben Dienste wie der
Deutschenhaß. Nirgends aber sieht man auch nur
den leisesten Ansatz zu einer bewußten, durchdach¬
ten oder auch nur ehrlich gewollten Förderung der
Judenfrage.“ j_
Die Kriegshilfe der russischen Juden.
Einem Berichte des Rechtsanwaltes Sliös-
berg in der Versammlung jüdischer Ingenieure und
Techniker, die am 8. v. M. in Petersburg statt¬
fand, entnehmen wir folgende Angaben über die
Kriegshilfe der jüdischen Komitees in Russland:
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