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len ermächtigt ist, nur die Note des k. spanischen Mi¬
nisteriums des Aeußern erwähnt, daß die spanischen
Consulcn im Auslande berufen sind, in Eheangelegen¬
heiten der spanischen Angehörigen im Auslande die¬
selbe Intervention auszuüben, die in der Halbinsel
durch die Richter erster Instanz bei Minderjährigen
und im Falle des Nichtvorhandenseins des Vaters,
der Mutter oder der Großeltern in der Weise ausge¬
übt wird, daß sie im Vereine mit dem Tcftamentscu-
rator und mit dem zusammenberufenen Rathe der
Verwandten ihre Einwilligung zur Ehe zu ertheilen
haben. Dieses Jntimat wurde den Seelsorgern aller
Consessionen mitgetheilt.
Wien, Ende Juli. Auf dem Gebiete unseres
culluellcn und Gemeindelebens herrscht gegenwärtig
ein Stillstand, der nicht sonderlich geeignet, der jüd.
Journalistik für ihre Thätigkeit dankbaren und ergie¬
bigen Stoff zu liefern. Die politischen Bewegungen,
die für die nächste Zukunft schon die staatliche Neuge¬
staltung unseres Kaiserstaates in so unverkennbarer
Weise signalisiren, lasten für den Augenblick alle son¬
stigen Interessen in den Hintergrund treten. Mit wel¬
cher Spannung auch die israel. Bevölkerung Oester¬
reichs einer gänzlichen Metamorphose der bisherigen
Verfassung entgegensieht, braucht wohl nicht erst ge¬
nauer bezeichnet zu werden. Es dürste mithin voll¬
kommen genügen, so ich Ihnen sage, daß die Juden-
heit Gesammtösterreichs von diesen Umwandelungen
nichts Geringeres erwarte, denn ihre — vollstän¬
dige Emancipation. Möge diese allerdings be¬
rechtigte Hoffnung nicht neuerdings als eine leere,
illusorische sich erweisen! Für den Fall einer gün¬
stigen Erledigung unserer Angelegenheit jedoch möge
man allenthalben überzeugt sein, daß die erfreuliche
Wendung der Dinge bei weitem nicht als Errungen¬
schaft der neuzeitlichen cultuellen Reformen, wie diese
unter dem österr. Israel leider nur zu sehr Platz ge¬
griffen, oufzufasten sei. Wir müssen dies rechtzeitig
constatiren, da bei der dermaligen factischen Begriffs¬
verwirrung, wie dieselbe von unserer reformistisch-jüdi¬
schen Presse mit beispiellos löbl. (?) Eifer in Permanenz
erhalten wird, hie und da manche Schwachköpfe wirk¬
lich zu der irrigen Annahme verleitet werden könnten,
als wäre die social politische Gleichstellung der Juden
in der That blos mittels Choralgesanges und Orgel-
klanges, mittels Amalgamirungs-, Afftmtirungs- und
sonstigen zeitgemäßen (?) Bestrebungen erreichbar.
Nein! Diese Behauptung wäre mit all ihren schädli¬
chen Consequenzcn eine durchgehends irrige, boden¬
lose. Wie immer, ist's auch diesmal die unsichtbar
waltende Gotteshand, die in den Lauf der anstür¬
menden Zeitereignisse mächtig eingreifend — diese nach
der unersorschlich tiefen himmlischen Weisheit gestaltet,
umgestaltet, neugestaltet.
Jüngst brachte der „Israelit" einen Artikel aus
Stuhlweißenburg, der eine Apologie des sel. Rabbi Mo¬
ses Sofer gegen die bübisch-hämischen Angriffe des
„B. CH " zum Gegenstände hat. Ich gestehe es Ihnen
gern, daß ich zu wieoerholtenmalen gesonnen war,
mich über diesen unliebsamen Punkt offen auszusprechen.
Doch habe ich mich bald überzeugt, daß es füglich am
zweckmäßigsten sein dürfte, das ^lächerliche Gebühren
des ung.-jüd. Blättchens mit verächtlichem Stillschwei¬
gen zu übergehen. Was wurde denn auch im Grunde
vom „V. CH." argumentirt? Durch die ganze heillose
Polemik sollte blos der Beweis geliefert werden, daß
der selige Sofer denn doch nicht — unfehlbar
gewesen! Höre Israel! Eine Entdeckung von welt¬
historischer Bedeutung wird in dem sogenannten „jü¬
disch-theologischen Wochenblatte" mitgetheilt: Der
selige Sofer war blos ein Mensch und konnte mit¬
hin als solcher auch — irren! — Sonderbar —
als wäre im Judenthum je irgend welcher Person die
Kraft der Jnfallibilität vindicirt worden! Der
bibl. Grundsatz: 'inx, wonach die Ansicht
auch des Größten in Israel dem Ausspruche der Ma¬
jorität unbedingt weichen muß, scheint kaum für eine
derartige Annahme zu sprechen. Wenn Schamai und
Hillel, wenn Abaja und Naöa, wenn Nabina
und Rab-Aschai 2c. 2c. mit und unter einander in
halachische Streitigkeiten gerathen — beweist dies etwa
nicht zur Genüge, daß Meinungsdifferenzen in Israel
von jeher stattgefunden und sohin von einer Unfehl¬
barkeit nicht die Rede sein könne? — Wahrlich, wen::
l)r. Luther seiner Zeit Mühe hatte, eine ähnliche
Behauptung gegen das Oberhaupt der katholischen
Kirche durch unumstößliche Beweise zu erhärten, so
bedarf eine Zumuthung dieser Art Rabbr Moses
Sofer, dem '22 bü gegenüber — auch
der geringsten Beweisführung nicht.
Neuhaus. Nicht selten wurde in der neuen
Zeit sowohl von Laien als auch von den sogenannten
Geistlichen die Behauptung ausgestellt, daß die Juden
deßhalb von den Bekennern der andern Consessionen
gehaßt werden, weil die mosaische Religion dem wahr¬
haft gläubigen Juden verbietet, mit den Christen ans
einer Schüssel zu speisen, mit ihnen sich zu verschwä¬
gern u. s. f. Daß diese Ansicht falsch ist, bedarf wohl
keines Beweises, Thalsachen sprechen dafür. Nachste¬
hendes Ereigniß wird dies noch mehr erhärten und
beweisen.
Herr B., Bürger und Tnchsabritant hier,
hat es an Nichts fehlen kaffen, um die Achtung seiner
christlichen Mitbürger zu verdienen, und zur Ehre der
Stadt sei es gesagt, sie hat ihm diese auch nicht vor¬
enthalten. Ob Herr B. sich soweit emancipirte, daß
er an den christlichen Tafeln die christliche Kost sich
schmecken ließ, wollen wir dahingestellt sein lassen; ge¬
wiß ist es, daß starres Festhalten an der Väter Sitte
ihm nicht zum Vorwurf (?) gemacht werden kann.