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scher des Organismus, der Mensch ist ein Zerrbild
seiner selbst geworden und auch die umgebende Welt
reflectirt nur noch Zerrbilder seinem gestörten Geiste.
So kann der Mensch, auch der reichste, gestern
noch in der Vollkraft körperlicher und geistiger Ge¬
sundheit angestaunte — heute schwach und hilflos
sein wie ein neugebornes Kind, und auf die Hilfe
und Pflege seiner Mitmenschen hingewiesen, auf
welche er noch gestern stolz herabgeblickt!
Oder es tritt gar der T o d, scheinbar allmäch¬
tig ein und allgewaltig in Palast und Hütte, schont
nicht Reich nicht Arm, nicht Jung nicht Alt, oft
plötzlich unerwartet wie der Blitzstrahl aus sonnigem
Himmel, oft sendet er seine Boten voraus, seine
schrecklichen, und Schmerz und Krankheit und Leid
und Siechthum sind die Mahnrufe, die der allbarm¬
herzige Vater im unerforschlichen, gewiß nur das
Beste seiner Kinder bezweckenden Rathschlage ihnen
sendet, und die zuletzt seinen ernstesten Boten —
oft noch als Erlöser erscheinen lassen.
Und er scheidet Eltern von Kindern, Kinder
von Eltern, Bruder von Schwester und Schwester
von Bruder.
Und nicht schauen mehr die Kinder das gott¬
begnadete Haupt ihrer Eltern, nicht leuchtet ihnen
mehr der sanfte, liebdurchglühte Strahl ihrer Au¬
gen, nicht erquickt, ermahnt, erhebt sie mehr das
liebende ernste Wort der Weisheit das ihren Lippen
entströmte, den Lebenspfad ihnen erhellte, die Wirr¬
nisse des Lebens ihnen glättete, das sie hob, das
sie hinaustrug auf Adlerschwingen über die Fahr¬
nisse des Daseins, das sie im Glück nicht übermüthig,
im Leid nicht verzagt sein ließ; — und nicht hebt
und stärkt sie mehr das Bewußtsein, daß neben dem
Auge des Vaters im Himmel auch das liebende,
fürsorgende Auge der Eltern wacht über sie und
ihre Kinder; daß ihre Gedanken, ihr ganzes Sinnen
und Trachten dem Wohl ihrer Kinder und Kindes¬
kinder geweiht, daß ihr Gebet täglich und stündlich
aufgestiegen zum Throne des Allmächtigen, hoffend,
bittend, flehend für ihr Wohl; — und es fehlt
ihnen der Mittelpunkt, es fehlt ihnen der lebendige
roto, der lebendige Altar, zu dessen Höhenwinkeln
die Kinder hinaufzuftreben und sich emporzuschwingen
hatten, sie sehen die Cherubimfittige nicht mehr, die
sie und ihr geistiges Heil behütet:-und die
Kinder wären nicht hilfs- und trostbedürstig, auch
wenn nicht leibliche Roth anpocht an ihre Pfor¬
ten, und wären nicht hingewiesen auf die Gnade
und Barmherzigkeit ihres Vaters im Himmel und
ans den Trost und die Theilnahme ihrer Mitmen¬
schen ! ?
Und er scheidet Kinder von Eltern.
Sei es, daß sie als zarte Knospen dahinwelken
und die Hoffnung der Tage und den Blüthentraum
der Zukunft ihrer Eltern mitnehmen in's frühe
Grab; — sei es, daß die Eltern schon verwirklichte
Hoffnung, schon verwirklichte Zukunft, vielleicht gar
die einzige Hoffnung und Stütze des Alters hinab¬
senken müssen in die Erde:-gleichgiltig ob
jung oder alt, wehklagend streckt der entblätterte,
entzweigte Stamm seine kahlen Wipfel zum Him¬
mel, und sollte sich nicht sehnsüchtig um Hilfe und
Trost nach oben, und seine Wurzeln nicht bettelnd
um frische Kraft, unk frischen Saft hinstreckeu nach
seinen Nachbarn!?
Und Brüder und Schwestern und Schwestern
und Brüder sollten sie nicht, wenn der Stamm
durch des Allmächtigen Hand gefällt der ihres Da¬
seins Quelle und Hort gewesen, und sie nun um so
fester und inniger aneknandergeschlossen in der Ver¬
einigung Stärke und Muth, Hoffnung und Trost
gefunden für die ferneren, sonneberaubten Tage des
Daseins: wenn nun auch aus ihrem stammlosen
Bunde der Tod ein Glied herausgreift, das mittra¬
gen half die Bürde des Daseins, das mitstützen half
die auf sich selbst angewiesenen Zweige, — —
sollten sie da nicht klagend und bittend sich wenden
nach oben, und des Trostes und der Hilfe entrathen
können der mitfühlenden und helfenden Genossen!?
So, sehen wir, kann nur der Anschluß an die
Mitmenschen, kann nächst Gott nur deren Liebe und
Freundschaft, Trost und Hilfe bringen, wenn Ar-
muth, Krankheit oder Tod einzieht in den Kreis der
Menschen.
Aber ist es nicht leider eine Wahrheit, daß
selbst der Freund sich nicht bewährt in der Noth,
daß Hilfe und Beistand, auf welche wir sicher ge¬
hofft, ja auf welche wir durch früher erwiesene
Wohlthaten den gegründetsten Anspruch hatten, ver¬
sagt und ausbleibt, grade wenn wir ihrer am
dringendsten bedürfen? Sagt nicht wahr das alte
Sprüchwort: donec eris felix multos numerabis
amicos daß mir so lange du im Glücke bist, auch
groß ist die Zahl deiner Freunde?
Und noch mehr als der Reiche bedarf ja der
Arme des Trostes und werkthätiger Hilfe, und der
Freund des Armen ist ja meist selbst arm und nur
selten, auch beim besten Willen nicht, im Stande,
die so nöthige Hilfe ausreichend zu gewähren.
Da muß nun die Gesammtheit eintreten.
Aber auch bei bester Organisation wird die
Hilfe der Gesammtheit nur mehr schablonenhaft
eingreifen können, und nichts bedarf wohl mehr der
Jndividualisirung als Noth und Krankheit; —
dann dauert es oft zu lange ehe der ja nicht zu