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Er sprengte dem Haine zu, der durch einen
Bretterzaun gegen fremde Eindringlinge geschützt,
friedlich dalag. Die Vögel zwitscherten vergnügt
in den Zweigen der Bäume; aus niedrigem Strauch¬
werk erklang in schmelzenden Tönen der herrliche
Gesang der Nachtigall, während zahme Rehe mit
ihren dunkeln Augen neugierig auf die Nahenden
blickten. Idyllische Ruhe und himmlischer Friede
waren über das ganze Besitzthum ausgebreitet, und
als sich nun ein leiser Wind erhob, säuselte es selt¬
sam in den Wipfeln der Oliven und der Palmen,
gerade als ob sich die Blätter gegenseitig ein süßes
Geheimniß mittheilen würden.
Um zum Eingänge zu gelangen, mußte die Ge¬
sellschaft noch eine Strecke weiter reiten. Endlich
hatte man die Eingangspforte, bei welcher ein Neger
von hünenartiger Gestalt Wache hielt, erreicht.
„Oeffne die Pforte, Du Hund von einem Scla¬
ven", rief ihm der Scheich schon von Weitem zu.
Doch der Neger that, als ob er nicht höre und ver¬
stehe und verzog nur, ohne sich zu rühren, das Ge¬
sicht zu einem häßlichen Grinsen.
Omar sah schon die Nöthe des Zornes im
Gesichte seines Herrn aufsteigen; da rief er dem
Sclaven einige Worte in einer fremden Sprache zn,
worauf dieser aufsprang, die Pforte weit aufriß und
mit über der Brust gekreuzien Armen sich verneigend,
den Reitern Einlaß gewährte.
Sofort eilten einige Sclaven herbei, welche
den Reitern die Pferde abnahmen, während Omar
mit dem Wache haltenden Neger sprach, der einen
Sclaven nach seinem Herrn sandte, um diesen von
der hohen Ehre, die seiner harrte, zu benachrichtigen.
„Du scheinst ja das Wort gefunden zu haben,
welches alle Thüren öffnet", sprach der Scheich zu
Omar; „sage mir doch, welcher Sprache gehört dies
Wort an."
„Nein, hoher Scheich," versetzte Omar, „dieses
Wort kenne ich nicht. Aber ich weiß, daß Ali, die¬
ser Sclave nur die Sprache der Franken versteht,
wählend er selbst stumm ist."
Hier wurde das Zwiegespräch unterbrochen.
Iussuf, der Jude, erschien, gefolgt von einigen Scla¬
ven, die F ächte und Erfrischungen trugen. Es war
eine hohe Gestalt, die noch ungebeugt die Last der
Jahre trug. Ein langer, weißer Bart umrahmte
sein edles Antlitz, tiefschwarze glänzende Augen blick¬
ten furchtlos unter den buschigen Augenlidern her¬
vor und musterten die vor ihm stehende Gesellschaft.
Ein bis fast zur Erde reichender Kaftan hob sein
ehrwürdiges Aussehen noch mehr, und als er sich
mit dem Anstande eines Veziers vor dem Scheich
verneigte und ihn in gewählter Sprache willkommen
hieß und sich glücklich pries, der hohen Ehre eines
Besuchs seines Herrn gewürdigt zu werden, blickte
ihn der Scheich erstaunt an.
„Du bist der Jude Jussns ?" fragt ihn barsch
der Gewaltige.
„So ist es, mein Herr und Gebieter; ich bin
Iussuf, Dein Diener."
„Wieso kommt es, daß ich Dich noch nie gesehen ?"
„Herr," entgegnete Iussuf, „Deine Unterthanen
sind so zahlreich, daß der Einzelne in der Masse
verschwindet."
„Das ist eine ausweichende Antwort, Jude;
Dich hätte ich nicht übersehen. Du scheinst kein
gutes Gewissen zu haben."
„Ich gehe selten aus, Herr! Mein Olivenwald,
mein Haus, mein Garten sind meine Welt."
Der Scheich blickte sich forschend um und fragte
dann weiter.
„Und Du hausest hier allein?"
Iussuf zögerte eine Sekunde; dann blickte er
den Scheich forschend an und sagte:
„Es ist so wie Du sagst, mein Gebieter; ich
hause hier allein mit meinen Sclaven.
In diesem Augenblick ertönte eine prachtvolle
Frauenstimme in der Nähe; sie sang eines jener
innigen deutschen Lieder, die in schwermüthiger Weise
das süße Glück der Heimath preisen.
Alle blickten sich verwundert um und lauschten
mit Wohlgefallen dem herrlichen Gesänge. Nur
Iussuf erblaßte und sein stummer Diener Ali schlich
sich mit allen Zeichen des Schreckens auf einen Wink,
den Iussuf ihm mit den Augen gab, unbemerkt
hinweg, worauf der Gesang alsbald verstummte.
Sinnend stand der Scheich da und niemand
wagte es, die herrschende Stille zu stören. Im
Inneren des Herrschers arbeitete es gewaltig und
drohende Wolken zogen herauf und lagerten auf
seiner finsteren Stirne. Was mochte es sein, das
seine Seele so erregte? Wer konnte es wissen!
Lange, lange Zeit ist cs her, daß er diesen Gesang
vernommen. Wie ein Traum klingt er herüber
aus einer fernen, fernen Zeit, aus fernem, fernem
Lande. — Er sah, ein lieblich Frauenantlitz sich
über ihn beugen, hörte die liebe Srimme — daraus
hin Stimmengewirr, fluchen und schelten — vorüber,
längst vorbei. Er fuhr mit der Hand über seine
Augen und blickte Iussuf drohend an.
Iussuf hielt den Blick muthig aus. Ali war
nicht mehr da; nun wußte er, daß die schöne Sän¬
gerin, seine einzige Tochter, längst geborgen war,
und deßhalb erschrack er auch nicht, als der mi߬
trauische Scheich ihm befahl:
„Zeige mir Dein Haus."
Iussuf verneigte sich und bat den Scheich, ihm
zu folgen. Sie gingen durch einen herrlichen Gar¬
ten. Rechts und links blühten die schönsten und
seltensten Blumen, während plätschernde Spring-
Nr. 50, S. 939/940 ist bereits zwischen S. 934/935 eingebunden.