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Der Gottesdienst schloß mit Psalm ISO, vom
Chore gesungen. WaS besonders erwähnt zu wer¬
den verdient, ist, daß fast sämmtliche hervorragende
Mitglieder der d w tibd, auch deren Chacham, Dr.
Gaster, sowie die der Reformgemeinde und deren
Prediger, Professor Marks, Rev. Löwe und Harris,
anwesend waren. Selbstredend waren auch sämmt-
liche Gemeinden durch ihre Vorsteher und Comilv-
Mitglieder vertreten; der Kürze halber erwähnen
wir nur: Baron Leopold de Rothschild, Sir John
Simon, Samuel Montag», Sir Philip Magnus,
Sir Francis Montefiore, Arthur Cohen (Queen's
Council), Benjamin Cohen, Sir Albert Sassoon,
Baron Ferdinand de Rothschild. Mich. Solomon,
(Delegirter von Jamaica), Lieutn. Colon. Goldsmid,
Alderman Cowan. — Unter den Ladies in der Da-
mengallerie bemerkte man die Gattin des Lord
Mayors, die Lady de Rothschild und ihre Tochter,
Baronesse Lepold de Rothschild, die Gattin des
Chief Rabbi, Lady Simon k.
Rach beendigtem Gottesdienste reichte der Lord
Mayor dem neuen Chief Rabbi den Arm, um ihn
zur Synagogenpforte zu geleiten, ihnen folgte die
ganze Gemeinde. Als der Chief Rabbi mit dem
französischen Grand-Rabbin seinen Wagen bestieg,
wurde er von den vielen Tausenden, die sich am
Duke's Place ansammelten, mit lautem „Hurrah!"
begrüßt.
Zeitungsnachrichten und Correspondenzen.
Deutschland.
Berlin, 21. Juni. Eine recht traurige Szene
entwickelte sich heute vor den Augen eines schau¬
lustigen Publikums in dem Andachtssaale der Reform¬
gemeinde. Klemperer vollzog öffentlich seine Metamor¬
phose. Es gelang selbst diesem gewanden Redner
nicht den kühnen Sprung nach der entgegengesetzten
Richtung, die plötzliche Wandlung zu rechtfertigen
oder auch nur begreiflich zu machen. Mein Ge¬
währsmann erzählt mir, daß ein Ruf der Ent¬
rüstung durch einen Thetl der Versammlung ging,
als der Redner iwn "hxz nach der iyd griff und
aus derselben die übliche Vorlesung hielt. Es waren
Mitglieder der Gemeinden Landsberg und Bromberg,
wo der gute Herr bis vor Kurzen fungirt und
Schechitah, Bedikah etcet. ein Vierteljahrhundert
beaufsichtigt hatte.
Ihm waren die heiligsten Institutionen anver¬
traut, nach seinen Entscheidungen richteten sich
Israeliten, die noch nicht mit den Ceremonien ge¬
brochen hatten, und nun erklärt der Meister: „Ich
habe Jahrzehnte hindurch eure heiligsten Gütern
nur zur Folie benützt, um meine Pfründe zu halten,
nun lasse ich die Maske fallen, und ihr könnt Zu¬
sehen, was aus eurem zerrütteten Gewissen und
eurem getäuschten Glauben wird." — Und mußten ,
sich nicht auch die denkenden Mitglieder der Mit¬
glieder der Reform sagen: wofür will uns der
Mann begeistern? Heute polemisirt er gegen die
„unverstandenen" Gebete, eifert für einen Gottes¬
dienst in der Muttersprache, ruft auf zu Familten-
andachten, da ihm der Sonntagsdienst nicht genügt;
wer bürgt uns, daß er am nächsten Sonntag nicht
all das Geredete feierlich widerruft und wieder
einen andern Standpunkt einnimmt? Wer fünfzig
Jahre den Sabbath hält und als gereifter Mann
die Fahne des allerheiligsten Tages sinken läßt,
warum sollte er nicht in absehbarer Zeit bei fest g
verschlossenen Thüren eine Vorstellung in einer I
Moschee geben? Wahrlich ein Gaudium für die I
Herren, welche Religion und Glauben verwerfen, I
weil ihnen ein heuchlerisches Pfaffenthum die Achtung I
vor dem überzeugungstreuen Diener Gottes I
geraubt. — ;
Frankfurt a. M. , 28. Juni. Mitten in
dem trüben Ernst unserer Tage macht eine
erfreuliche Erscheinung sich geltend; wir meinen
die Einmüthigkeit aller jüdischen Geister und Ge-
müther in dem Streben, Mittel und Wege zu
suchen, Hilfe aus vollem Herzen mit vollen Hän¬
den zu spenden, um das traurige Loos unserer von
der Stätte ihrer Geburt, von Haus und Hof ver¬
triebenen russischen Brüder und Schwestern zu er¬
leichtern und zu mildern. In diesem an sich gewiß
erfreulichen Zusammenwirken sonst im Denken und
Leben weit auseinander gehender Richtungen fehlt
es jedoch nicht an einer für die wahre Bedeutung
dieses Ltebeswerkes höchst gefährlichen Klippe, auf
welche hinzuwetsen gebieterische Pflicht ist! Wohl
werden den Vertriebenen Lebensmittel, Kleidung,
die Mittel für die Weiterreise, sowie Alles, was
zur Linderung ihrer Roth bettragen kann, gewährt,
aber, fragen wir, genügt man dabei auch den
Vorschriften unserer heil. Religion? Entsprechen die
Lebensmittel, die man den Unglücklichen reicht,
auch den Anforderungen unserer Speisegesetze? Wird
für die Weiterreise nur unter strenger Beobachtung »
von rot? nToar gesorgt? I
Alle Summen, und seien es die größten, die I
wir aufzubringen vermögen, erreichen nicht ihren I
Zweck, wenn man nur das körperliche Wohl der I
Vertriebenen im Auge hat und ihnen dabei ihre hei- I
ltgsten Güter, um die eben sie Haus und Hof U
verlassen, zu rauben sucht. Es ist deßhalb in W
allererster Linie darauf zu achten, daß die dem u
überlieferten väterlichen Religionsgesetze treuen »
Anhänger unter den Exulanten — und es ist Gott- I
lob gewiß die weitaus überwiegende Majori- 1
tat derselben — mit Gewissensruhe die I